Eon? Off! Was der Niedergang eines Energieversorgers mit Kultur in München zu tun hat

von Michael Grill

Auf der Piazza, ein letztes Mal. Foto: gr.

Dass das riesige Bild mit echtem Grasbesatz an der Wand des spektakulär überdachten Innenhofs der Piazza in der München-Zentrale von Eon an der Brienner Straße derzeit aussieht wie verdorrt, kann auch jahreszeitliche Gründe haben. Dass der noch größere magentarote Lichtbogen von Rupprecht Geiger schräg gegenüber, ein Schweif über mehrere Stockwerke, inzwischen blass aussieht, mag vielleicht Einbildung sein. Doch dass München mit dem absehbaren Rückzug des Energieversorgers nicht nur ein Wirtschaftsproblem bekommen wird, ist so klar wie die Lage in Fukushima immer noch trüb ist.

Manchmal erkennt man mit dem Ende erst so richtig, was davor gewesen ist.

Eon Energie mit Sitz in München hat Kunst und Kultur überdurchschnittlich gefördert. Das Unternehmen, bei dem derzeit viele Menschen wegen einer mit dem Atomausstieg der Bundesregierung begründeten Umstrukturierung um Arbeitsplatz und Existenz bangen müssen, taumelt in eine ungewisse Zukunft. Was aus der Förderung von Institutionen wie dem Lenbachhaus, dem Radikal-Jung-Festival am Volkstheater oder dem Kulturpreis Bayern wird, ist offen. Ebenso die Zukunft der Kunstsammlung, die über Jahre mit Verstand und Geschick zusammengefügt wurde.

Die attraktive Vortragsreihe, die auf der Piazza in Zusammenarbeit mit der Carl-Friedrich-von-Weizsäcker-Stiftung zur festen Einrichtung geworden war, ist bereits am Ende. Das erfuhren die Gäste bei der jüngsten Veranstaltung mit dem Politologen Herfried Münkler. Entsprechend gedrückt war die Stimmung und grau waren die Gesichter.

Wo liegt die Mitte zwischen Risiko und Sicherheit?

Hartmut Geldmacher, bis Oktober Personalvorstand bei Eon, hatte mit der Frage „Wie viel Sicherheit benötigt eine Gesellschaft?“ ins Thema des Professors eingeführt. Das war bereits ein Gedanke mit doppeltem Boden, an den sich Befürworter der Kernenergie derzeit gerne halten.

Geldmacher gab unumwunden zu: „Die Frage hat durch Fukushima eine neue Dimension bekommen - auch für uns Energieversorger.“ Und er beantwortete sie mit seinem „Lieblingszitat“ von Hans-Olaf Henkel: „Wer jedes Risiko ausschließen will, der zerstört auch alle Chancen.“ Hier könnte man die Frage einwerfen, ob der lapidare Begriff „jedes Risiko“ nicht genau jenes Herunterspielen von Risiken repräsentiert, das nun endlich beendet werden soll. Doch genau dafür war das Redeforum auf der Piazza ja immer da: Um sich auf hohem Niveau mal Gedanken zu machen, und zwar ohne jede Einschränkung.

Herfried Münkler blickte anschließend tief in die Geschichte, zog eine rasante Linie von der Risikogesellschaft des Kaiserreichs bis zur Sicherheitsgesellschaft der DDR: „Ein Blick ins 20. Jahrhundert zeigt, dass Gesellschaften sowohl an nicht mehr beherrschbaren Risiken wie auch an einem Übermaß an Sicherheit scheitern können.“ Wo aber liegt eine möglicherweise sinnvolle Mitte zwischen Risiko und Sicherheit?

Die Gefahr beim Atomausstieg sei, so Münkler, dass „die Suggestion besteht, Risiko und Sicherheit ließen sich exakt trennen. Atomkraft ist ein Risiko. Aber ein Ausstieg ist kein Einstieg in die Sicherheit. Es ist ein Wechsel der Risiken.“ Er schumpeterisierte über den Begriff der schöpferischen Zerstörung und beklagte, dass es in der Gesellschaft „eine Ablösung des Unternehmers mit persönlichem Risiko durch den nur noch organisierenden Manager“ gegeben habe. Dies sei „ein Symptom des zunehmend verfettenden Kapitalismus“. Am Ende wusste man nicht genau, ob dies nun unterm Strich pro oder contra Atomkonzern gemeint war. Aber vieles hatte man so noch nicht gedacht.

Große Reden vom kulturellen "Sauerstoff"

Ex-Vorstand Geldmacher sprach ein kurzes Schlusswort für die herausragende Veranstaltungsreihe, in der man unter anderem Richard von Weizäcker, Margot Käßmann, Reinhard Marx und Richard David Precht erleben konnte: „Das Forum wurde als Teil unseres gesellschaftlichen Engagements angelegt. Wir wollten Raum für Ideen und neue Perspektiven bieten. Ich denke, das ist uns gelungen.“

Anschließend äußerte sich Geldmacher zum Thema Konzernrückzug aus München. Damit bei diesem Thema keine Seite missverstanden wird, zitieren wir hier das Statement von Geldmacher, dass er am folgenden Tag auf Nachfrage schriftlich abgab: „Nun muss ich noch kurz mit einem guten Schuss Wehmut in eigener Sache sprechen, nachdem ich zum 1. Oktober aus dem Vorstand der E.ON Energie ausgeschieden bin. Viele von Ihnen werden es sicher schon den Medien entnommen haben: E.ON befindet sich gerade in einer Phase der Neuaufstellung. Und dies betrifft auch den Standort in der Brienner Straße. E.ON Energie wird seine eigenständige Rolle hier in München verlieren. Und so wird es auch die schöne Tradition des Weizsäckerdialogs in unserem Haus künftig nicht mehr geben. Das Veranstalten derartiger Abende würde man allerdings auch nicht mit großer Freude vertreten können, wenn gleichzeitig 11.000 Mitarbeiter in Sorge um ihren Arbeitsplatz sind."

Dies ist bis dato das offenste Statement, dass es von einem Vorstand beziehungsweise Ex-Vorstand zu dem Thema gegeben hat; in der Süddeutschen Zeitung wurde darüber berichtet.

Wie bizarr die Situation bei dem einst so unangreifbar erscheinenden Konzern momentan ist, wird auch deutlich bei einem Blick in das gerade erschienene Magazin "Bayerns Beste". Es wird (wurde?) vom bayerischen Wissenschaftsministerium gemeinsam mit Eon herausgegeben und stellt Menschen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft vor. Im Editorial schreibt der Vorstandsvorsitzende von Eon-Bayern, Thomas Barth: „Unser Leben wäre ohne Sauerstoff nicht möglich. Wir brauchen ihn zum Atmen und damit für all das, was wir aktiv bewegen und gestalten wollen - auch kulturell, auch in Kunst und Wissenschaft. Und Sauerstoff bedeutet immer auch Leben. Dies gilt nicht zuletzt für die Kultur. Auch hier brauchen wir immer neuen Sauerstoff, um für ein lebendiges Bayern zu arbeiten. (...) Diese wichtige Arbeit für Kunst, Kultur und Wissenschaft im Freistaat unterstützen wir gerne."

Manchmal ändern sich die Zeiten schneller als Vorwörter umgeschrieben werden können. Eon? Off!

 

Im Kulturvollzug berichtete Karl Stankiewitz bereits ausführlich über die Münchner Geschichte von Eon.

 

 

Veröffentlicht am: 18.11.2011

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