Spielart 2017 - Teil I mit "De-Apart-Hate", Achille Mbembe, Neo Muyanga

Strukturen der Herrschaft

von Michael Weiser

Fragiles Gleichgewicht: Mamela Nyamza und Aphiwe Livi. Foto: Suzy Bernstein

Das Zeitalter der Kolonialisierung ist vorbei. Finden wir. Ist es nicht, es hat nur die Bezeichnungen und das Aussehen verändert, finden die, deren Vorfahren kolonisiert worden waren. Wie Herrschaft und Abgrenzung ihre Spuren hinterlassen haben und bis zum heutigen Tage fortschreiben: einige Eindrücke vom Festival Spielart.

So hat man dieses aramäische Wort noch gar nicht gehört, vielmehr: verstanden. Aus "Amen" wird bei Mamela Nyamza mehr und mehr "a Man". Ein Mann also, und Bestätigung des Gebets. Nicht das, worum wir gebeten haben, aber: Da ist er nun, ein Mann und mit ihm seine Herrschaft. So sei es denn nun.

Wie Nyamza das Wort Amen verwendet und - in ihrem Kontext - bis zur Kenntlichkeit verfremdet, sagt eine Menge über den Abend "De-Apart-Hate" in der Muffathalle. Tänzerisch legen Mamela Nyamza und ihr Bühnenpartner Aphiwe Livi die Strukturen der Herrschaft in Südafrika bloß. Und da hängt einiges zusammen, bis kurz vorm Einswerden: Kirche ist gleich Herrschaft der Weißen ist gleich Mann ist gleich Herrschaft über Frauen ist gleich Missbrauch - auch durch Männer der Kirche.

Die Südafrikanerin Mamela Nyamza hat in der Muffathalle Probleme mit dem deutschen Klima. Wenn sie zu Hause performe, brenne die Halle, sagt die Tänzerin und Menschenrechtlerin. Hier hingegen... hier müsse man schon kämpfen. Glück am zweiten Abend: Eine ganze Reihe von Südafrikanern ist gekommen, sie tanzen und singen mit der Performerin und ihrem Partner.

Wenige Mittel, viel Energie. Im Zentrum des Geschehens steht eine bunt bemalte kippelige Bank, eine Wippe vielmehr. Sie symbolisiert Südafrika, das sich seit dem Ende der Apartheid auch "Regenbogennation" nennt. Doch von einem friedlichen Miteinander der Menschen, Lebensentwürfe und Kulturen ist man auch dort weit entfernt, Nyamza und ihr Partner kämpfen auf der Bank gegeneinander und buchstäblich ums Gleichgewicht.

Nyamza macht deutlich, wie stark die Kirche in den Prozess der Kolonialisierung eingebunden war. Das, was die Kolonialherren an Schönem mitbrachten, war in der Kirche zu bekommen, sagt sie: die Musik, der Ritus. Und natürlich sind Priester auch Teil der Unterdrückung und der Korruption. Es wird einige Zeit dauern, da kann sich die Frau befreien; die Bank wird zum Sarg, der über den hingestreckten Mann gestülpt wird.

Apartheid gibt es nicht mehr, nicht mehr offiziell jedenfalls; die alten Wege des Denkens, der Selbstwahrnehmung und Einordnung allerdings schon noch. Nyamza verhandelt das in Form einer kraftvollen Tanzperformance, die einen Gottesdienst parodiert und doch tief in den Erfahrungen des Lebens in einer kirchlich geprägten Gemeinschaft wurzelt. Nyamza also lässt sich auf dem Sarg nieder, spreizt die Beine - und hält eine Bibel vor ihre Vagina. Sie blättert darin, die Stelle, die sie sucht, murmelt sie vor sich hin: Epheser 6, Vers 5. "Ihr Sklaven, seid gehorsam euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Herzens, wie ihr Christus gehorcht." Brüsk steht sie auf, streicht den Rock glatt. Als sie geht, fällt die Bibel zwischen ihren Beinen zu Boden: die Sturzgeburt eines angeblich heiligen Buches im Dienste der Herrschaftssicherung. Noch der korrupteste Herrscher, der bigotteste Priester hat eine Mutter, die ihn geboren hat. Starke Bilder, viel Energie, wie gesagt. Aber auch mit dem Potenzial, jemanden zu verletzen. Ihre Familie, kirchlich geprägt, hasse ihre Show, sagt Nyamza hinterher im Künstlergespräch. Sie selber sei mit der Institution der Kirche fertig; ohne die dortige Spiritualität aber sei auch ihre Performance auf der Bühne nicht denkbar.

Achille Mbembe: Ein wenig mehr hätte es sein dürfen

Achille Mbembe, der politische Philosoph und Historiker, gilt als einer der Vordenker Afrikas. In seinem Bestseller "Die Kritik der schwarzen Vernunft" zeichnet er nach, wie der globale Kapitalismus nicht nur Waren produziert, sondern auch Unterscheidungsmerkmale wie "Rassen". Entstanden aus dem weltumspannenden Sklavenhandel, habe der Kapitalismus mittlerweile ganze Völker und Bevölkerungsschichten zu überflüssigen Körpern degradiert, zum Unnötigen, zum Reservoire und Material aber auch.

Eine Dreiviertelstunde hatte der Denker in der Muffathalle. Und so wie sich's anhörte, war's zu wenig. Mbembe machte den großen Überflug über einen verwickelten Planeten, vom Kolonialismus zum neuen Aufkommen der "White Supremacy", von der Bestandsaufnahme des Kapitalismus bis hin zu den Gefahren der Digitalisierung, der Einrichtung neuer  Mauern bis hin zum Ende des Menschen, so wie wir ihn kennen. Da hängt alles miteinander zusammen, und weil aber noch jeder Strang für sich so kompliziert gewickelt ist und alle Stränge so unheilvoll verheddert zum Knoten geschnürt sind, wird das für eine Vorlesung zu viel. Ein gordischer Knoten, den man in nicht mal einer Stunde eben nicht durchhauen kann, und sei man auch Achille. Faszinierend war seine Ausführung dennoch. Eben weil er nicht nur Altbekanntes referierte wie die Vision des neuen Menschen, die mit dem Prozess der Digitalisierung einhergeht, sondern weil er aufzeigte, wie unauflösbar eng so viele krisenhafte Entwicklungen zusammenhängen. Für mich ebenfalls neu und als Gedanke faszinierend: die Sklaverei als unverzichtbares Ausgangsbild des Messianismus. Der Moment der Erlösung ist der Moment der Befreiung durch den Herrn, deinen Gott. "Heute glaubt man nicht mehr an die Erlösung", sagte Mbembe, "nur noch an die Bereitschaft zu opfern oder geopfert zu werden". Ein ethischer, liebevoller Gott werde erneut zum "zürnenden Gott". Die Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts ist für Mbembe die Möglichkeit, sich zu bewegen. Da der Kapitalismus die Überflüssigen vielleicht noch braucht, sie aber keinesfalls frei und unkontrolliert dulden kann, sind Großgefängnisse wie der Gaza-Streifen für ihn ein Paradigma dieser Zeit.

Von Systemen der Unterdrückung, die sich wandeln, aber nicht untergehen, von Möglichkeiten, sich die Zukunft vorzustellen, von der Wahl zwischen rückwärtsgewandter Utopie oder Armageddon: Es wäre faszinierend, Mbembe in einer Vorlesungsreihe zu erleben.

Lieder der Kirche, Lieder des Kampfes

"Tsohle - a revolting Mass" ist das Ergebnis von Neo Muyangas Betrachtung des Umstands, dass in Südafrika Herrscher und Beherrschte offenbar vor allem eines teilen: das Liedgut. Ein Bühnendiskurs, der im Gewand eines Konzerts daherkommt. Den Titel hat Muyanga einem traditionellen Kirchenhymnus entnommen: "Tsohle di enstoe ke wena", "alle Dinge sind von Dir gemacht".

In einer Zeit erneuter Proteste untersucht Neo Muyanga zusammen mit zwei Sängern und einer Sängerin die Songs, die sich ANC-Kämpfer in Revolutionscamps außerhalb Südafrikas schufen. Da diese ANC-Leute zuvor aber Missionsschulen besucht und dort von Kirchenliedern geprägt worden waren, sind ihre Songs den christlichen Liedern ähnlich. Woraus Muyanga die Frage ableitet, in wie weit es den Kolonialisierten möglich ist, eine eigene Sprache zu entwickeln. Das herauszufinden wäre, zugegebenermaßen, ohne Programm schwierig gewesen: Das Geschehen auf der Bühne des Hoch X, des früheren i Camp also, war mir inhaltlich über weite Strecken so rätselhaft wie eine Aufführung der Peking Oper. Was dem Abend auch ohne Programmheft gar nicht so viel Abbruch getan hätte: Neo Muyanga, der im Jazz ebenso zu Hause ist wie in der Renaissancemusik, lädt den Zuhörer am Flügel ein in eine von ihm selbst entdeckte und erfahrene Klanglandschaft. Auch wenn man es im Theater gar nicht laut sagen darf: Dieser Abend war, hatte man den kolonialen Hintergrund mangels Kenntnis ausgeblendet, einfach schön faszinierend, stimmungsvoll. Der Ton macht dann eben die Musik, nicht die Botschaft.

 

Veröffentlicht am: 11.11.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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