Schallschläge, Spiegel, leeres Blatt: Eine bemerkenswerte Raumskulptur der Münchner Kunstprofessorin Magdalena Jetelová in Mannheim

von Michael Grill

Im ersten Raum laufen Textstreifen in Schwarzlicht aus sieben Beamern über die Wände. Foto: Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas

Aus Mannheim stammt ein guter Teil der Kunstschätze in den Münchner Pinakotheken, weil die Wittelsbacher einst ihren Kurpfälzer Besitz mit an die Isar nahmen. Heute gibt es in Mannheim die Kunsthalle. Sie beherbergt eine großartige Sammlung der Moderne, die allerdings in ihrer eigenen Stadt oft zu wenig beachtet wird. Nun soll ein spektakulärer Auftritt einer bayerischen Tschechin dem Museum (gerade in der derzeitigen schwierigen Umbauphase) neue Aufmerksamkeit bringen: Magdalena Jetelová, die in München an der Kunstakademie lehrt, mit „Landscape Of Transformation“.

Jetelová ist eine Bildhauerin, die von der Plastik zum Raum gekommen ist, und ihre Mannheimer Installation vordergründig wie einen Event zum Thema Menschenrechte aufzieht. Zwar sagt sie: „Ich mache Bilder“. Doch es geht auf diesen opulenten 800 Quadratmetern, die sich U-förmig um die Kernsammlung der Kunsthalle herumlegen, um das eigene, physische Erlebnis. Sie inszeniert, so wird es angekündigt, „wie eine Regisseurin“, und der Zuschauer gerate in eine „Doppelrolle als Zuschauer und Akteur“. Das macht skeptisch, denn Mitmach-Kunst mit politischem Anliegen wird schnell banal. Es beginnt eine Reise durch fünf Räume.

Im ersten Raum laufen Textstreifen in Schwarzlicht aus sieben Beamern über die Wände (die Beamer-Lichtkanten bleiben seltsamerweise erkennbar). Man steht in einem von Wörtern gefluteten Raum, die, lediglich soviel ist erkennbar, aktuelle Fälle von Menschenrechtsverletzungen beschreiben. Die Flut der Wörter wirkt für sich, vor dem konkreten Nachlesen schwappen die Buchstaben weiter. Im zweiten, hellweißen Raum setzt man sich auf eine Art Arme-Sünder-Bänklein und hört Kinderstimmen, die stockend, kichernd und verlegen Nachrichten von Mord, Folter und Verfolgung vorlesen – und dabei immer wieder von einer barschen Lehrerstimme mit leichtem kurpfälzer Idiom zurechtgewiesen werden. Raum Drei ist schließlich eine Art moderne Domschatzkammer: In großen Stapeln liegen dort leuchtende Papierblätter, sorgfältig sortiert und auf Kante gelegt von zwei Ordnern. Es sind die 30 Artikel der Menschenrechte, pro Artikel eine Seite, aufgeschichtet wie eine kostbare Gabe (die man auch tatsächlich mitnehmen darf).

Eine moderne Domschatzkammer mit den 30 Artikeln der Menschenrechte. Fotos: Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas

Der vierte Raum ist wieder hoch und weiß, Elektrokabel hängen aus der Wand, eine nackte Glühbirne ist zu sehen. Plötzlich knallen Blitze in der Elektrik, es klingt wie Maschinengewehrsalven, harte Schläge, die einen schon rein durch den Schalldruck zusammenzucken lassen. Die Menschenrechtsschrift auf dem mitgebrachten Papier – sie fluoresziert - ist verschwunden.

Nun wird es in Raum Nummer Fünf wieder ganz still, man steht zwischen labilen Spiegelwänden, die in einem melancholischen Rhythmus leise zittern. Auf den Wänden stehen Sätze wie „Koordination der Orientierungslosigkeit“ mit jeweils gespiegelten Pendants wie „Dynamik des Vergessens“.

Der Schluss: Labile Spiegelwände, die in einem melancholischen Rhythmus leise zittern. Fotos: Kunsthalle Mannheim / Cem Yücetas

Jetelovás multimediale Installation ist in gleichem Maße abstrakt wie haptisch. Es gibt keinerlei reale Abbildung von Gewalt, es gibt nur Licht und Wort, Schall und Spiegelung – und trotzdem fühlt man sich körperlich angegriffen. Das Verschwinden der Schrift mit dem zivilisatorischen Schatz als mutmaßlich zentrales Bild ist eigentlich eine sehr zarte Geste – und doch wirkt es wie mit der intellektuellen Brechstange herbeizitiert: Wenn es knallt, ist das Menschenrecht weg. Das ist banal. Aber ist es ist trotzdem essenziell.

Was bleibt im Kopf des Betrachters? - Das leere Blatt? Das zitternde Selbstbild im Spiegel? Die Erinnerung an Kinderstimmen und Blitze? Jetelová setzt einen Endpunkt mit der Frage: „Vergessen zu leben?“ Noch einmal zielt sie damit vom Politischen ins Persönliche, vom Körperlichen ins Geistige. Wie wichtig ist das, was wir selbst tun, wenn Zivilisation bedroht ist? Es ist nicht so einfach, wie man denkt. Erst nach Tagen begreift man, wie sehr einen diese „Landscape Of Transformation“ aufwühlt und beschäftigt.

Magdalena Jetlelova: „Landscape Of Transformation“. Bis 10. Oktober in der Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4 (dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr); http://www.kunsthalle-mannheim.eu/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/jetelova.html

Veröffentlicht am: 11.09.2010

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