"Monacensia" wird Museum

Literatur in neuem Licht

von kulturvollzug

An dem Schreibtisch saß Oskar Maria Graf (Foto: Coco Lang)

Das literarische Gedächtnis der Stadt München wird, gemäß einem Stadtratsbeschluss, gehörig aufgefrischt. Bis Herbst 2015 soll das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des Bildhauers und "Künstlerfürsten" Adolf von Hildebrand in Bogenhausen, das seit Herbst 1977 die Monacensia beherbergt, für rund neun Millionen Euro dergestalt umgebaut und erweitert werden, dass den Besuchern ein offenerer und freundlicherer Zugang ermöglicht wird.

Wichtigste Änderung: Künftig sollen Bücher und andere Medien aus der 140.000 Exponate umfassenden Präsenzbibliothek – alle zum Thema München im weitesten Sinne – nicht nur vor Ort eingesehen, sondern auch ausgeliehen werden, wie die allermeisten Bücher der Stadtbibliothek. Alle Kataloge werden digitalisiert. Der heutige Bestand wird jedoch zum Großteil in den Gasteig verlagert. Die Sammlung soll zu einem "lebendigen literarischen Archiv" werden, sagte Elisabeth Tworek, die seit 1994 die Monacensia leitet, bei der Vorstellung des Projekts.

Die wichtigste bauliche Veränderung ist ein Ausstellungsbereich im Erdgeschoss. Er wird Originalstücke aus den Nachlässen von berühmten Schriftstellern zeigen, beispielsweise Frank Wedekinds Schreibtisch mit grüner Filzauflage und schönen Schreinersesseln auf vier Rollen, und den zur Zeit noch im Stadtmuseum aufgestellten Schreibtisch von Oskar Maria Graf mit allerlei Utensilien und versenkbarem Schreibmaschinenschrank, der per Schiff von New York nach München geholt wurde.

Das Hildebrandhaus, Sitz der Monacensia (Foto: Coco Lang)

Neben Wechselausstellungen, die weiterhin im Flurbereich inszeniert werden, wird es eine ständige Ausstellung "Thomas Manns Zeit in München – von der Bòheme bis zum Exil" (Arbeitstitel) mit Handschriften, Urkunden und Gegenständen aus den Nachlässen der Kinder von Thomas Mann geben, der mit seiner Familie 40 seiner 80 Lebensjahre in München verbracht hat (Klaus Manns Tagebücher von 1931 bis zum Freitod 1949 wurden kürzlich komplett im Internet freigeschaltet). Zeugnisse der literarischen Bòheme – von Otto Julius Bierbaum bis Franziska von Reventlow – bereichern die Schau, die Grundstock für ein Münchner Literaturmuseum sein könnte. Immerhin verfügt die Monacensia derzeit über 350 Nachlässe und Konvolute. Zu den Schätzen, die noch ihrer Ausstellung harren, gehören zum Beispiel das Seefahrtsbuch der Ozeanografin Elisabeth Mann Borgese, ein kindlicher Wunschzettel von Kadidja Wedekind, eine Casinokarte der "tollen Gräfin", der Rosenkranz von Lena Christ, die Zigarettenspitze von Anette Kolb und ein Filmprojektor der Volkssängerin Bally Prell ("Schönheitskönigin von Schneizlreuth"). Denn auch die Nachlässe Münchner Volkssänger und Volksschauspieler werden im Hildebrandhaus gesammelt.

Der bisherige Lesesaal wird für Veranstaltungen vergrößert. Im historischen kleinen Atelier, derzeit noch Garderobe, soll die wechselvolle Geschichte des schönen Hauses veranschaulicht werden. Adolf von Hildebrand hatte es nach einem Entwurf von Gabriel von Seidl bauen lassen und 1898 bezogen. Im Salon verkehrten Schriftstellerinnen wie Annette Kolb und Isolde Kurz, der Reformpädagoge Georg Kerschensteiner, der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin, Cosima Wagner, die Philosoph Ludwig Curtius, der Dirigent Wilhelm Furtwängler sowie Kronprinz Rupprecht und seine Frau Gabriele von Bayern. In der NS-Zeit gehörte die Villa der zum Protestantismus übergetretenen Jüdin Elisabeth Braun, die im November 1944 mit tausend Münchner Juden nach Litauen deportiert und dort ermordet wurde.

Ein gläserner Anbau mit Anschluss an den toskanischen Garten wird dem großen Atelier hinzugefügt; er soll ein Selbstbedienungscafé erhalten. Die früher vom Münchner Kulturreferenten Jürgen Kolbe genutzte Wohnung im Obergeschoss soll wissenschaftlichen Zwecken dienen. Die wertvollsten Stücke sollen im Keller absolut brandsicher gelagert werden. Auch eine neue Eingangssituation in der Maria-Theresia-Straße ist geplant. Trotz der veränderten Nutzung der Räume bleibt natürlich der denkmalgeschützte Bau selbst erhalten.

Karl Stankiewitz

Veröffentlicht am: 19.05.2012

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