Zur "Decolonize"-Debatte - Karl Stankiewitz über Südafrika im Jahre 1972

Wenn selbst der Arzt nur im Dienste der Ausbeutung untersucht

von Karl Stankiewitz

Postkoloniale Begegnung. Foto/Montage: Stadtmuseum

Nicht nur wegen der immer noch in München vorhandenen Straßennamen und anderer Relikte mit kolonialem Bezug wird immer wieder über die hiesige Beziehung zu Afrika diskutiert. Aktuell beleuchtet eine Ausstellung im Stadtmuseum das Thema. Unser Autor Karl Stankiewitz erinnert sich aus diesem Anlass an eine Reise nach Südafrika vor mehr als 40 Jahren. Es ist ein auch heute noch erschütternder Bericht. Und gleichzeitig verstehen wir es auch ein wenig als Hommage an den vor kurzem verstorbenen Nelson Mandela. (gr.)

Im April 1972 erreichte mich eine Einladung der Lufthansa zum Eröffnungsflug nach Johannesburg. Die südafrikanischen Gastgeber, Touristiker und Airliner, zeigten sich von ihrer freundlichen Seite. Nichtweiße waren zu den Empfängen natürlich nicht geladen. Draußen, zwischen den nagelneuen Glas- und Betonburgen, beobachtete ich, wie Farbige aus den Vorstädten bei der Begegnung mit Weißen die Straßenseite wechselten, um nicht verprügelt zu werden. Streng war die Rassentrennung geregelt, keine Lockerung der Apartheid war zu erkennen. Deshalb – und weil mir die Berichte der wenigen akkreditierten deutschen Korrespondenten zu angepasst schienen - beschloss ich, dem offiziellen Aufenthalt noch ein paar private Tage anzuhängen. Ich zog in ein billigeres, portugiesisches Hotel um und sammelte dann zusammen mit der Kollegin Irene Hirsch vom argentinischen Magazin Panorama, Tochter eines jüdischen Emigranten, bei einer Rundreise „Bilder aus einem schwarz-weiß-braunen Land“. So der Titel einer fünfteiligen Serie in der damaligen Presse, aus der hier einige Auszüge folgen.

Wie schwarze Arbeiter einer Diamantenmine ausgebeutet wurden

Der Arbeiter Nr. 9458 hockt mit stumpfem Blick auf dem oberen Rand einer Maschine und zerrt mit einer großen Eisenkette die vom Förderband ausgespuckten Brocken von „blauer Erde“ in den Trichter. Krachend und knirschend werden sie zu kleineren Stücken zermahlen. Noch kommen die Diamanten-Kerne nicht zum Vorschein.

Bei unserem Besuch in der Premier Diamant Mine bei Pretoria, der ertragreichsten Mine Südafrikas, arbeitete bloß einer der „Crasher“, bei vollem Betrieb sind es sechs. Nur an zwei Tagen im Jahr stehen die Maschinen still. Der Arbeiter Nr. 9458 hockt da 48 Stunden in der Woche, aber meist macht er – auch wenn es die Gewerkschaft verurteilt – noch Überstunden für das Finanzimperium der De-Beer-Gruppe.

Der Vertrag, der dem Mann ohne Namen einen Tageslohn von umgerechnet 5,25 Mark garantiert, läuft über vier Monate. Die Unterkunft ist frei. Der Mann wird vom Werksarzt regelmäßig untersucht. Und nach jedem Schichtwechsel durchleuchtet. Aber nicht etwa auf eine mögliche Staublunge, sondern weil er einen Stein gestohlen haben könnte.

Sein Essen muss sich der Arbeiter Nr. 9458 selbst kaufen und auch selbst kochen. Doch dazu sind die meisten Männer offenbar zu erschöpft. In der Mittagspause liegen sie einfach auf dem Boden, apathisch, sprachlos, keiner anderen Antwort auf Fragen fähig als: „Yes, Boss.“ Unter Tage, mehr als 500 Meter unter der Blauen Erde, ist die Arbeit sicherlich noch wesentlich schwerer als oben an den furchtbar lauten Crashern.

Bald soll es den schwarzen Arbeitskräften etwas besser gehen. „Wir bauen gerade ein neues Heim für sie,“ sagt uns der Werks-Anthropologe, ein vornehmer Herr, der etwas von Rassen versteht. Der beispielsweise darauf achtet, das Zulus nicht unter Tage beschäftigt werden, denn für Zulus ist der Berg tabu.

Im neuen „Hostel“ sollen die 3200 schwarzen Arbeiter der Diamantenmine in einer „industrialisierten Küche“ ein „balanced food“, ein ausgewogenes Essen, erhalten: genau 4200 Kalorien am Tag, großenteils bestehend aus Brot und Mealie, einem Maisbrei. Dazu etwas Fleisch und Gemüse und das nichtalkoholische Mahewu-Getränk. Schwarze Arbeiter in Afrika sind so gut versorgt wie Hühner einer Großfarm, die Eier produzieren müssen. In Johannesburg haben Wissenschaftler schon ein synthetisches Kraftfutter für die „Eingeborenen“ entwickelt, es heißt „Pronutrio“.

„In Europa meint man oft, die Schwarzen hier seien billige Arbeitskräfte, die nur ausgebeutet würden“, wehrt sich der Werkswissenschaftler im weißen Kittel. Das stimme nicht. In Wirklichkeit handle es sich um „ineffective labour“, um wenig wirksame Arbeitskraft. Den Umsatz des Werkes nennt unser Begleiter nicht. Er verrät nur, dass täglich über 8000 Karat Diamanten produziert werden. Etwa ein halber Schuhkarton voll. Drei Viertel davon seien allerdings nur für Industriezwecke verwendbar.

Die Arbeit der 710 weißen Beschäftigten ist anscheinend „effektiver“. Abenteuerliche Gestalten aus aller Welt sind darunter. Sie arbeiten etwa dort, wo die winzigen Diamanten ausgeschwemmt werden und an Fettplatten unter Gittern haften bleiben. Diese „Europäer“ verdienen ein Vielfaches des Lohns ihrer schwarzen „Kollegen“. Sie wohnen in hübschen Villen in Cullinan, haben ihren Club mit Swimmingpool, Bibliothek, Billard, Ballsaal, Tennis, Kricket, Fußballplatz, Golfkurs. Kontakt gibt es natürlich nicht.

Manchmal aber vergessen viele die Rassen- und Klassenschranke, die Bosse der Diamanten- und Goldadern, die Besitzer der Arbeitssklaven und des Aktienkapitals. Da fliegt man, wenn man zur Oberklasse gehört, am Wochenende in die benachbarte portugiesische Kolonie Mozambique, die keine Apartheid kennt. Dort tummeln sich die Herrenmenschen aus den Wolkenkratzern von Johannesburg und den alten Verwaltungspalästen von Pretoria, vorzugsweise im Luxushotel Polona, mit schwarzen Schönen, die sie mit Goldketten behängen und mit Kleidern aus buntem Samt drapieren wie Puppen.

Erste Rufe nach „Black Power“

Am Rand des Gettos der braunen Bevölkerung ein Aufschrei in kalkigem Weiß, auf eine Mauer gepinselt: „Burn to suffer?“ Sind wir geboren, um zu leiden? – Sie sind es leid geworden, für die weißen Herren leiden zu müssen. Sie fragen, sie protestieren, sie wehren sich schon.

In den geplanten Slums der „Coloured“, der Farbigen, der Mischlinge und Asiaten von Südafrika, wird der Aufstand geprobt. Zum 25. April hat die kleine Fortschrittspartei von Johannesburg die Unterdrückten zum erstenmal auf die Straßen gerufen. In einer „Poster Campaign“, einem Friedensmarsch mit Plakaten, protestieren Tausende gegen die Unmenschlichkeiten des neuen Gettos Alexandria, in dem 60.000 Industriearbeiter und Hausbedienstete, die weder weiß noch schwarz sind, zusammengepfercht werden.

In den bisher bezogenen „Reihenhäusern“ zeigt sich schon an, was die neue, verschärfte Rassenpolitik des Regimes hervorbringt. Familien werden auseinandergerissen, Kinder irgendwohin verschleppt. Frauen, die zu ihren Männern wollen, müssen tagelang um eine Genehmigung anstehen. Für 20 Familien gibt es zwei Latrinen. Die Straßen sind total verschmutzt, die Luft ist es auch. Denn die Kohleöfen funktionieren nicht, viele Häuser haben aber überhaupt keine Heizung.

Die Situation in den Schlafstädten solle zum „nationalen Notstand“ erklärt werden, fordert die Fortschrittspartei. Selbst der weiße Vorsitzende des Johannesburger Management Comitee, J. F. Oberholzer, musste bei einer Besichtigung in Alexandria  „grimmige Zustände“ feststellen und einen Regierungszuschuss von vier Millionen Mark fordern. Erst wenige Weiße sehen, wohin das führen wird. Nur in Leserbriefen äußert sich manchmal Kritik und Angst: „Krankheit, Entbehrung und Unmoral werden nicht in diesen Häusern bleiben. Das alles wird wie eine Gewitterwolke in unsere Wohnungen, Fabriken und Geschäfte ziehen.“

Überall in den Gettos, die euphorische Namen haben wie Eldorado, glüht der Hass. Der südafrikanische Top-Journalist Bob Hitchcock war kürzlich, vorsichtshalber in Begleitung eines farbigen Freundes, durch den Distrikt 6 von Kapstadt gegangen, wo 35.000 nichtweiße Menschen vegetieren. Er berichtet: „Vor wenigen Jahren noch haben sie dich freundlich begrüßt und zu ihren Familienfeiern eingeladen. Nicht mal die armen Hunde, die vom Dagga (einer Droge) kaputt waren, zeigten wirklichen Rassenhass.“ Jetzt fand der Reporter im KZ von Kapstadt eine völlig andere Situation vor: „Sie brauchen gar nicht spucken oder sprechen. Du merkst es an ihren Gesichtern. Sie haben genug von den Weißen. Sie erwarten nichts mehr. Sie verachten dich nur noch.“

Und sie formieren sich zum Widerstand. Bisher hatten die Sprecher der Braunen auf die Apartheid-Politik geantwortet: „Wenn separate Entwicklung schon sein muss, dann soll uns die Regierung allein lassen, damit wir uns selbst regieren können.“ Unter den Farbigen galt diese Haltung als „Brown Power“. Aber das ist vielen jungen und intelligenten „Coloureds“ heute zu wenig. Sie wollen keinen Kompromiss mehr. Sie wollen die totale Gleichberechtigung mit den Weißen – notfalls durch Kampf erzwingen. Und sie erkennen, dass sie dies nur gemeinsam mit ihren schwarzen Brüdern in den noch viel düstereren Gettos, wo jetzt noch Apathie die Folge von Apartheid ist, erkämpfen können. Sie organisieren die ersten Boykott-Aktionen gegen getrennte Sport- und Popveranstaltungen, auch etwa gegen die farbige Eartha Kitt. Sie wollen nicht mehr braun sein, sondern schwarz. Sie rufen nach „Black Power“.

Das Regime ruft zur Gewalt

Am Blyde River Canyon, einer der wildromantischen Landschaften von Transvaal, haben sich etwa 400 junge Leute versammelt. Ein Lied aus dem Burenkrieg wird aufgesagt: „O, altyd was ek bang dat die Kakies my sou vang“ – immer war mir bang, dass die Engländer mich fangen. – Ministerpräsident Voster greift die Klage auf, ruft mit Donnerstimme über die Felsschlucht: „Wenn heute wieder gefangen werden muss, dann sind wir es, die das tun. Und die Zeit dafür ist gekommen.“

Der Führer Südafrikas, und seine burischen Gesichtszüge werden noch härter, ruft die Jugendorganisation seiner Nationalistischen Partei im gleichen Atemzug zum Kampf auf: „Im Licht der Zeit, in der wir leben, und angesichts der Gefahren, die uns bedrohen, brauchen wir eine militante Jugend.“ Englischsprechende Journalisten und auch Touristen waren vor dem Camp barsch abgewiesen worden.

Andere Sprecher putschen uralte, längst vergessen geglaubte Ressentiments noch höher. „Vorwärts mit Gewalt“, appelliert Piet Koornhof, der Staatssekretär für Bantu-Verwaltung. Und als „Botschaft vom Blutfluss“ verkündet er an jenem 14. April 1972: „Wir nehmen die Herausforderung an. Wir werden euch bekämpfen, wo immer ihr seid. Wir geben nicht nach. Wir sind stolz. Wir sagen zu ihnen: Ich bin ein Afrikaander.“

Afrikaander – das sind 58 Prozent der weißen Bevölkerung Südafrikas, die Nachkommen der aus den Niederlanden stammenden Buren. Zwei Millionen Weiße, die über zwanzig Millionen Schwarze, Braune – und Weiße anderer Sprache herrschen. In der Regierung sitzt ein einziger Vertreter des ehemals britischen Bevölkerungsteils, der Minister für Sport und Inder-Fragen. Andere Institutionen, etwa die Polizei, sind ausschließlich von „Buren“ besetzt.

Doch nicht so sehr diese Unterrepräsentation, sondern die neuerdings forcierte, absurde, unmenschliche, innen- und außenpolitisch gefährliche Rassenpolitik eines Teils ihrer weißen Landsleute ist es, die immer mehr Angehörige der in der United Party organisierten „Briten“, aber auch immer mehr aufgeklärte Afrikaander zu immer härterer Kritik und zu Widerstand antreibt. Sie lehnen sich auf gegen das „Herrenvolk“, wie sie in deutscher Sprache sagen.

„Unsere Sicherheit beruht nicht auf Gewehren, sondern auf vollen Mägen, warmen Kleidern und menschenwürdigen Wohnungen“, sagte der Fraktionsführer der Oppositionspartei, die seit den Wahlen von 1970 an Boden gewinnt. Der Dekan von St. Mary in Johannesburg, unter dem Terroristengesetz eingesperrt und auf Weisung des noch funktionierenden Höchsten Gerichtes wieder freigelassen, kann zur Zeit zwar nur von England aus verkünden: „Gott wird helfen, so wie er einst geholfen hat, die Juden in Ägypten zu befreien.“ Viele Geistliche besteigen die Barrikaden im Burenland, es brennt.

Was weiter geschah:

Kaum waren meine Reportagen in Zeitungen zwischen Konstanz und Bremen erschienen, beschwerte sich die Südafrikanische Botschaft in Bad Godesberg bei der Lufthansa, deren Pressestelle kühl auf die in der Bundesrepublik geltende Pressefreiheit verwies. Das Volk von Südafrika aber musste noch 22 Jahre lang unter großen Opfern kämpfen, bis Nelson Mandela im April 1994 zum Staatspräsidenten gewählt wurde.

 

Dieser Text stammt aus dem soeben erschienenen Buch "Rebellen, Reformer, Regenten" (Hess Verlag).

Im Münchner Stadtmuseum ist noch bis zum 23. Februar die Ausstellung "Decolonize München" zu sehen.

Im Januar 2014 erschien ein weiterer Text zu einem Thema der Ausstellung.

Veröffentlicht am: 18.12.2013

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