Eine Weltreichshauptstadt mit Riesenkuppel

von Jan Stöpel

Was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Eine Doppelausstellung in Nürnberg dokumentiert derzeit die größenwahnsinnigen Pläne der Nazis für Berlin, das als neue Reichswelthauptstadt "Germania" heißen sollte, und für die "Tempelstadt Nürnberg".

Vom kleinen, allzu kleinen Inneren ins Große, ganz fürchterliche Große. „Wenn Völker große Zeiten innerlich erleben, so gestalten sie diese Zeiten auch äußerlich“, sagte Adolf Hitler im Jahre 1938 im „Haus der deutschen Kunst“. „Ihr Wort ist dann überzeugender als das gesprochene. Es ist das Wort aus Stein.“

Ein lautes, brüllendes, erschlagendes Wort sollte es nach Hitler sein, Gigantomanie, die keinen Widerspruch mehr zuließ. Der Führer, seiner Macht erst einmal sicher, wollte nicht gestalten. Er wollte umpflügen, Granit und Beton aufeinandertürmen, bis niemand mehr an der Größe des Reichs zweifeln konnte. Es galt zu demonstrieren, dass „die deutsche Nation nicht etwa einen zweitklassigen Wertfaktor darstellt, sondern dass sie ebenbürtig ist jedem Volk der Erde, auch Amerika.“ Das hieß: groß. Größer. Am größten. Größer als der Eiffelturm, größer als jedes Forum der Antike, größer als das Kapitol in Amerika. Von Hitler, der sich als erster Architekt des Reiches sah, für die Menschenmassen gedacht, die ihm und seiner Bewegung zujubeln sollten. Geplant, dem neuen aggressiven

Selbstbewusstsein der Deutschen Ausdruck zu verleihen – nach innen nicht weniger wie nach außen. „Auf keinem Gebiet entblößten sich die Endziele der Nazis durch Selbstdarstellung so gründlich wie auf dem der Architektur des Dritten Reichs, sowohl der realisierten wie erst recht der geplanten“, schreibt Ralph Giordano in seinem Buch „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte“.

Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte: Dann wäre aus Berlin „Germania“ geworden, die neue Weltreichshauptstadt. Dann wären München, Nürnberg, Hamburg und Linz zu Führerstädten umfunktioniert worden. Vierzig weitere Städte wären gefolgt. Man kann auch sagen: Sie wären durch die NS-Projekte zerstört worden, noch bevor die alliierten Bomberflotten dieses Werk im von Hitler entfesselten Krieg übernahmen. Wenn Hitler diesen Krieg gewonnen hätte: Wie einige der wichtigsten Städte Deutschlands dann ausgesehen hätten, zeigt derzeit eine Ausstellung, die Nürnbergs Rolle als Erinnerungsort der Deutschen eindrucksvoll unterstreicht.

Im Mittelpunkt der Doppelausstellung „Mythos Germania“ und „Tempelstadt Nürnberg“ stehen zwei Architekturmodelle. Darunter das der neuen Welthauptstadt Berlin/Germania. Entliehen ist es aus der Ausstattung des Breloer-Films „Speer und Er“. Und man kann sich nach diesem Film Hitler und seinen Architekten Albert Speer gut vorstellen, wie sie in ihrer Vorstellung Schneisen durchs Stadtbild zogen. Prachtstraßen, Aufmarschpisten, mit Granit belegt, um Panzer tragen zu können, aufgeraut, um den Stiefeln der Wehrmachtssoldaten Halt zu geben, flankiert von hochmütig schweigenden Riesenfassaden. Da marschierte der Hitlersche Ungeist, der Blumen nicht achtend, die er unter seinem Tritt zermahlte.

Hitler, Nürnbergs Oberbürgermeister Liebel und Speer, um 1938. Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg

Die Vertreibung tausender Menschen schon im Vorfeld der Baumaßnahmen wurde einkalkuliert. Als ihr neues Quartier wurden die Wohnungen bestimmt, aus denen man wiederum Juden vertrieben hatte. Albert Speer, der Architekt des Wahnsinns, vollbrachte im Nürnberger Prozess und in seinen Memoiren eine letzte Meisterleistung: Er überzeugte die Welt davon, dass er ein letztlich unpolitischer Künstler gewesen sei. Nach der Ausstellung in Nürnberg geht man klüger an seine Aussagen heran. Nicht nur, dass Speer Anordnungen für die Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen unterzeichnet hatte; er bediente sich für seine Riesenprojekte auch noch des Wirtschaftsimperiums der SS. KZ-Häftlinge in Neuengamme, Mauthausen, Natzweiler und Flossenbürg buken Ziegel und brachen Naturstein. Zu Tausenden starben sie für den Größenwahn Hitlers und seines Gehilfen.

 

Speer, ein Künstler? Nein, ein zynischer Technokrat, der höchstens fein hüstelte, wenn Hitler Stalin bewunderte und ihn vielleicht zitierte: „Finden Sie den Verlust von dreizehn Millionen Menschen zu viel für eine große Idee?“

Zurück nach Berlin. Am Schnittpunkt der Massenstraßen sollte ein gigantischer Triumphbogen stehen. Am nördlichen Ende aber sollte sich gleich einem Gebirgsmassiv eine ungeheure Kuppelhalle über die Giebel der Stadt erheben: Die „große Kuppelhalle“, geplant, mehr als 180000 Menschen aufzunehmen. Über 290 Meter hoch sollte dieses Monument der Verstiegenheit in den Himmel über Berlin aufragen, auf seiner Spitze ein Adler, der nicht länger nur ein Hakenkreuz in seinen Klauen halten sollte. Nein, über ein Modell der Erdkugel sollte sich der Adler nach Hitlers Willen erheben. Der Bau hätte jedes Maß gesprengt. Einundzwanzig Millionen Kubikmeter Rauminhalt: Über ein Dutzend Mal hätte die Peterskirche in den ungeheuren Raum gepasst, den Fernsehturm am Alexanderplatz hätte man  bis zur Besucherkugel in ihm unterstellen können, und für die Cheopspyramide hätte auch noch gereicht.

In Nürnberg kann man schauen – und heute noch schaudern. Über die weite Fläche des Reichsparteitagsgeländes nähert man sich dem Kongressbau, dem einzigen halbwegs fertiggestellten Großbau des „Dritten Reichs“. Um das Zentrum herum war ein Aufmarschgelände geplant, das alles aus der Geschichte weit übertraf. Insgesamt 60 Quadratkilometer galt es zu beplanen und zu bebauen, mit Plätzen, Tribünen, Türmen: ein unheiliges Fest-Feld für die „Tempelstadt der Bewegung“, wie Nürnbergs NS-Bürgermeister Willy Liebl die alte Reichsstadt nannte.

Glanzort sollte das „Deutsche Stadion“ sein. Gebaut aus edlem Material, sollte es noch als Ruine in tausenden von Jahren vom Willen des deutschen Zuchtmeisters Zeugnis ablegen. 405000 Menschen, fast ganz Nürnberg, hätten in diesem Stadion Platz nehmen können, hundert Meter oder fünfmal so hoch wie das dagegen fast schon putzig wirkende Olympiastadion in Berlin. So weit entfernt wären die Menschen in den oberen Rängen gewesen, dass man schon das Angebot von Spezialbrillen für Zuschauer erwog. In über zweihundert Fahrstühlen hätte man die Massen emporgehoben.

„1940 finden die olympischen Spiele noch einmal in Tokio statt“, sagte Hitler 1936 in Berlin. „Aber danach, da werden sie für alle Zeiten in Deutschland statt finden.“ Die Welt stoppte den Diktator. Auch seine Bauprojekte. Sein „Deutsches Stadion“ in Nürnberg hätte die Massen zum Nachkriegsreichsparteitag aufnehmen sollen – 1945. Doch da standen keine jubelnden Massen mehr am Dutzendteich, sondern amerikanische Soldaten. Und die sprengten die Abzeichen des verhassten Regimes von seinen düsteren Riesenbauwerken.

Mythos "Germania" und "Tempelstadt" Nürnberg, bis 11. September 2011 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, Bayernstraße 110.

Veröffentlicht am: 04.06.2011

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