Die Biersorten auf dem Oktoberfest

Hauch von Karottenbrei, Schaum mit Blasenbildung

von kulturvollzug

 

Das ist es, was der Autor die "Maßkrugerfahrung" nennt. Foto: M. Wolff

Derzeit ist die Münchner Kultur wieder gelb und schäumt im Glas. Da auch ein Feuilleton nicht völlig an den Zeichen der Zeit vorbeisehen kann, haben wir aus gegebenem Anlass einen der besten des Fachs um eine besondere Rezension gebeten. Hier also der große Wiesnbier-Test des Münchner Autors und Satirikers Moses Wolff. Er weiß: Ein Rezensent muss so manches schlucken. (gr.)

Die sechs Münchner Oktoberfest-Biersorten sind Augustiner, Paulaner, Hacker, Löwenbräu, Hofbräu und Spaten. Andere Sorten dürfen auf dem Oktoberfest nicht ausgeschenkt werden, was schade ist, da viele Bayern auch andere bayrische Biersorten lieben, wie etwa das Tegernseer Helle oder das Bier von der König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg, die einst den Hof des Oktoberfestgründers Ludwig I. belieferte.

Für mein kürzlich erschienenes Wiesnhandbuch „Ozapft is“ habe ich die sechs Oktoberfestbiersorten im Herbst 2011 von zwei Jurys unabhängig voneinander verkosten lassen. Ich entwickelte hierfür einen Verkostungsplan, in dem ich großen Wert darauf legte, die für das Wiesnbier typischen Kriterien zu beachten und Platz für persönliche Kommentare zu lassen.

Das erste Team (Brigade A)  bestand aus nur zwei Personen, nämlich einem Gastronomie- und Bierspezialisten aus München und mir selbst. Wir verkosteten die Wiesnbiere direkt auf dem Oktoberfest in den großen Zelten der jeweiligen Müchner Traditionsbrauereien.

Das zweite Team (Brigade B) bestand aus vier Personen, und zwar meinem lieben Freund Peter Eichhorn (der seines Zeichens Bierexperte ist und Autor des herausragenden Bier-Handbuches „Von Ale bis Zwickel – das ABC des Bieres“), sowie einem Brauer, einem Weinsommelier und dem Betreiber einer Bierplattform im Netz, die die Wiesnbiere 2011 gemütlich zu Hause aus Flaschen verkosteten, jeweils paarweise miteinander/gegeneinander.

Jeder Beurteiler von Brigade A und B wusste, welches Bier er gerade trinkt, es war also keine Blindverkostung.

Das Ergebnis:

Brigade A: Verkostung im Bierzelt

Wir starteten im Biergarten des Löwenbräu-Festzeltes, arbeiteten uns dann über das Winzerer Fähndl (Paulaner), der Festhalle Schottenhamel (Spaten), die Augustiner Festhalle (Augustiner), das Hacker-Festzelt (Hacker) bis zum Hofbräu-Festzelt (Hofbräu) voran und notierten fleißig auf meinen Arbeitsblättern unsere Eindrücke. Da wir uns klar waren, dass sechs Maß eine Menge Holz sind, außerdem das „Lak-werden“ beziehungsweise „Schal-werden“ des Wiesnbieres stark mit der Trinkgeschwindigkeit des Konsumenten zusammenhängt und es ja um das Ergebnis ging, und ich die Rezenz (Fachbegriff für das „Prickeln“) korrekt bewertet haben wollte, tranken wir die Krüge jeweils nur bis etwas über die Hälfte leer. Den Rest in den Maßkrügen überließen wir seinem jeweiligen Schicksal. Wir wurden aufgrund der Bögen mehrmals von Umsitzenden oder Bedienungen angesprochen und erklärten jeweils ehrlich, dass wir eine private Verkostung für das erste vernünftige Wiesnhandbuch durchführen. Hier ist die Bilanz der Brigade A in der Reihenfolge der Ränge:

Rang 1 - Hacker: Gold-braun, leicht trüb, der Schaum konstant und grobporig, primärer Geruch fruchtig, sekundärer Geruch würzig, Geruch nach Bewegung des Maßkruges ebenso würzig, rund und süffig im Antrunk, prickelnde und ausgewogene Rezenz, ausgewogene Säure und angenehme Süße im Nachtrunk.

Rang 2 - Hofbräu: Hellgelbe Farbe, Schaum mit Blasenbildung und rasch vergänglich, primärer Geruch zu hopfig, sekundärer Geruch ausgewogen-fruchtig, Geruch nach Bewegung des Maßkruges ebenso fruchtig, Geschmack beim Antrunk rund und angenehm herb, kurzlebige Rezenz, im Nachtrunk angenehm bitter und süffig.

Rang 3 - Paulaner: Hellgelb, klar, feinporiger Schaum, würziger Primärgeruch, etwas abfallender Sekundärgeruch, nach Bewegen des Maßkruges Gärprozess-Geruch, angenehm bitterer Geschmack beim Antrunk, relativ frisch, relativ lange Rezenz, hopfig im Nachtrunk.

Rang 4 - Spaten: Bernsteinfarben, klar, der Schaum rasch vergänglich, primärer Geruch hopfig, sekundärer Geruch fruchtig, Geruch nach Bewegung des Maßkruges süßlich, Geschmack beim Antrunk feinherb, Rezenz kurzlebig, im Nachtrunk zu leicht, aber angenehm bitter.

Rang 5 - Löwenbräu: Hellbraun, klar, feinporiger, schnell vergänglicher Schaum, primärer Geruch malzig, sekundärer Geruch nach Gärprozess, Geruch nach Bewegung des Maßkruges würzig, angenehm bitter im Antrunk, zunächst ausgewogene Rezenz, die aber sehr rasch nachließ, feinherb im Nachtrunk.

Rang 6 - Augustiner: Gelbgold, klar, cremiger Schaum, primärer und sekundärer Geruch nach Gärprozess und etwas nach Holzfass, Geruch nach Bewegung des Maßkruges würzig, Geschmack beim Antrunk zu alkoholhaltig, in der Rezenz rasch schal, im Nachtrunk zu süß und nach wie vor zu stark.

Am nächsten Morgen hatte ich einen herrlichen Kater und tippte die Auswertungen ab, was gar nicht leicht war, da besonders die gegen Ende unserer Tour aufgeschriebenen Bewertungen nicht gerade gut leserlich geschrieben waren. Und ich staunte nicht schlecht, daß gerade Augustiner, das ja sowohl als normales Helles, als auch als Oktoberfestbier das Lieblingsbier der meisten Leute ist, die ich kenne, am schlechtesten abgeschnitten hat. Aber jeder hat schließlich mal einen schlechten Tag, so halt auch das Augustiner Wiesnbier.

Nun wartete ich gespannt auf das Ergebnis meiner Bierprofis der Brigade B, die die Biere aus Flaschen verkosteten.

Brigade B: Verkostung aus Flaschen

Die vier Tester der Brigade B trafen sich an einem ruhigen, privaten Ort, um das Bier aus Flaschen in aller Ruhe testen zu können. Mein Freund Peter Eichhorn leitete diese Verkostung an, ich selbst war absichtlich nicht dabei, da ich eine vollkommen unabhängige Meinung von Mannschaft B erhalten wollte. Darum teilte ich ihnen auch mein Ergebnis noch nicht mit. Im Fall von Brigade B glich die Verkostung wohl eher einer Weinprobe, denn sie tranken die Biere nicht aus Maßkrügen, sondern aus den Gläsern des Biersommelier-Verbandes. Das sind Halblitergläser, die optisch eine Mischung aus einer klassischen Biertulpe und den Aventinus-Weißbiergläsern der G. Schneider & Sohn GmbH darstellt, sich also optimal für die Verkostung jeglicher Biersorten eignen. Hier ist die Bilanz der Brigade B in der Reihenfolge der Ränge:

Rang 1 - Hacker-Pschorr: Nussbraun mit leichtem Rotstich. Stabiler Schaum, grobporig. Das Bier hat mehr Aroma als die meisten anderen. Mehr Volumen und Malzsüße. Eine angenehme Röstigkeit mit leichter Rauchnote begleitet das Getränk.

Rang 2 - Hofbräu: Der solide Schaum hält sich schön lange. Die Nase hat einen Hauch von Karottenbrei. Der Geschmack kommt angenehm gehaltvoll daher und besticht durch eine intensive Hopfennote.

Rang 3 - Spaten: Solider Schaum setzt sich schön am Glas ab. Malzige und getreidige Noten. Etwas Pfeffer und Stroh. Ein sauberer Abgang, begleitet von getoasteten Aromen. Langer Nachhall.

Rang 4 - Augustiner: Intensive Perlage. Nase nach Gemüsebrühe und Sellerie. Aromatik bleibt angenehm konstant. Auftakt-Aromen sind im Abgang noch genauso wahrnehmbar. Der Unterschied von diesem Festbier zu einem regulären Augustiner ist wenig wahrnehmbar.

Rang 5 - Löwenbräu: Sehr hell. Der grobporige Schaum verschwindet sehr schnell, zu schnell. Eine leichte Säure begleitet das Bier und lässt es einem Pils eher ähneln als einem Festbier.

Platz 6 - Paulaner: Getreide und Grüner Apfel in der Nase. Kurzes Aufsprudeln, dann sind die Frische und der Schaum weg. Uninspirierte Enttäuschung.

Dass der Unterschied zu einem regulären Augustiner kaum wahrnehmbar ist und daher in die schlechte Beurteilung miteinfloss, bedeutet in diesem Fall keinesfalls eine Degradierung des regulären „grünen“ Augustiner Vollbieres, sondern soll vielmehr aussagen, dass ein Oktoberfestbier sich geschmacklich deutlich von dem das ganze Jahr über erhältlichen Bier unterscheiden muss. Die Brigade B hatte jedenfalls, wie wir, eine Menge Spaß beim Verkosten, allerdings fehlten freilich die Geräusche und Gerüche und optischen Reize des Bierzeltes.

Aber man kann halt nicht alles haben, gell?

Moses Wolff

Vom Autor ist gerade erschienen "Ozapft is! - Das Wiesn-Handbuch", das im Kulturvollzug hier besprochen wurde.

 

Veröffentlicht am: 23.09.2012

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