Verlagsadel und geduldete Hofnarren: Impressionen von der Frankfurter Buchmesse

von Florian Haamann

[caption id="attachment_1233" align="alignright" width="180" caption="Foto: Florian Haamann"]Foto: Florian Haamann[/caption]

In Frankfurt herrscht wieder Ruhe zwischen Messeturm und Europa-Allee. Die Buchmesse hat ihre Tore geschlossen, mehr als 7500 Aussteller hatten sich den Besuchern präsentiert. War da was?

Das Publikum jedenfalls gierte nach den großen Namen aus dem Literaturbetrieb. Mit Literatur hatte das oft nur am Rande etwas zu tun. Dort, abseits des großen Auftriebs, fand man oft die interessantesten Stände und Bücher. Und der Umgang mit dem Gastland Argentinien? – Er war teilweise beschämend.

[caption id="attachment_1263" align="alignleft" width="225" caption="Foto: Florian Haamann"]Foto: Florian Haamann[/caption]

Ein Rundgang: Verstopfte Gänge, dicht aneinander gedrückte Menschen, die sich vor einer Bühne versammeln und Schieben und Quetschen, um den mit Sicherheit besseren Platz des Nachbarn zu erobern. So war es immer dort, wo sich eines der großen Schlachtrosse der Literatur angekündigt hatte: Jonathan Franzen, Bret Easton Ellis oder auch der meistgehasste Lieblingsautor der Deutschen, Günter Grass. Am Stand der „Zeit“ stellte er sein neues Buch vor, „Grimms Wörter: Eine Liebeserklärung“. Im Kern aber drehte sich bei ihm alles um seine schon hundert Mal gehörten Thesen zur Wiedervereinigung und zur ehemaligen Perle unseres Grundgesetzes, dem abgeschafften Asylartikel. „Man fühlt sich schon wie ein Papagei“, erkannte er auch selbst. Seine politischen Einwürfe erhielten, wie es sich gehört, vereinzelt respektvollen Applaus. Große Enttäuschung, als er direkt nach dem letzten Dichterwort verschwand; keine Autogramme, das hieß: keine Buchmessentrophäe. Das war für viele eine Niederlage, aber kein verlorener Krieg. Denn in drei Stunden sollte Grass auf einer anderen Bühne reden – eine neue Chance für die Trophäenjäger.

In Windeseile verstreute sich die Menge nach einem solchen Auftritt, die soeben noch fast erdrückten Stände im Umkreis begannen wieder zu atmen. Doch auch dann nahm kaum jemand die kleinen Nachbarn wahr. Etwa den Salzburger Verlag Jung und Jung, immerhin der Verlag Melinda Nadj Abonjis, der frisch gekürten Trägerin des Deutschen Buchpreises („Tauben fliegen auf”).

[caption id="attachment_1241" align="alignright" width="225" caption="Twitterlesung: @mspro, @baranek und @bosch Foto: Florian Haamann"]Twitterlesung: @mspro, @baranek und @bosch Foto: Florian Haamann[/caption]

Eine gute Abwechselung vom immer gleichen Prozedere konnte zum Beispiel die Twitterlesung sein: Drei Twitterer brachten Auszüge aus ihrem Buch „Das Leben in 140 Zeichen“ zu Gehör, einer Sammlung von 500 Tweets. Doch die Lesung wirkte unvorbereitet, die Moderatoren zitierten lediglich im Wechsel Tweets von einer Powerpoint-Präsentation und behalfen sich mit mittelmäßigen Überleitungen. Immerhin: Es war mal etwas anderes als die perfekt durchkonzipierten Autorengespräche und die bis ins Detail durchgeplanten Stände der großen Verlage. Ein bisschen wirkten die unperfekten Twitterer wie geduldeten Hofnarren zwischen etabliertem Verlagsadel.

Nach der Mittagspause also wieder Grass; dieses Mal versammelten sich noch mehr Menschen als am Morgen. Trotzdem hatte man Gefühl, im Publikum in die gleichen Gesichter zu blicken.

[caption id="attachment_1243" align="alignleft" width="180" caption="Foto: Florian Haamann"]Foto: Florian Haamann[/caption]

Mehr durch Zufall ging der Blick nach oben: Drei verlassene Rolltreppen über all dem lag der Pavillon des diesjährigen Gastlandes Argentinien. Er wirkte dort unter dem Dach des Messeforums eher wie verbannt ins Exil. Nur wenige Interessierte verirrten sich dorthin; die Massen schoben sich lieber durch die Haupthallen 3 und 4. Besucher, die es bis in den Pavillon schafften, fanden einen Dschungel aus an der Decke hängenden Stoffbahnen, auf die Zitate berühmter argentinischer Autoren gedruckt waren - und ein Porträt Diego Maradonas. Außerdem einige Stellwände mit Büchern und Schaukästen – viel mehr war Argentinien nicht. Immerhin waren die wenigen Stuhlreihen vor dem Diskussionspodium während den Vorträgen der argentinischen Gäste gefüllt. So konnten sich die Gäste zumindest kurzzeitig ein wenig wie Gäste fühlen.

Und die Bilanz? Insgesamt waren heuer nach Angaben der Organisatoren knapp 280000 Besucher auf der Buchmesse. Das sind knapp vier Prozent weniger als im vergangenen Jahr.

Weitere Impressionen aus dem Argentinischen Pavillon (Fotos: Florian Haamann):

Veröffentlicht am: 12.10.2010

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