Freitagsgedanken (Folge 1): Ich und es - das Publikum

von Clara Fiedler

Wer sind wir, wenn wir uns versammeln, um eine Masse zu sein? Foto: gr.

Ich sitze im Atlantis-Kino beim donnerstäglichen Musikabend  und lausche einem Trompeter, der sein Mundstück küsst. Plötzlich fliegt ein weißer Pullover über meinen Kopf hinweg und landet im Nacken des Herrn vor mir. Automatisch ducke ich mich in Erwartung einer Schimpfsalve, denn selbiger Herr fand das bestimmt nicht lustig. Doch er dreht sich um, lächelt und begrüßt den Pulliwerfer, offensichtlich einen seiner Bekannten. Und nein, so etwas ist keine Seltenheit, keine Ausnahme, es ist beinharte alltägliche Realität beim Ringen mit "uns" - dem Publikum.

„Wünschen die Herrschaften ein Opernglas?“ – „Nein, danke, wir trinken aus der Flasche.“ Kein neuer Witz, aber ein guter. Einer, in dem das Verhalten einer kleinen unbedeutenden Randerscheinung auf die Schippe genommen wird, die bei keiner Kulturveranstaltung fehlen darf: das Publikum. Da wird eine Masse an Individuen dreist in einem einzigen neutralen Wort zusammengefasst. Das bedeutet, der Einzelne zählt nicht. Selbst wenn einer aus dem Rahmen fallen will, geht er in dieser Masse unter. Schön wär's. Ich – heimlich, still und leise wie es sich gehört - bin da ein gebranntes Kind.

Da gab es nämlich diese Oma, die erst eine halbe Stunde hustete und dann eine weitere halbe Stunde unter ungeheurem Geraschel ein Bonbon in ihrer überdimensionalen Handtasche suchte und auspackte. Mendelsohns Elias, der aufgrund dieser Geräuschkulisse temporär in den Hintergrund rückte, wurde dann auch noch von gelegentlichem Schmatzen untermalt. Ich war tolerant und übte mich in meditativer Ausblendung.

Noch schwieriger wird es bei dem intellektuellen Typen neben einem, der während des Konzerts einen Vortrag über das Werk hält. Auch dieser freundliche Herr kann sich offenbar nicht damit abfinden, für ein paar Stunden zu einer Masse zu gehören. Menschen wie er sind nun einmal Individuen, und wenn es nur der Nebenmann oder die Nebenfrau auf Kosten des Kulturgenusses bemerkt, ist das schon okay. Dann wurde es wenigstens registriert.

Es gibt Beobachter, die scheinen dem Publikum generell mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den Künstlern. Die ziehen daraus dann ganz interessante Schlüsse. Als ich wie jedes Wochenende meinen Stammjazzclub besuchte, bat mich die Dame an der Kasse, nicht zu schnarchen. „Die spielen heut nämlich nich’ so laut“, meinte sie etwas pampig, und packte ihr Buch aus. Ich wedelte mit Block und Stift und versuchte, wichtig auszusehen, doch es half nichts, denn der Julia-Roman hatte sie schon in seinen Bann gezogen.

Der Chef des Clubs hatte einmal eine These aufgestellt, dass das Publikum des Avantgarde-Jazz vorwiegend Wasser und Tee konsumiere, während das Dixie- und Swing-Publikum vor allem dem Biergenuss fröne. Kein Publikum klatsche übrigens an den richtigen Stellen, denn die Dixie-Leute seien zu besoffen, und die Avantgarde-Leute würden grundsätzlich nur so tun, als wüssten sie, wo sich die richtigen Stellen befinden.

Es braucht keine große Sensibilität, um die Aufgabe eines guten Publikums zu definieren. Das hängt von der Veranstaltung ab. Klappe halten und zuhören, mitklatschen und -singen, sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, wie das im Heavy Metal üblich ist – hat alles seine Berechtigung.

Grundsätzlich geht es doch darum, das, was da passiert, auf sich wirken zu lassen. Den Blick vielleicht doch nicht nur dem Geschehen zuzuwenden, sondern auch in sein eigenes Inneres zu richten.

Für all diejenigen, die sich als Störenfriede angesprochen fühlen und ratlos sind, wie sie den Drang, sich bemerkbar zu machen, in den Griff kriegen können: Einfach die Flasche ansetzen und einen tiefen Schluck nehmen, bevor man anfängt, irgendwelche Geräusche von sich zu geben. Falls man sich doch für das Opernglas entschieden hat, warum nicht zur Abwechslung mal einen Blick auf die Bühne werfen? Vielleicht zwischendurch ganz spannend, zu sehen, was da läuft, wo alle hinglotzen. So mancher Husten hat sich nämlich aus lauter Faszination für die Hochzeit des Figaro schon gelegt.

 

 

Veröffentlicht am: 22.07.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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