Abermals ein Wandel, eine Tourismus-Revolution gar? - Wie neue Architektur in den Alpen Technik und Natur versöhnt

von kulturvollzug

Der Berg-Tourismus der Zukunft? - Das Berghotel Malta. Foto: Verbund Konzernkommunikation

Auf der Prodalp im sogenannten Heidiland entsteht seit dem Herbst der erste „Kristallturm“ der Schweiz. Ein oberbayerisches Unternehmen baut bis zur nächsten Sommersaison in 1600 Meter Seehöhe nach dem Baukastensystem einen multifunktionalen Erlebnispark mit 90 verschiedenen Stationen. Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene können dort schweben und balancieren wie im Felsgebirge. Sie können gesichert klettern, Rad fahren und andere mehr oder weniger naturnahe Aktivitäten betreiben. Oder einfach nur in die Bergwelt hineinschauen.

Das große europäische Hochgebirge ist manchen Planern und Visionären offenbar noch nicht hoch genug. Türme und andere futuristische Bauwerke bis hinauf auf die Gipfel verändern das gewohnte Bild der Alpenlandschaft. Dieser Trend entspricht jedoch nicht immer und unbedingt architektonischer oder regionalpolitischer Hybris, er muss auch nicht zwangsläufig die fast schon gewohnte „Verschandlung“ noch weiter steigern.

Vielmehr könnte neues Bauen im Idealfall die Bergregion „wieder zu dem machen, was sie einmal war“: authentisch, unverwechselbar, regionalspezifisch, gastfreundlich. Dies Erwartung äußerte jedenfalls (in einem Magazin für „Mountain Manager“) der langjährige Tiroler Landesumweltanwalt Sigbert Riccabona, der in derartigen Neubauten vereinzelt, aber deutlich eine neue, behutsamere Beziehung zwischen Mensch und Natur erkennen will. Dies kann freilich nur auf den Fundamenten der Nachhaltigkeit entstehen, wie sie heute überall gefordert werden.

Gegen neu aufgebrochene Wachstumsvisionen wird begründeter Widerspruch laut. So wagte die Münchner Freizeitforscherin Felicitas Romeiss-Stracke auf dem Tourismus-Forum der Alpenregion in Engelberg die Prognose: etwa ein Drittel der westeuropäischen Bevölkerung werde sich „zur Sinngesellschaft bilden“, und die brauche in ihrem Freizeit- und Urlaubsleben nicht noch mehr „Halligalli und Allinclusive rund um die Uhr“. Diese neue Generation werde wieder die Einfachheit schätzen, sie erwarte Naturwelten statt Kunstwelten und emotional berührende Erfahrungen. Vielleicht.

Es gehe um den „Spagat zwischen alpin und urban,“ stellte Bibiane Hromas von der Technischen Universität Wien in einer Grundlagenstudie fest. Und der Schweizer Vordenker Otto Jolias Steiner brachte den sperrigen Begriff „Emotiografie“ ins Gespräch; damit meint er eine „Landschaftsgestaltung der Gefühle“. Wie die Architektin Hromas will Steiner Berge mit präzisen Themen besetzen, zum Beispiel könnten die Weltreligionen ein solches Thema sein.

Alpenweit zeigt sich der Wandel. Derzeit arbeitet Steiner an Projekten am Achensee (Tirol), in Saas Fee und in Zermatt (Wallis). Ein leuchtendes Beispiel: Am Gornergrat wurde 2009 eine Hütte eröffnet, 2795 Meter über dem Meer, polygonal wie ein Felsblock und glitzernd wie ein Bergkristall. Sie besteht überwiegend aus Aluminium, dazu etwas Holz und Stahl. Photovoltaik und Solarkollektoren erzeugen 90 Prozent der benötigten Energie. Diese neue Monte-Rosa-Hütte des Schweizer Alpenclubs soll der Eidgenössischen Hochschule auch als „Experimentierlabor für nachhaltiges Bauen in den Alpen“ dienen.

Als „Haus der Zukunft“ und „erste Schutzhütte in Passivhausqualität“ bezeichnet der Österreichische Touristenclub sein neues Schieslhaus im Hochschwabgebirge. Im Energiekreislauf dieser Hütte, in 213 Meter Seehöhe, wird sogar das Regenwasser genutzt, eine Biogasanlage ist ebenfalls integriert. In den Südtiroler Dolomiten entstand auf 1500 Meter Höhe ein „ökologisches Design-Hotel“ aus Lärchenholz, Glas, Naturstein und – Lehm. Nach Vorstellung der Architekten soll es ein „geheimes Versteck“ in den Bergen sein, ähnlich den Baumhäusern für Kinder. Das Land Südtirol hat bereits ein Qualitätssiegel eingeführt, das eine klimaschonende Bauweise sowie die Rückbesinnung auf natürliche und lokale Materialien fördern soll.

Sogar in den französischen Alpen, wo einst ganze Retortenstädte inmitten der Dreitausender emporgeschossen sind, bemerkt die Alpenschutzorganisation CIPRA neuerdings einen architektonischen Wandel. Angesichts stagnierender Übernachtungszahlen in den großen Skistationen werde zunehmend versucht, das Image der „industrialisierten Schnee-Städte“ loszuwerden. Viele chaletähnliche Gebäude mit geschnitzten Balkonen sollen die „authentische“ Gemütlichkeit alter Bergdörfer wieder herstellen.

Eine Vorreiterrolle für die Umsetzung der Internationalen Alpenkonvention sollen die „Bergsteigerdörfer“ spielen, die auch vom Europäischen Landwirtschaftsfonds gefördert werden. Seit 2008 hat der Österreichische Alpenverein 18 gewachsenen Dörfern dieses Attribut verliehen. Die Kriterien sind streng: nicht mehr als 2500 Einwohner, Pflege der dörflichen Struktur und der alpinen Kultur, keine oder nur kleine Liftanlagen, Nutzung regionaler Produkte, Lärmfreiheit durch Angebot öffentlicher Verkehrsmittel und natürlich ein Netz von Wanderwegen mit Schutzhütten.

Eines dieser Bergsteigerdörfer ist Malta in Kärnten, ein Künstler-Dorf auch, ein Tor zum Tauern-Nationalpark. Hier zeigt sich, dass dörfliche Authentizität durch technische Großanlagen nicht gestört werden muss. Eine 14,4 Kilometer lange Hochalmstraße führt in kühnen Kehren durch das „Tal der stürzenden Wasser“, tausend Meter hinauf zum Kölnbreinstausee mit der höchsten, schön gewölbten Staumauer Österreichs, mit Aussichtskanzel und einem ästhetisch ansprechenden, zylinderrunden Hotelturm.

Von 1933 Metern Höhe, selbst vom Saunafenster aus, bietet sich ein überwältigendes Panorama. Zudem aber werden Gästen und Besuchern drinnen und draußen die Kräfte von Wasser und Wind, von Sonnen- und Erdwärme sowie die Schönheit von Gewässer und Gestein nahe gebracht - informativ, spielerisch, künstlerisch. Auch dafür erfand der vom "VERBUND", dem größten Energiekonzern Österreichs, zum Touristikdirektor berufene Gerhard Walter einen neuen Fachausdruck: „Eco-Excellence“.

Und so fügt sich der Alpentourismus des 21. Jahrhunderts aus ganz unterschiedlichen Bauteilen zusammen: einerseits befestigt sich die Kunstwelt mit immer noch viel Beton und Betriebsamkeit und dem Grundelement Sensation, andererseits zeigt sich eine Annährung an die Natur mit einem hohen Wohlfühlfaktor und dem Grundelement Emotion. Bei besseren Beispielen sind Hardware und Software durchaus kompatibel. Die Grenzen zwischen Aufrüstung und Abrüstung scheinen sich aufzulösen.

Karl Stankiewitz

Veröffentlicht am: 09.12.2011

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milik
09.12.2011 14:05 Uhr

"Jugendliche und Erwachsene können dort schweben und balancieren wie im Felsgebirge. Sie können gesichert klettern, Rad fahren und andere mehr oder weniger naturnahe Aktivitäten betreiben."

Das ist hübsch, wir stellen einen Vergnügungspark in die Natur, damit wir naturnah aktiv sein können. Was ist, ausser dass man dafür Eintritt verlangen kann, an naturnah besser als direkt in die Natur zu gehen - ohne z.B. für das Vergnügen den Boden versiegeln zu müssen?

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