OB Dieter Reiter im Interview zum Klangfest 2016

"Heimatsound ist kein Kunstprodukt"

von Michael Grill

OB Reiter bei einem Auftritt mit Gitarre beim Stadtgeburtstag 2015. Foto: Michael Nagy/Presseamt München

Er greift gerne und erfolgreich selbst zur Klampfe - betont aber, auf der Musikbühne Laie zu sein. Im Hauptberuf dirigiert er ganz andere Orchester. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ist ein Fan von handgemachter Rockmusik. Auch insofern freut er sich auf das Klangfest im Gasteig, dessen Veranstalter VUT-Süd vom städtischen Kulturreferat unterstützt wird. Im Interview spricht Reiter über Musik und Kommerz, das spezielle Verhältnis der Deutschen zum "Heimatsound" und warum der Gasteig von einem neuen Konzertsaal an anderer Stelle profitieren kann.

Herr Reiter, beim Klangfest im Gasteig spielen heuer wieder 32 Bands an einem Tag auf vier Bühnen bei kostenfreiem Eintritt - und bieten ein ganz breites Spektrum an Musikstilen an. Was ist denn gerade Ihr bevorzugter Sound?

Die Band „Dreiviertelblut“ höre ich im Moment richtig gern. Das ist eine Band, die sich aus Mitgliedern verschiedener anderer Bands zusammensetzt und mit der ich auch schon zusammen auf der Bühne gespielt habe. Die Musik ist eine sehr gelungene Mischung ganz verschiedener Stilrichtungen, mit vielen bayerischen Elementen und auch gesungen wird bayerisch. Das ist momentan meine Musik.

Wenn Sie den Klang beschreiben müssten...?

Eine entspannte Musik, aber auch mit wirklich guten Texten. Das Lied, das wir auf dem Königsplatz gespielt haben, heißt ja "Mia san ned nur mia", das die Themen Willkommenskultur und den Umgang mit Flüchtlingen aufgreift. Sebastian Horn, der Sänger der Bananafishbones, hat den Text geschrieben, Gerd Baumann von Millaphon die Musik. Vorher hatten wir ein bisschen geprobt, das waren eindrucksvolle Sessions.

In Ihrer Eigenschaft als OB haben Sie einen Weg auf die große Open-air-Bühne der Musiker gefunden. Hätten Sie sich damals, als Sie erstmals die Gitarre in die Hand nahmen, auch ein Klangfest als Bühne gewünscht?

Aber ganz sicher. Das ist ja die Idee des Klangfests, dass man einen Veranstaltungsort anbietet, an dem tausende Zuschauer zu ganz unterschiedlicher Musik zusammenkommen können, bei freiem Eintritt noch dazu. Denn das ist es, was vor allem junge Musiker am Anfang brauchen, das Feedback des Publikums. Kommt das an, was ich mache? Verstehen die mich? Gefällt es? Und ich sage ganz offen: Wenn es das zu meiner Schulzeit schon gegeben hätte, dann hätten wir uns damals ganz sicher mit unserer Band auch beworben. Insofern ist das heute eine tolle Gelegenheit für alle Beteiligten. Und natürlich auch eine tolle Mischung, es sind ja auch bekanntere Namen dabei...

Willy Michl, Michael Fitz oder Dr. Will!

Oder Fei Scho, die hab ich schon zwei Mal gesehen. Es ist für jede Nachwuchsband ein idealer Rahmen, um sich zu präsentieren.

Wird das Klangfest dennoch als Festival unterschätzt, weil es eben "nur" um die Größen der einheimischen Szene geht?

Ich würde das andersherum beantworten: Ich finde, dass dieses Angebot große Beachtung verdient hat. Wenn man so viel Musik an nur einem Tag und einem Ort für 10.000 bis 12.000 Zuhörerinnen und Zuhörer bietet, dann ist das schon aller Ehren wert. Und deswegen fördert die Stadt das ja auch gerne, das ist ein wesentlicher Teil unserer Kulturpolitik. Da kann man nur alle einladen und animieren hinzugehen.

Was mancher übersieht, ist dass das Klangfest auch ein Abbild der Szene als Wirtschaftszweig sein soll, also ein Schauplatz für die Stände der Musikfirmen, Labels und Verlage. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Kulturvollzug vor

Ihrer Wahl zum Oberbürgermeister, als Sie an den früheren Kulturreferenten Siegfried Hummel erinnerten und sein damals neues Stichwort von der Umwegrentabilität der Kultur. Heute hat die Stadt ein von Jürgen Enninger geführtes Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft. Ist es für die Kultur immer noch so wichtig, sich über Wirtschaftsdaten zu rechtfertigen?

Das Wort "wichtig" möchte ich hier nicht direkt unterschreiben. Aber natürlich ist es von Bedeutung für einen Musiker oder Künstler, davon auch leben zu können. Es braucht immer wieder eine Vermittlung zwischen einer L'art pour l'art und den Labels. Diese Verknüpfung ist ja für beide Seiten von Interesse. Die Unternehmen bekommen immer wieder neue Anregungen. Und es schadet keiner Band, wenn sie Ideen mitnehmen kann, wie man sich besser vermarktet.

Jürgen Enninger ist heuer beim Klangfest unter anderem bei der Podiumsdiskussion zum Thema "Heimatsound" zu sehen. Dabei geht es um die Frage, ob "Heimatsound" eine Art Kunstprodukt der Industrie ist oder doch einen wie auch immer "echten" gesellschaftlichen Trend darstellt. Was glauben Sie?

Ich glaube nicht, dass das ein Kunstprodukt ist, auch wenn der Begriff erfunden ist. Aber die Musikrichtung gab es ja schon immer - und nicht nur in Bayern.

Sehr bekannt wurden ja zum Beispiel Bands wie La Brass Banda...

Das ist ein sehr gutes Beispiel. Bei La Brass Banda spielen hervorragende Solisten, Weltklassemusiker, die zwei oder drei oder mehr Stile zusammenwerfen. Auch die CubaBoarischen fallen mir da ein, die ganz bunt verschiedene Klänge zusammenbringen. Das ist für mich kein Marketing-Gag. Es hat Musik immer ausgezeichnet, dass sie nicht immer gleich ist, sondern sich bewegt und immer wieder Einflüsse aufnimmt. Die CubaBoarischen kenne ich auch persönlich ganz gut, und den einen von La Brass Banda, der immer barfuß spielt...

Sänger Stefan Dettel?

Genau der. Das sind schon tolle Typen. Die nehmen jedes Mal, wenn sie unterwegs sind, wieder Neues auf. Und dass so einer trotzdem als heimatverbunden gilt und in Lederhosen auftritt ist doch völlig in Ordnung. Und auch ohne die Lederhose hätte er sicher großen Erfolg.

Gehören Sie nicht zu einer (Musiker-)Generation, für die ein Begriff wie Heimatsound noch völlig verboten gewesen wäre?

Ich hätte wohl damals in dem Sinne keinen Heimatsound gemacht, das stimmt. Aber ich habe ja auch immer auf der Elektroklampfe gespielt, da geht so ein Heimatsound eh nicht so gut. Uns ging's immer um härtere Rhythmen. Ich muss aber trotzdem gestehen, dass ich schon mit 18 oder 20 auch Lieder von Leonard Cohen nachgespielt habe. Und der hat im Grunde irischen Folk nachgespielt, was ja auch wieder ein Heimatsound ist, nur halt kein bairischer.

Der deutsche Heimatbegriff brauchte aus guten Gründen etwas länger, um wieder akzeptiert werden zu können...

Da ist klar, es gibt historische Gründe! Etwa bei den Iren gibt es so etwas wie unseren heutigen Heimatsound auch unter Jugendlichen schon viel, viel länger.

Der Gasteig ist ein besonderer Ort für Veranstaltungen, und das Klangfest im Gasteig ist eine besonders gute Gelegenheit, um diesen Gasteig insgesamt zu begreifen. Also als ein Ort des Zusammenkommens jeglicher Art. Jetzt hängt seit kurzem nicht mehr das Damoklesschwert der Konzertsaal-Debatte über dem Kulturzentrum. Wäre es nicht sinnvoll, dieses Selbstbild eines "Kulturtempels für alle" in Zukunft noch stärker zu betonen?

Dieter Reiter. Foto: Michael Nagy/Presseamt München

Ja, definitiv. Der Gasteig ist das beste Beispiel dafür, was man alles in einem Kulturzentrum machen kann. Und vor allem sollte man immer wieder zeigen, dass da mehr ist als nur ein reiner Konzertsaal. Man kann Diskussionsveranstaltungen machen, man kann Infoveranstaltungen machen, es gibt Bühnen, viele Bühnen, andere Institutionen... All das kommt hier konzentriert zusammen. Das ist der große Vorteil eines solchen Zentrums im Vergleich zu einem reinen Konzertsaal.

Jetzt, wo der staatliche Konzertsaal im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof gebaut werden soll, kann man ja wieder nach vorne blicken...

Glauben Sie mir, es gibt niemanden, der sich mehr darüber freut, dass diese Debatte jetzt erstmal vorbei ist. Vor allem auch, weil es mir um den Gasteig geht. Und ich fand es oft schon sehr an der Grenze, wie er angegriffen wurde. Und immer nur, weil die Akustik in der Philharmonie für manche Anforderungen nicht ausreichend ist. Man hat fast schon so getan, als würde alles andere gar keine Rolle spielen.

Der Gasteig sollte also insgesamt weniger als Problem gesehen werden?

Genau. Es ist doch immer noch schlicht das größte Kulturzentrum Europas oder eines der größten! Das ist ein herausragendes Stück Münchner Kultur. Also, ich schließe mich dem absolut an: Nach dem technisch notwendigen Umbau in den nächsten Jahren haben wir umso mehr die Chance zu zeigen, was der Gasteig noch alles kann und anbietet. Und wenn wieder Klangfest ist, dann freut es mich, dass es einen neu sanierten Gasteig gibt, und die Veranstaltungen nicht weit verteilt über die Stadt stattfinden müssen.

Heuer wird es erstmals auch den Auftritt einer Flüchtlingsband geben, die sich gerade zusammenfindet und probt. Wo sonst könnte solch ein Projekt, solch eine Band ein so großes Münchner Publikum finden?

Ja, hier finden Angebot und Publikum tatsächlich zusammen. Und ich sehe das jetzt zum einem aus der künstlerischen Perspektive, aber auch aus einem integrativen Ansatz heraus. Ich finde es phantastisch, wenn man die Themen Kultur und Integration so gut zusammenbringen kann. Und wenn sich das nun noch mit dem Image unseres Kulturtempels verbindet, dann bin ich hochzufrieden.

Vor Ihrer Wahl zum OB hatten ja manche geunkt, der Dieter Reiter werde sich mit der Kulturszene schwer tun, da Ihr Vorgänger Christian Ude diese so stark für sich vereinnahmt hatte. Gemessen daran läuft's doch aber ganz gut bei Ihnen, oder?

Naja, es gibt halt immer Einschätzungen, die sich stark an einmal festgelegten Schubladen festmachen. Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass ich in bestimmen Kulturszenen nicht wie andere aufgetreten bin. Aber für mich waren Musik und Kultur immer sehr wichtig. Ich bin auch relativ häufig im Theater oder in Schwabing unterwegs, um mir politisches Kabarett anzuschauen. Es ist ja ein herausragendes Privileg des Oberbürgermeisters, immer überall reinzukommen. Ich bin da ausgesprochen gerne dabei, und wenn das der Nachweis dafür sein soll, dass man ein kulturbeflissener Mensch ist, dann lasse ich das gerne gelten.

Und wenn nicht?

Und wenn nicht - dann ist es mir auch relativ egal, denn ich habe mich im Vergleich zu früher nicht groß verändert. Nur dass heute eher bekannt wird, was ich mache. Und wenn ich dann zum Beispiel die Chance bekomme, als Laie an der Gitarre Auftritte vor ganz vielen Menschen zusammen mit echten Profis machen zu dürfen, dann ist das schön für mich, das sind unvergessliche Erlebnisse, aber das hat nichts mit Profilierung zu tun. Es ist inzwischen einigermaßen bekannt, dass ich grundsätzlich nicht immer dorthin gehe, wo ich vier Journalisten und zehn Kameras vermute, sondern dass ich oft einfach auch das mache, was mir Spaß macht und was mich interessiert. Da gehe ich mit meiner Frau zum Beispiel einfach mal spontan in die Lach- und Schießgesellschaft. Das sind dann oft die richtig guten Abende.

 

Das Kulturvollzug-Interview mit Dieter Reiter als OB-Kandidat von 2013 findet sich hier.

Infos zum Klangfest auf dieser Seite, zum Bericht von 2016 geht es hier.

Das Ergebnis des Band-Votings zum Klangfest hingegen hier.

 

Veröffentlicht am: 06.05.2016

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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