Freitagsgedanken (Folge 13): Sing Mal Wieder! Und höre auf die Dusche!

von Clara Fiedler

Ein Programmvorschlag.

Was haben sie nur an sich, diese Sänger? Man kann sagen was man will, sie sind vor allem eines: Speziell. Das ist erstmal überhaupt nicht negativ oder positiv behaftet, sondern einfach eine Feststellung. Den Jazzsängern wird nachgesagt, sie hätten keine Ahnung von Musiktheorie. Den Klassischen wirft man eine generelle Exzentrik vor. Die aus dem Rock- und Pop-Bereich seien je nach Berühmtheitsgrad völlig abgedreht, pseudo-individuell oder Junkies. Ganz abgesehen davon, dass es über Instrumentalisten jeglicher Art auch genügend Vorurteile gibt, haben die Vokalisten schon irgendwie einen besonderen Ruf. Was aber bedeutet Singen für einen Menschen?

Für die, die es nicht von Berufswegen tun, fühlt es sich doch peinlich an, vor Publikum zu singen. Der Amateur tut es vielleicht unter der Dusche, aber auch nur dort. Der Witz an diesem Singen-unter-der-Dusche-Klischee ist: Genau in diese Ecke gehört der Gesang. Man ist nackt. Man kann sich nicht verstecken. Singen bedeutet, die Maske abzunehmen. Das verunsichert, weshalb man es dort tut, wo man sich ohnehin nicht verstecken muss.

Es wird gemeinhin auch behauptet, wer singt, hat keine Angst. Wer kennt nicht das Bild des Kindes, das verloren die Kellertreppe hinuntergeht, und dabei mit dünner Stimme summt, um sich Mut zu machen. Es nimmt ebenfalls die Maske ab, denn es sucht die Stärke in sich selbst. Singen ist wahrscheinlich der einfachste Weg, um zu sich zurückzukehren. Ein Instrument kann man relativ mechanisch spielen. Man wird niemanden groß berühren, wenn man dabei nicht bei sich ist, aber es gibt trotzdem erstaunlich viele Menschen, die es schaffen, ohne großes Herzblut extrem virtuos  zu spielen. Ein Sänger kann das nicht. Singen ist direkt mit dem Atem verbunden.

Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz, bei der ein paar Delegierte aus der Handelskammer von Newcastle, Südafrika anwesend waren. Nach der gezwungen seriösen Veranstaltung wurden sie in ein piekfeines Restaurant ausgeführt, und weil schönes Wetter war, setzte man sich auf die Terrasse. Es dauerte nicht lange, und es brauchte auch keinen Wein, bis die Herren in Anzügen und Krawatten anfingen, laut zu singen. Kellner, Gäste und Gastgeber waren irritiert, die Afrikaner hatten einen Mordsspaß und versuchten vergeblich, uns verklemmte Europäer zu animieren. Gesang ist informell. Er ist einfach menschlich.

Vielleicht sind sie deshalb so speziell, unsere geschätzten Frontleute. Und vielleicht lassen sie deshalb manchmal übertrieben den Entertainer raushängen. Weil keiner ständig in der Stimmung ist, sich zu zeigen, wie er ist. Es sei ihnen vergeben. Wir wissen nicht, wie schwer das wirklich ist. Oder hat Ihnen Ihre Dusche jemals ein Feedback gegeben?

Veröffentlicht am: 14.10.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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