Warum es nicht nur Fußball-Nostalgie ist, das Sechzger-Stadion zu verteidigen - Anmerkungen zu einer kulturellen Überlebensfrage

von kulturvollzug

Heimatabend in Giesing - hier beim tatsächlich so benannten Freundschaftsspiel zwischen 1860 und dem 1. FC Kaiserslautern im Jahr 2008. Foto: gr.

Das Städtische Stadion an der Grünwalder Straße ist ein Thema, das irgendwie auch mit Fußball zu tun hat, vor allem aber mit München und mit dem Leben in München oder der Frage, wie das Leben in München sein sollte. Seit vielen Jahren wird um das alte Ding "auf Giesings Höhen" gestritten. Hier erklärt der Münchner Autor und Musiker Michael Sailer in seiner sehr besonderen Art, warum es dabei um so viel mehr als nur um eine Fußballsache geht. (gr.)

 

 

Ich habe von vielen Sachen eine Ahnung, von Architektur aber nachweislich nicht. Was ich darüber weiß, ist immerhin dies: Es gibt in München kein einziges Gebäude, das jünger als 60 Jahre ist und das man meinetwegen nicht ohne weiteres wegsprengen könnte – natürlich erst nachdem man die Bewohner in Sicherheit gebracht hat. Die Baukunst, die sich aus irgendeinem Grund immer noch so nennen darf, folgt seit langem und immer mehr der Maxime, daß Gebäude möglichst kompakt, möglichst häßlich und möglichst unbewohnbar sein müssen, und zwar entweder peinlich, entwürdigend und lächerlich oder monumental einschüchternd.

Großzügige, dabei aber bescheidene, würdevolle, normale, schöne Gebäude nämlich verleihen den Menschen, die sich darin aufhalten, eine natürliche Würde, ein Gefühl von Selbstwert und Heimat, das sich mit dem Spätkapitalismus und seiner Forderung nach Mobilität, Flexibilität und Unterwerfung nicht verträgt.

Das gilt auch und gerade für öffentliche Stätten, also Plätze und Gebäude, an denen sich Menschen versammeln, ohne dabei einem wirtschaftlich verwertbaren Zweck nachzugehen. Sondern um sich zu erfreuen, gemeinsam, und auch gemeinsam zu leiden. An Dingen, die schön, spannend, begeisternd und manchmal oder oft auch grauenhaft und quälend sind, ohne böse Narben zu hinterlassen. An Dingen, die Geschichte machen und vergessen werden. Dingen, deren Wert, Bedeutung und Schönheit darauf beruhen, daß sie vollkommen nutzlos sind. Also kurz gesagt: an Fußballspielen.

Ein Relikt aus vollkommen anderen Zeiten

Riesige öffentliche Stätten, die vollkommen nutzloser Freude dienen, baut man heute nicht mehr. Wenn man heute Fußballstadien baut, dann sind das sogenannte Arenen, die wirtschaftlichen Zwecken dienen und in jeder Kleinigkeit darauf ausgerichtet sind, Geld umzuverteilen von den Besuchern an die Betreiber. Vor allem aber baut man Fußballstadien heute nicht mehr in Städte hinein, weil der städtische Raum teuer ist und sich als Unterbringungszone für Arbeitnehmer beziehungsweise Luxusquartier für soziale Gewinner wesentlich profitabler nutzen läßt.

Das Stadion an der Grünwalder Straße ist also eine Antiquität, ein Relikt aus vollkommen anderen Zeiten. Und seine Existenz ist städteplanerischer Irrsinn und logischerweise eine ungeheure Provokation und Zumutung für wichtige Leute und soziale Entscheidungsträger, die darauf schauen müssen, daß der Kapitalismus munter weiterbrennt, weil sonst … na ja, was auch immer. Deshalb werden diese Leute immer und bei jeder Gelegenheit versuchen, ein solches Stadion zu beseitigen, und deshalb muß jeder vernünftige Mensch immer, ständig, pausenlos und bei jeder Gelegenheit dafür kämpfen, daß es erhalten bleibt – als Denkmal, als Erinnerung daran, daß es im Leben und auf der Welt andere Dinge gibt als Ausbeutung, Profit, Arbeit und wirtschaftliches Wachstum. Aber auch als öffentliche Stätte, die vollkommen nutzloser Belustigung dient.

Andrang? Naja, ein bisschen Andrang. Foto: gr.

Das Sechzgerstadion wurde Ende der 20er Jahre von einer kompetenten Fachzeitschrift zu „Deutschlands schönster Vereinssportanlage“ ernannt, und das gilt bis heute. Es ist der Schauplatz unglaublicher Ereignisse, Sensationen, Katastrophen, historischer Triumphe und sagenhafter Reinfälle. Vor allem aber ist und bleibt es ein nicht wegzudenkender Bestandteil dessen, was man als „Giesing“ bezeichnet und was wesentlich mehr ist als ein Viertel, ein Stadtteil, eine Ansammlung von Straßen und Häusern.

Ich bin hier aufgewachsen, in der Warngauer Straße und ihrer weiteren Umgebung, 18 Jahre lang. In dieser Zeit hat sich Giesing vollständig verändert, ist lauter, schneller, hektischer und häßlicher geworden, und die meisten Orte und Dinge, die sich mit meinen Erinnerungen verknüpfen, sind verschwunden, zubetoniert und asphaltiert mit wichtigen, nützlichen Dingen. Das ist ganz normal, so funktioniert der Fortschritt, der Schritt für Schritt alles ruiniert und vernichtet, was ihm in den Weg kommt, also früher oder später: alles.

Zum Beispiel die Heimgärten in der Heimgartenstraße, von der heut wahrscheinlich kein Mensch mehr weiß, warum sie so heißt. Die idyllische Barackensiedlung an der Setzbergstraße, die heute „Freizeitpark“ heißt und auch so ausschaut. Eine übriggebliebene Kriegsruine an der Weißenseestraße mit dem verblaßten Schriftzug „Nie wieder“ auf der Ziegelwand. Der alte, grüne, wunderbar stille und romantische Giesinger Bahnhofsplatz, wo wir nach der Schule in der Wiese unter Bäumen gelegen sind und heimlich „Primo“ und andere Schundhefte gelesen haben, die wir von den Biertrinkern am Kiosk geschenkt bekamen, zusammen mit Steckerleis und rosaweißem Pfefferminzbruch. Ich kann mich an viele kleine, derhaute Herbergen, Baracken, Hütten, Häusl und Standl in Giesing erinnern, die irgendwie gemütlich und beschaulich wirkten und vor allem: friedlich.

Wie eine schlafende Großkatze

Das alles und viel mehr ist verschwunden, übrig sind ein paar so Relikte, die wie zufällig in der Gegend herumstehen und fremdeln. Die St.-Martin-Schule zum Beispiel und das leider ziemlich vergewaltigte und entwürdigte und außenrum mit dröhnend absurden modernen Krebsgeschwülsten zugeschissene Bahnhofsgebäude, in dem wir uns grad befinden und das mich von innen an einen Umerziehungsraum erinnert, für renitente Altgiesinger, die sich ihre Phantasie und ihren Eigensinn partout nicht austreiben lassen wollen. Aber vor allem eines ist übriggeblieben aus der Zeit, die mir so idyllisch und friedlich erscheint: unser Stadion.

Das wird jetzt manch einen genervten Anwohner wundern, aber ich kenne in Deutschland, auf der ganzen Welt kein Fußballstadion, das derart friedlich wirkt, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und etwas, was man unbeholfen „heimatliche Kraft“ nennen könnte, wie das Sechzgerstadion, wenn dort nicht gespielt wird, wenn es an einem sonnigen Vormittag einfach nur so daliegt wie eine schlafende Großkatze und sogar den Krieg, der direkt nebenan auf dem Mittleren Ring tobt, ausblendet. Keiner der modernen Erholungsparks, die man heutzutage in Städte hineinpflanzt und in denen die Menschen zwischen gestalterischen Scheußlichkeiten herumirren müssen, damit sie noch nervenkranker werden, kann das je ersetzen.

Ich werde nie vergessen, wie schön es ist, wenn man nach einer anstrengenden Radtour auf einem der schönsten Wege, die es in dieser Stadt gibt, drunten am Auer Mühlbach ankommt, über sich das Sechzgerstadion mehr spürt als sieht – und mehr spürt als weiß: Jetzt bin ich daheim. Und ich bin vor vielen Jahren einmal an einem warmen Sommerabend in dem fast leeren Stadion über den Rasen zur Stadionwirtschaft spaziert – nach einer Theateraufführung, auch so etwas gibts hier! – und habe mich dabei ungefähr wie der glücklichste Mensch auf einer glücklichen Welt gefühlt. Daß ich niemals ernsthaft daran gedacht habe, aus München wegzuziehen, wie man das in der heutigen dynamischen Zeit tun muß, aus irgendeinem blöden beruflichen oder sonstigen Grund, verdanke ich mit Sicherheit nicht zuletzt diesem Stadion. Man könnte das alles zusammen als Lebensgefühl bezeichnen. Oder als Identität. Da fehlt aber noch ein Teil.

Ich habe nichts gegen den Zirkusfussball

Andererseits nämlich habe ich hier, im Stadion – dessen fernes Rauschen uns in unserer späteren Kindheit eine Art Meerersatz war, wenn wir müßige Nachmittage am Katzenbuckel verdämmerten, selber Fußball spielten oder rätselvollen Beschäftigungen nachgingen, die man Erwachsenen nicht erklären kann, und aus dem wir mit geübtem Ohr auf den genauen Spielverlauf schlossen – auch geschimpft, geflucht und getobt, wie ich mich das an anderen Orten niemals trauen täte. Das lag am Fußball.

Ich bin ein großer Freund des Fußballspiels. Was die meisten Menschen ahnen, sich aber selten bewußt machen, ist, daß es verschiedene Arten des Fußballspiel gibt: Man kann es selbst ausüben, was darauf hinausläuft, sich auf holprigen, zerschrundeten Wiesen Knie und Gelenke zu ruinieren, Kleidungsstücke in verschwitzte Schlammbrocken zu verwandeln, innige Freundschaften notfalls fristlos zu kündigen, weil keine Zeitlupe nachweisen kann, ob ein Ball über den zusammengekrumpelten Jackenpfosten oder knapp daran vorbeigerollt ist, – kurz gesagt: Man kann sich in ein vorzivilisatorisches Kleinkind verwandeln und einen pfundigen Riesenspaß daran haben, sich und anderen mittelschwere Verletzungen zuzufügen.

Das andere Extrem ist der Zirkusfußball: Der findet überwiegend im Fernsehen statt und wird in futuristischen, hochtechnisierten Massenarenen ausgetragen. Die Hauptrollen sind mit einem kaiserlichen Ensemble von Megastars besetzt, das je nach Saison und Produktion neu zusammengestellt wird, wobei ziemlich egal ist, wer gerade wo mitspielt; ähnlich wie im Hollywoodkino, im Musical oder eben im Zirkus erlebt der elektrisierte Zuschauer mit staunend geöffnetem Mund und begeistert gesträubten Haaren Zaubertricks und künstlerische Großtaten, die er mit Beifall und einem fürstlichen Eintrittsgeld belohnt. Dagegen ist wenig zu sagen, wenn man nicht ins kulturkritische Detail gehen möchte. Ich persönlich habe nichts dagegen, und im Gegensatz zu Oper, Musical und Blockbuster kann ich mich ab und zu mal einen vergnüglichen Abend lang damit beschäftigen, selbst wenn der FC Bayern spielt, weils ja nicht so weltbewegend wichtig ist, wer da spielt. Hauptsache, es ist im Rahmen des Genres einigermaßen niveauvoll und unterhaltsam.

Die Haupttribüne. Foto: gr.

Es gibt jedoch noch was im weiten Feld zwischen Fußballopernzirkus und knochenbrecherischer Breitenbrutalität, was beidem nur auf den ersten Blick ähnelt: eine ganz andere Art von Fußball, die man in kleinen, in Stadtvierteln verwurzelten Spielstätten austrägt und die mit diesen Vierteln und den dort verwurzelten Vereinen mehr zu tun hat als mit Fernsehen und großer Welt. Eine Art Fußball, die nicht produziert, inszeniert und vorgeführt, sondern gemeinsam mit den beteiligten und verwickelten Menschen am Spielfeldrand und auf den Tribünen ausgeübt wird. Die auch nicht in erster Linie der Unterhaltung und Belustigung dient, sondern der Selbstvergewisserung und anderen archaischen Zwecken. Auch hier wird manchmal gezaubert, aber der Zauber ist nicht im Eintrittspreis enthalten, sondern entsteht aus kollektiv erzeugten Stimmungen und Glücksmomenten.

Ansonsten wird gekämpft, getreten, gerannt und notfalls auch gebissen, wird gelitten und gejubelt, weil man selbst betroffen und beteiligt ist, und wenn die Sache ganz besonders schlecht läuft, kann es auch mal nötig sein, im näheren Umkreis alles zu Klump zu hauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ebenso wie die Freude über unvergeßliche Höhepunkte sich festsetzt in den Mauern und Straßen und Herzen und als historischer Gründungsmythos Generationen begleitet und überdauert. Diese Art von Fußball ist – natürlich – ein aussterbender Ritus, weil sie in der kalten Effektivität und Beliebigkeit der modernen Gesellschaftsmaschine überkommen und romantisch wirkt. Die Anhänger und Beteiligten sind ein merkwürdiges, verschrobenes und verschworenes Völkchen, dem ein Jahrzehnte zurückliegendes 6:1 gegen einen gar nicht mehr wirklich existierenden Bayernligarivalen wichtiger als irgendwelche Europaligen und das noch in hundert Jahren von Spielern schwärmen wird, deren Beitrag zur Weltgeschichte sich auf einige hinterfotzige Fouls, einen genialen Anschlußtreffer in einem von vornherein verlorenen und dann doch gewonnenen Spiel oder eine dialektale Schimpftirade in eine Fernsehkamera beschränkt.

Geradezu lächerlich ist die Vorstellung, man könnte diese Art von Fußball in die ortlosen Arenen des Zirkusfußballs verlagern. Das wäre, als ginge jemand her, sperrte meine Stammkneipe zu und erklärte mir, diese sei jetzt in eine Blechhalle hinter Allach verlegt worden, weil dort bessere Sicherheitsbedingungen herrschten.

Diese schmutzige, laute, nutzlose Sache

Es gibt Vereine, die sich nicht und niemals vollständig in den Zirkusfußballzirkus einbauen lassen, weil sie eine andere Funktion und einen anderen Charakter haben, die im Milliardengeschäft der oberen fünf oder zehn nichts verloren haben. Solche Vereine sind Schicksalsgemeinschaften, die in eine Welt, in der es kein Schicksal mehr geben darf, sondern nur noch eigenverantwortliche Lebensentwürfe, und in der Gemeinschaften als verdächtige Zusammenrottungen gelten, die dem Ideal des entwurzelten Individuums im Weg stehen, nicht hineinpassen und deshalb daraus entfernt werden sollen wie Wespennester oder peinliche Tätowierungen. Deshalb darf ein Verein wie der TSV 1860 kein eigenes Stadion haben, schon gar nicht im eigenen Viertel, sondern höchstens eine Notunterkunft irgendwo im Niemandsland zwischen den Autobahnen, wo er langsam verkümmert und irgendwann nur noch die Wahl hat, entweder im Gulli der Historie zu verschwinden oder sich anzupassen und hineinzustreben in den Fußballzirkusbetrieb. Was aber nicht geht, weil Giesing nicht Hoffenheim, Freiburg oder Mainz ist und weil in unmittelbarer Nähe der FC Bayern residiert, der den modernen Zirkusfußball so perfekt verkörpert wie kein anderer deutscher Verein.

Man muß die Liebe zu dieser seltsamen anderen Form von Fußballspiel nicht nachvollziehen können, man muß nicht mal Verständnis dafür haben. Es ist eine schmutzige, laute, ziemlich unvernünftige, komplett nutzlose Sache, die nur eine kleine Minderheit interessiert und der Mehrheit manchmal zu Recht auf die Nerven geht. Aber vielleicht ist es von einer Stadt, die sich für ihre Minderheiten diverse Opern- und andere Häuser leistet, die für „Blade-Nights“ und eine „Sicherheitskonferenz“ für Stunden oder Tage ganze Stadtteile abriegelt, nicht zu viel verlangt, sich auch diese Minderheit zu leisten?

Unser Stadion, dieses schönste Stadion Deutschlands, wird demnächst mal wieder umgebaut und dabei wenn schon nicht in seinem Geist, dann doch in seinem Wesen wieder ein Stück weiter ruiniert. Weil die Menschen, denen der Fußball heute gehört, die ihn sich angeeignet haben, ohne uns zu fragen, eine Stadionwirtschaft nicht dulden können, weil sie einen VIP-Raum vorschreiben, weil sie verlangen, daß das Stadion auf einen Terroranschlag mit einer Panzerfaust mit 3000 Verletzten ausgerichtet ist.

Dagegen werden wir nicht viel machen können. Nur eins: Froh sein, daß es wenigstens in irgendeiner Form noch da ist, als Bollwerk gegen den wirtschaftsfaschistischen Ameisenhaufen, der außenrum unaufhaltsam wächst. Und weil damit die Hoffnung bleibt, daß man den modernen Schmarrn eines Tages auch wieder rückgängig machen kann.

Autor Michael Sailer in der Westkurve. Foto: gr.

Und: wir können davon erzählen. Uns erinnern. Immer wieder davon erzählen, wie schön das alles war. Damit man sich daran auch noch erinnert, wenn der Zirkusfußball längst vorbei und vergessen ist. Und wenn Giesing vollständig umgewandelt und ganz verschwunden ist.

Nein: weil es dann nicht ganz verschwinden kann.

Michael Sailer

Dieser Text entstand als Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung „100 Jahre Sechzger-Stadion“ am 29. Juli im Alten Giesinger Bahnhof. Die Schau ist dort bis zum 8. September 2011 (Di. und Do. 17-20 Uhr, Fr. 14-17 Uhr, Sa. u. So. 11-15 Uhr) zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Der Kulturvollzug bespricht die Ausstellung zusätzlich in einem Beitrag von Achim Manthey.

Eine Reportage über die Gentrifizierung in Untergiesing veröffentlichte vor einiger Zeit Michael Grill.

Veröffentlicht am: 19.08.2011

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Michael Wüst
19.08.2011 12:26 Uhr

Großartig!

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