Goethe-Stadt München? Eine Nachbetrachtung zum Kulturempfang von OB Christian Ude

von Michael Grill

Verweile doch, du bist so schön. Foto: M. Grill

Christian Ude pflegt, seit er Oberbürgermeister von München ist, also seit 1993, seinen bei Kultur- und Medienschaffenden äußerst beliebten persönlichen Kultur-Empfang, was seine spezielle Affinität zum Thema so nachdrücklich wie schillernd unterstreicht. Das Goethe-Institut pflegt, seit es an der Dachauer Straße seine Zentrale hat, also seit 1993, ein so entspanntes wie emotionsfreies Verhältnis zur Stadt, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass es von dieser so gut wie nicht wahrgenommen wird.

Nun wird das Institut, das deutsche Kultur im Ausland re- und präsentieren soll, 60 Jahre alt. Und was macht man so als Silver Surfer der Kulturvermittlung? - Man sucht den Neuanfang, will sich also selbst entdecken beziehungsweise entdecken lassen, sich öffnen und so. Also wünscht man sich wichtige Menschen, sogenannte Multiplikatoren, in den eigenen Räumen. Auf dass diese die Botschaft vom entdeckungswürdigen Institut (und seinen anmietbaren Räumen) weiterverbreiten.

Dagegen ist nichts zu sagen. Also kamen heuer erstmals „Goethe“ und Ude zusammen, denn dessen Kulturempfang hatte schon in quasi jeder feiertauglichen „Location“ („früher sagte man Ort“, so der OB) stattgefunden, aber eben noch nie „bei Goethe“.

Im Hilmar-Hoffmann-Saal. Foto: M. Grill

500 geladene Gäste schauten zunächst etwas traurig aus dem Foyer des Hilmar-Hoffmann-Saals in den von Wasserspielen bekrönten Innenhof hinunter – dort hätte das Fest sommerlich sein können, wenn das Münchner Wetter kalkulierbar gewesen wäre. Doch drinnen ließ es sich aushalten, auch wenn der Saal nicht nur ein wenig an die überdimensionierten Kulturzentren erinnert, mit denen Umlandgemeinden im Münchner Speckgürtel ihre schrumpfende Identität aufzupäppeln versuchen: bundesrepublikanische Selbstverwirklichung vom Edelsten.

Instituts-Präsident Klaus-Dieter Lehmann sprach das ausbaufähige Verhältnis seines Hauses zur Stadt direkt an: „Für manche von Ihnen dürfte das hier ein unbekannter Teil von München sein.“ Doch nun wolle man „die Tore öffnen“. Er mühte sich redlich, die bereits vorhandenen Beziehungen von „Goethe“ zur Münchner Kulturszene nachzuweisen, und sprach sich – was dem Ganzen auch politischen Hintergrund verleiht – klar gegen einen immer wieder diskutierten Umzug der Instituts-Zentrale nach Berlin aus: „Unabhängigkeit von der Macht war für uns immer das Wichtigste. Wenn wir was wollen, dann reisen wir nach Berlin. Und dann kommen wir wieder zurück.“

OB Ude, dem man seine gerade überstandene Darmerkrankung noch etwas anmerkte, verzichtete auf seine bei diesem Abend sonst übliche Gesamtbetrachtung der kulturpolitischen Lage in der Stadt. Er erinnerte daran, dass schon sein Vater Karl als Dozent „für Goethe“ unterwegs war. Ansonsten fiel ihm noch ein eigener Auftritt in der Dependance von Nikosia ein sowie – wieder ein bisschen Kabarettist – der Ausruf von Gerhard Polt im Satire-Stück Tschurangrati, das in einer fitktiven afrikanischen Botschaft spielt: „Um Gottes willen, der Depp vom Goethe is a da!“ Man sehe daran, dass die Institution „präsent ist bis in Länder Afrikas hinein, die es gar nicht gibt“. Und wenn es nun auch in München präsenter werde, dann sei dies „eine Win-Win-Situation“, also ein Gewinn für beide Seiten.

Anschließend wurde die Auszeichnung „München leuchtet“ an Gile Haindl-Steiner vom Akademieverein und Florian Steidl vom Kunstverein verliehen. Und zu später Stunde blinzelten nicht wenige in ihr Weinglas, dachten an München als kommende Goethe-Stadt, und dachten: Verweile doch, du bist so schön.

 

Der Kulturvollzug berichtete auch vom Kulturempfang 2010.

 

Veröffentlicht am: 05.07.2011

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