Zum neuen Programm von Christian Überschall

Der Mann für die postkoitale Zigarettenpause

von Michael Grill

Dr. Sprüngli bei der Arbeit. Foto: Michael Grill

Der Mann will es nochmal wissen. Wenn die 75 überschritten sind, ist es eine gute Zeit, um den Nachwuchs-Status abzustreifen. Christian Überschall, aus Bern migrierter Münchner Kabarettist, der vor gut 25 Jahren anfing als „ältester Nachwuchs-Kabarettist Bayerns“ mit einer Art Sex- und Beziehungs-Komödie offenkundig sein Hobby zum Zweit-Beruf zu machen, hat nach längerer Anlaufzeit ein neues Programm vorgestellt. Es ist komisch und angenehm eigen. Und es könnte durchaus über München hinaus Wirkung entfalten.

Überschall schlüpft wieder und Gottseidank in seine bewährteste Rolle, die des Therapeuten und Sexualforschers Dr. G. Sprüngli. (Wer schon den Namen nicht lustig findet, der braucht hier weder weiterzulesen, noch sich mit Überschall überhaupt zu beschäftigen.) Das Programm heißt „Von Speeddating bis Nordic Stalking – über Beziehungen 2 go“. Und damit wäre dann eigentlich auch schon alles gesagt.

Doch das Thema ist ja unerschöpflich, auch weil Überschall im Laufe der Programm-Jahre den Sex mehr und mehr in den noch größeren Kosmos des Beziehungs-Wahnsinns eingebettet hat. Sein Publikum ist - ihm zumindest - treu und im Laufe der Zeit gewachsen, so dass er zur Premiere den Kleinen Konzertsaal des Gasteig füllen kann.

Überschall beginnt sehr klassisch (und auch etwas nervös) mit älteren, aber gerne wieder gehörten Überschall-Gags, die für die Freunde seiner Kunst so geflügelte Worte geworden sind wie Tocotronic-Slogans für Rockfans: Wenn Treue Spaß macht, ist es Liebe... Ich weiß wovon ich spreche, ich war meiner Frau schon oft treu... etc. Doch was hat er zu Beginn dieses Abends nur für eine helle, kurzatmige Stimme? Überschall legt offenbar all sein Wollen in dieses Programm – etwas routinierte Leichtigkeit täte gut, sie kommt dann auch im Laufe des Abends. Seine spezielle Art, unentwegt über Sex und Beziehung zu reden, ohne dabei anatomische oder gar pornografische Details zu benutzen, dafür aber mit Sarkasmus und Lakonie die Komplexe der Welt auf den Punkt zu bringen, ist mit großem Vergnügen anzuhören. (Zu sehen gibt es nicht so viel: Herr Doctor hat ein Pult und ein Flipchart, mehr gibt’s nicht und mehr braucht's auch nicht.) Vordergründig systematisch geht er der Frage nach, wie es sein kann, „dass die klassische Zweierbeziehung zum Auslaufmodell wurde“? Die erste Stunde bis zur Pause vergeht fast wie im Flug, die zweite fast ebenso schnell.

"Heutzutage" sucht bei Parship ein Algorithmus den Partner aus - „wie früher die Eltern“ - Überschall registriert zwar, dass die Jungen neue Spielzeuge und Hilfsmittel haben, doch selbst ein Thema wie „Metoo“ ist für ihn höchstens zeitgenössisches Beiwerk. Dieter Wedel hatte für ihn „schon immer so eine salafistische Art“. Und GPS heißt G-Point-Search. Davon abgesehen bleibt das zentrale Thema der Menschheit – die Fortpflanzung – so zeitlos wie er selbst. Das tut irgendwie gut. „Selbstbefleckung - kann sein. Muss nicht sein. Ist ein bisschen wie beim Seifenspender.“

Dr. Sprüngli hangelt sich an einer Gliederung entlang: Offene Ehe, Polyamorie, Internetflirt, Zölibat und so weiter. Doch das sind lediglich lose Überschriften für Überschalls hinterfotzig-bissiges Geplauder. Dabei würde (noch) mehr Berner Langsamkeit das Ganze noch besser machen, aber man kann ja zur Premiere nicht gleich alles haben. Wunderbar sind und bleiben Überschalls Alltagsbeobachtungen auch über die Bettkante hinaus, nicht ganz neu ist der Running-Gag mit dem klingenden Beratungstelefon - aber auch der tut, was er soll. Zur „postkoitalen Zigarettenpause“ wissen wir nun, dass „es Paare gibt, die haben nur Sex, damit sie nachher eine rauchen dürfen“. Und dass es dann „guter Sex ist, wenn auch die Nachbarn eine rauchen“.

Ganz klar: Die Ketten der Ehe sind zu schwer, um nur von zweien getragen zu werden. Und Überschall ist zu lustig (und, auch wenn's hinter der Sex-Fassade bleibt, zu klug) um auf Zoten oder Schweinkram-Witz reduziert zu werden. Die Pointen zünden, und wie alle Männer reagiert er auf Belohnung: Applaus konnten wir geben, und er bekam reichlich. Der Mann steht, wenn Gott und die Political Correctness es wollen, vor einer größeren Karriere.

Veröffentlicht am: 25.07.2018

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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