König Louis zeigt Luxus: Wie die alte Hauptpost zum „Palais an der Oper“ erhöht wird - und der Spätkapitalismus nach der Stadtplanung greift

von kulturvollzug

Es ist genau das, was Investoren ein "Filetstück" nennen: Die Situation am Max-Joseph-Platz, rechts das "Palais an der Oper". Simulationen: Accumulata Immobilien

Die Maximilianstraße soll bis spätestens Anfang 2013 ein Entree bekommen, das ihrer neuen Entwicklungsphase entspricht – der Repräsentation von Modekönigen und Gastro-Giganten sowie der Präsentation von Luxus. Als 400 Ehrengäste, alle in Schwarz, inmitten roher Mauern das Richtfest feierten im „Palais an der Oper“, wie die ehemalige Münchner Hauptpost jetzt firmiert, ist das Rankingziel jedenfalls glasklar geworden.

In diesem historischen Ensemble „kann man künftig einkaufen, arbeiten und wohnen - auf höchstem Niveau“. So vernahmen die Versammelten die Botschaft von Gerd A. Hille, Geschäftsführer der Immobilien Management GmbH, die der Landesbank Baden-Württemberg gehört und die derzeit allein in München Bauprojekte mit einem Volumen von 900 Millionen Euro betreut.

Die hoch gelobte „Spitzenimmobilie europäischen Ranges“ ist das Musterbeispiel einer innerstädtischen Metamorphose. Immer schon und bis in jüngste Zeit hinein war sie ein Objekt der Begierde und der Spekulation. Wechselhaft, ja geradezu abenteuerlich ist ihre Bau- und Besitzgeschichte.

Als die Residenzstadt um 1830 auf 80.000 Einwohner angewachsen war, häuften sich Briefe und „Fahrpost“ (Pakete) bei Thurn & Taxis, und auch die Unfälle mit Postkutschen in den Toreinfahrten. Da traf es sich gut, dass König Ludwig ein Auge auf die Nordfassade des Törring’schen Palais geworfen hatte, zu dem er von seinen Wohn- und Schlafgemächern in der Resi­denz hinüberschauen konnte. Längst wollte er es kaufen und verschönern, nach seinem Gusto natürlich, denn alles Barocke war ihm zuwider.

Ein „Postpalais“ stellte er sich an diesem Schnittpunkt zwischen der Altstadt und sei­ner Neustadt vor. Doch erst einmal begann, wie schon in der Ludwigstraße, ein wenig vornehmes Gefeilsche. Damit Graf Törring nicht gleich einen „königlichen“ Preis forderte, schob Ludwigs Advokat Ritter von Sedelmaier einen „reichen Schweizer“ als Strohmann vor. „In patriotischer Mäßigung" musste sich der Palastherr schließlich mit 180.000 Gulden (heute etwa 1 ,25 Millionen Euro) zufrieden geben.

1834 konnte Ludwigs erster Lieblingsarchitekt Leo von Klenze mit der Planung des Umbaus beginnen. Die schöne Hauptfront zur Residenzstraße mit Freitreppe und Barocktor sowie das von den Brüdern Gunetzrainer und dem Stuckateur Zim­mermann geschaffene Interieur beließ er im Original. Vor die breite Nordfront indes setzte er, wie gewünscht, eine Loggia nach Vorbild des Findelhauses in Florenz: eine offene, erhöhte Bogenhalle mit zwölf tos­kanischen Säulen.

Wieder kam es zu zähen Verhandlungen um Form, Nutzen und Geldmittel, die zeitweise den Charakter eines Politikums annahmen. Der König verlangte, wie zuvor schon in „seiner“ neuen Straße, öffentliche Mittel für die neue Post, denn diese sei ja schließlich eine dem Gemeinwohl dienende Einrichtung. Doch die Ständevertretung, Vorgänger des Landtags, hatte in dieser Frage „wenig Meinung“, heißt es in einer postamtlichen Chronik.

Schließlich erkühnten sich der für die Post zuständige Außenminister und der Finanzminister zu der gemeinsamen Bitte, Majestät möge in Erwägung ziehen, „die Fassade zwar im veredelten Stil, aber doch in gleicher einfacher Form wie die Hauptfassade fortzusetzen“. Im Übrigen wäre eine finanzielle Beteiligung seiner Majestät in diesem Fall wohl angebracht. Der König reagierte entrüstet auf die Anma­ßung der Stände, über Gebäudefassaden zu urteilen, und auch seine Minister wies er in die Schranken: Spätestens in drei Tagen sei ihm Anzeige über den Vollzug seiner Wünsche zu erstatten.

Ohne Änderung musste Klenze die Säulenhalle erstellen, auch wenn diese bloße Zierde war und keinerlei postalischen oder sonstigen Zweck erkennen ließ. Den Kostenvoranschlag von 85.000 Gulden bezeichnete der König als „unüberschreitbar“, doch verschlangen dann „höchst nöthige und diensttaugliche Bauaufwendungen“ immer mehr Staatsgeld, sodass den Arbeitern keine Löhne mehr gezahlt wurden; eine Zeitung wagte gar die damals noch unübliche Schlagzeile „Bauskandal“.

Mitten in der Misere meldete der bayerische Gesandte in Hannover, ein dortiger Hotelier, zuvor englischer Schiffskapitän, wolle die strittige Immobilie zu einem in Deutschland einzigartigen „Gasthof der ersten Größe“ umgestalten. Die Verhandlungen scheiterten an König Ludwigs unverrückbaren Auflagen. Trotz aller Schwierigkeiten setzte er auch noch durch, dass die Rückwand der Loggia in seinem geliebten pompejanischen Rot bemalt wurde. Auf die gewünschten Bilder aus der Mythologie verzichtete er, dafür musste der Maler Georg Hiltensperger sechs Rossebändiger hinzupinseln. Staatsminister von Giese hatte darauf zu achten, dass dies „nicht zur Kenntnis des Publikums und der Stände kömmt“.

Die geplante Ansicht des Innenhofs.

Erst nach vier Jahren Bauzeit konnte am 24. August 1838, das „Kgl. General-Post­amts-Bureau« für die Allgemeinheit geöffnet werden. Die Gesamtkosten waren inzwi­schen auf 369.000 Gulden gestiegen. Zum ersten Mal in seine Karriere musste Klenze deshalb ein offizielles, wenn auch einfaches „Missfallen“ seines Königs einstecken, Bauführer Daniel Ohlmüller sogar ein „ernstliches Missfallen“.

In der Öffentlichkeit wurden konkretere Beschwerden laut; die Säulenhalle ver­schwende nützlichen Platz und sei für den Postbetrieb eher hinderlich, hieß es. Die Amtsräume würden dadurch schlecht belichtet. Erst ein halbes Jahrhundert spä­ter, 1889, wurde eine lichtdurchflutete, neubarocke Schalterhalle von Heilmann& Littmann eingebaut. Immerhin kam eine Menge Geld herein durch den Verkauf von Briefmarken, die erste in Bayern war der am 1 November 1849 freigegebene „Schwarze Einser“.

Das Amt firmierte in späteren Zeiten als Residenzpost oder schlicht als Hauptpost – und blieb dies noch sehr lange. Zwar hatte der Krieg das Innere samt dem „schönsten Münchner Treppenhaus des Spätrokoko“ zerstört, doch konnte das erhalten gebliebene Barockportal beim Wiederaufbau in die neue Schalterhalle versetzt werden. Die Schokoladenseite mit der Kolonnade konnte nach Klenzes Plänen relativ preiswert restauriert werden.

Nur Träume von einem Postmuseum

Ende 2004 wurde die Münchner Hauptpost geschlossen und von der Telekom zu einem unbekannten Preis verkauft. Die weitere Geschichte ist ein Musterbeispiel für den globalen Spätkapitalismus, der zunehmend auch in die Stadtentwicklung eingreift. Von der Münchner Bankengruppe, dem letzten Eigentümer, ging das gesamte Objekt an eine internationale Finanzgruppe. Die hätte hier am liebsten ein Hotel „Fünf Sterne plus“ etabliert. Doch die entsprechenden Verhandlungen zerschlugen sich.

Dann kaufte ein reicher Mann aus Kasachstan – angeblich für 300 Millionen Euro – den historischen Komplex. Hauptmieter wurde nun ein Unterhaltungskonzern, der Teile des inzwischen arg heruntergekommenen Gebäudes an einen Feinkostkönig, an Werkstätten, Galerien und Andere untervermietete. Einige Leute träumten von einem Postmuseum, viele alte Einrichtungen waren ja noch vorhanden.

Dann jedoch ging das Objekt weiter an den Konzern der Landesbank Baden-Württemberg, der allerdings mit seinen Münchner Projekten zunächst in Verzug geriet. Zum Glück fanden sich dann potente Partner. Das Münchner Filetstück geriet ins Visier von Monsieur Bernard Arnault, der als reichster Franzose gilt. Er beschloss, sein deutsches Hauptgeschäft für feine Leder- und Modeartikel der Marke Louis Vuitton vom noblen Düsseldorf weg in Deutschlands nunmehrige Nobelmeile Nr. 1 zu verlegen; dafür kaufte er 2300 Quadratmeter.

Als Mieter für ein weiteres, 1500 Quadratmeter großes Stück Klenze-Bau interessierten sich die Großgastronomen Gerd Käfer und Roland Kuffler, letzterer bekam schließlich den Zuschlag. Caterer Kuffler will hier sein schräg vis-a-vis liegendes Spatenhaus durch ein Restaurant mit 580 Plätzen ergänzen, er hat sein Auge auch schon auf eine andere strategische Stelle der Maximlianstraße geworfen.

Von außen soll sich gar nicht so viel verändern: Das "Palais an der Oper" an der Maximilianstraße, Ecke Hofgraben.

Total umgestaltet wird der kaputte Komplex durch die Architekten Hilmer, Sattler und Albrecht, die schon Bahnhofe, U-Bahn-Stationen, Museen, Hotels und Schlösser gebaut oder in großem Stil saniert haben. Ihr Konzept sieht vor, den Haupteingang wieder zum Nationaltheater und zur Maximilianstraße hin zu öffnen und den großen Hof zu einer Drehscheibe für Passanten und die verschiedenen Nutzer auszubauen. Über den Restaurants und Läden sind zwei Stockwerke für Büros und weitere zwei für Wohnungen eingeplant.

Maßgebend sind Vorgaben für „nachhaltiges Bauen“ sowie Grundsätze des chinesischen „Feng Shui“, was eine harmonische, den Funktionen angepasste Anordnung und Einrichtung der Räume bedeutet. Auch gewann Vuitton den Schweizer Künstler Ugo Rondinone für die Installation eines neonleuchtenden Regenbogens; die Skulptur soll an die deutsche Romantik erinnern, der Titel prangt bereits an der Westwand: „We are Poems“ – wir sind Gedichte.

An Leo von Klenzes Architektur erinnert fortan im Gebäudeinneren „fast nichts mehr“, heißt es in einer wenig lyrischen Kritik. Erhalten bleibt jedenfalls die – zuletzt noch als Café genutzte - Säulenvorhalle samt dem römisch-dekadenten Rot, das der dichtende König Ludwig so geliebt hat, dass er es zunächst sogar für die Feldherrnhalle wünschte.

Über Kauf-, Miet- und sonstige Preise, mit denen im ehemaligen Post- und jetzigem Opern-Palais zu rechnen ist, wurde bei der Richtfestfeier natürlich nicht gesprochen. Aber dem demnächst scheidenden Oberbürgermeister Christian Ude ist immerhin aufgefallen, dass sich in einigen deutschen Städten eine Protestbewegung gegen „feine Adressen“ formiere, denen negative Einflüsse auf Altmieter und Bürger mit kleinerem Einkommen unterstellt werde.

Tatsächlich ist im besonders teuren München ein von Mieterverein, DGB und einigen Stadtteilinitiativen getragenes Aktionsbündnis für bezahlbare Mieten entstanden. Und ein Netzwerk „Recht auf Stadt München“ veröffentlichte am Tag vor dem Richtfest ein Manifest gegen überhand nehmende Luxussanierung, Investoren-Architektur und „Gentrifizierung“, wie man die Umstrukturierung einiger Großstädte oder einzelner Viertel zu Ungunsten der Altbevölkerung nennt. Die linken Netzwerker wollen einen Trend erkennen und attackieren: „Die Promenaden den Gutsituierten, dem Pöbel die Mietskasernen draußen.“

Aber Münchens Oberbürgermeister, der einmal Mieteranwalt war, meinte beim Festakt im Rohbau des „Palais’ an der Oper“, durch dieses Großprojekt werde doch niemand benachteiligt, er habe deshalb kein Verständnis für die Kritik. Draußen auf dem provisorischen, überdachten, weiß gelackten, hell beleuchteten Gang, durch den die Passanten derzeit an der Großbaustelle vorbei geschleust werden, schrammte indes ein Bettler auf seiner Geige.

Karl Stankiewitz

Der vorliegende Bericht stützt sich im historischen Teil auf das vom Autor in zwei Bänden verfasste Buch „Prachtstraßen in München“, Verlag Bayerland.

Im Kulturvollzug erschien vor kurzem von Karl Stankiewitz ein Text über den sich weiter beschleuigenden Niedergang der Maximilianstraße.

Veröffentlicht am: 27.11.2011

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