"Die Jagd nach Liebe" nach dem Roman von Heinrich Mann im Marstall

Grelle Verzehrung, grelle Verzerrung

von Gabriella Lorenz

Bist du der Lust Beute? Andrea Wenzl. Foto: Matthias Horn

Sich ganz auf eine einzige, unerwiderte Liebe fixieren? Wer das heute tut, endet leicht als Stalker. Der Millionenerbe Claude hat immerhin das Glück, dass seine Angebetete oft bei ihm als Jugendfreund Trost und Zuflucht sucht. Aber lieben will sie ihn nicht - eine Leidenschaft würde ihre Karriere als Schauspielerin stören. 1903 schrieb Heinrich Mann den wohl zu Recht vergessenen Roman „Die Jagd nach Liebe“, im Marstall inszenierte Barbara Weber ihre Adaption. Was sie daran interessierte, vermittelt die grotesk überdrehte Auführung nicht. Ein Abend mit einigen hübschen, gefälligen Bildern ohne Nachwirkungen.

Die 38-jährige Schweizer Regisseurin entdeckte 2002 das Unplugged-Format mit schnell hingeschl(e)uderten Aufführungen, mit denen sie auch den Werkraum bestückte. 2008 bis 2013 war Barbara Weber Ko-Direktorin des Züricher Theaters am Neumarkt, im Cuvilliéstheater setzte sie 2012 „The Vibrator Play“ in den Sand. Die Protagonisten von Heinrich Manns Roman kann man sich durchaus heute vorstellen: Der superreiche Claude hat außer seiner Liebe keinen Lebensinhalt, ihn zehrt ein Marasmus - Energie- und Antriebslosigkeit - früh auf. Ute hingegen will sich emanzipieren, ein großer Bühnenstar werden - diesem Karriere-Ehrgeiz ordnet sie alles unter (Heinrich Mann nahm seine Schwester Carla zum Vorbild, die sich später umbrachte). Dummerweise fehlt Ute das Talent. Selbst für Provinz-Engagements muss sie sich prostituieren - natürlich leidenschaftslos. Und das Theater, das Claude extra für sie bauen lässt, geht pleite.

Sara Giancanes Simultanbühne beschwört Fin de Siècle - roter Plüsch, Varieté-Deko in Pink, ärmliches Boudoir. Dazwischen tobt Lukas Turtur als Claude im pfauenschillernden Anzug (Kostüme: Pascale Martin) mit einem Turbotempo, als müsse er den ganzen Roman in 100 Minuten aufsagen. Sein oft in den Slapstick getriebener Furor steht in krassem Widerspruch zu dem von Heinrich Mann postulierten Desinteresse am Leben. Wenig bewegt sich dagegen bei Ute: Andrea Wenzl zeigt unter der mondänen roten Riesenmähne meist nur trotzige Verhärtung, torkelt staksig unter Drogen auf Highheels. Gibt aber nie auf, sondern stöckelt verbissen weiter durch ihre aussichtslose Laufbahn. Sie lebt nur auf der Bühne, privat spielt sie immer nur Rollen.

Was ihre Bühnenrivalin Franchini (Valerie Pachner) besser kann, sie wird die Geliebte Claudes, der auf Sex nie verzichtet hat. Gegenpol zu seiner überspannten, dekadenten Hektik ist sein Vormund Panier als starke Vaterfigur: Götz Argus spielt hochpräsent einen skrupellosen Lebe- und Geschäftsmann. Alle Nebenrollen karikieren Tom Radisch und Simon Werdelis, denn Barbara Weber ging es erklärtermaßen um grelle Verzerrung. Das ist ihr gelungen. Der Inhalt blieb auf der Strecke.

Marstall, 3., 4., 27. März, 6., 28. April 2014, Telefon 2185 1940

Veröffentlicht am: 03.03.2014

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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Cometh
03.03.2014 23:22 Uhr

Na ja, so schlecht war es nicht.

Der Text ist erstaunlich aktuell

Die Inszenierung mitunter grell

Nur schade und Schiet

Dass man Andrea nackt nicht sieht

So bleibt, von Stücke

Die riesenrote Perücke.

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