Freitagsgedanken (Folge 7): Eine Expedition in die verworrene Begrifflichkeit der Musikstile

von Clara Fiedler

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Schrank vor sich, mit tausenden von Schubladen. Und Sie haben etwas in der Hand, das Sie da irgendwo einordnen müssen. Sie versuchen es. Nach einer Weile stellen Sie fest, es passt nirgendwo hinein. Nicht, dass es zu groß wäre. Nein, die Schubladen sind alle schon bis zu einem gewissen Grad gefüllt, und Ihr Objekt muss inhaltlich hineinpassen. Sie sind kurz vor dem Verzweifeln, als Sie zwischen zwei Schubladen, die beide eine Teilmenge Ihres gesuchten Inhaltes abdecken, ein bisschen Platz ausmachen. Schon rücken Sie mit Säge und anderen Werkzeugen an und kreieren einfach eine neue Schublade. Sie ist schmal, das Objekt passt nur ganz knapp hinein. Aber Sie haben es eingeordnet und sind zufrieden. Sie lehnen sich zurück und feiern sich selbst. Als der Erfinder des Melodic Thrash Acid Samba.

Die Musikszene wird immer vielfältiger. Aber braucht es für alles einen Begriff? Foto:fie

Was das ist? Nun, es ist eine Musikrichtung. Sie wird schätzungsweise von einer Band gespielt, die folgende Mitglieder hat: Zwei E-Gitarristen, die ein paar jazzharmonische Powerchords aus ihren Instrumenten herausprügeln, ein Schlagzeuger, der mit zwei Bass-Drums eine Clave dazu schlägt, einen DJ, dessen Beats wahrscheinlich etwas untergehen und zwei halbnackte, brasilianisch aussehende Damen, die einen tanzenderweise daran erinnern, dass das eigentlich ein Samba ist, wenn man es vergisst, wegen den zwei Gitarristen, die...und so weiter. Ach ja, und eine Melodie gibt es auch noch, sonst würde es ja nicht „Melodic“ heißen. Stellen Sie sich einfach Antonio Carlos Jobim auf dem Wacken-Open-Air vor. Das kommt dann so ungefähr hin.

Und nein, das gibt es nicht. Noch nicht. Denn wofür es inzwischen alles Namen gibt, ist wirklich verrückt. Neulich las ich einen Artikel über die Band „Sonata Arctica“, als mir folgender Satz unterkam: „...sind eine finnische Powermetal-Band, nähern sich aber immer mehr dem Symphonic Rock an“. Wie bitte? Ist das nicht in etwa dasselbe? Gleich werden Aufschreie aus den Reihen der Powermetal-Fans laut, die sich schon ins Unglück gestürzt sehen, weil ihre Lieblingsband sich nun dem Symphonic Rock zugewandt hat. „Sonata Arctica“ wird das ar(kti)schkalt lassen. Alexi Laiho, der Gitarrist einer anderen finnischen Was-auch-immer-Band, ließ einmal verlauten, es sei ihm wurscht, wie man seine Musik bezeichne. Auch wenn der gute Mann den Mittelfinger manchmal etwas überstrapaziert, hat er in dem Fall wohl Recht. Denn Stile gibt es wohl so viele, wie es Musiker gibt. Und das war wirklich einmal gelebt. Denn im Jazz der 20er, 30er Jahre gab es nicht Bebop, Swing, Acid, und so weiter. Da gab es Louis Armstrong, Lester Young, Johnny Hodges. Und auch heute noch würde kein Mensch auf die absurde Idee kommen, einen Johnny Hodges in eine Schulbade zu stecken, weil er dafür, mit Verlaub, einfach zu groß ist.

Es gibt ein anderes Interview von Alexi Laiho, in dem er erzählt, wie sein Keyboarder Janne Wirman, vormals wohl hobbymäßiger Jazzpianist, das erste Mal zur Bandprobe kam: „Er hatte kurze Haare und trug ein weißes T-Shirt!“ Diese Worte werden von dem langhaarigen, tätowierten, in schwarz gewandeten Heavy-Metal-Musiker mit solch herrlicher Fassungslosigkeit artikuliert, dass man nicht umhinkommt, die musikalischen Schubladen und alles, was dranhängt, ein bisschen gern zu haben, weil es so schön absurd werden kann, wenn sie aufeinanderprallen.

Es ist wunderbar, wenn jemand Jazz, HipHop und Funk mixt, es mit einem Sonatenhauptsatz würzt und mit ein paar guten Riffs abrundet. Aber es muss keine Bezeichnung dafür geben. Es genügt der Name eines Menschen, der sich nicht zwischen diesen Dingen entscheiden will, die er alle gleichermaßen liebt, und im Endeffekt doch nur eine einzige Göttin anbetet: Die Musik.

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 02.09.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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