Ein neuer Verein für das nördliche Bahnhofsviertel

Roter Ring statt Rotlicht

von Karl Stankiewitz

Roter Ring, Luisen- Ecke Sophienstraße. Foto: Michael Wüst

Ein fünfzehn Tonnen schwerer Ring, rot bemalt und mit zwölf Metern Durchmesser ein regelrechtes „Riesenrad“, wurde 1999 in Bahnhofsnähe gerollt. Eigentlich sollte das von dem bedeutenden italienischen Bildhauer Mauro Staccioli geschaffene Kunstwerk symbolisch über einem Tunnel des Altstadtrings montiert werden. Doch das hätte zu hohe Umbaukosten erfordert. So brachte das runde Ding dann immerhin einen städtebaulichen Akzent in die Brache westlich des Alten Botanischen Gartens. Dem gemeinen Münchner indes blieb der Ring ein Unding, manchen auch ein Ärgernis - zumal er zur Zeit von ähnlich rätselhaften, eher schäbig scheinenden Kunst-Objekten umringt ist.

Ein Verein, der am Wochenende unter dem Namen „Südliche Maxvorstadt e.V.“ gegründet wurde, will dem roten Ring nunmehr eine richtige, eine eher erkennbare Funktion zuweisen: Er könnte quasi als Portal zum entstehenden Museumsviertel dienen. Genau das hatten allerdings schon die Initiatoren vorgeschlagen, ohne dass davon öffentlich Kenntnis genommen wurde. Ihnen schwebte seinerzeit vor: ein „rollendes Tor“ zu einem gerade erst angedachten musealen Ensemble.

Mit der erneuerten Idee – einer von mehreren - meint ein Grüppchen um Rita Modl und Valentin Auer vom Bezirksausschuss Maxvorstadt eine nachhaltige Aktion zur Aufwertung ihres Wohn- und Arbeitsviertels anstoßen zu können. Dessen Entree sieht nämlich derzeit noch ganz anders aus. Verlässt man den Nordausgang des Hauptbahnhof, dann leuchtet dem Passanten in grellem Neonrot eine „Erotic World“ entgegen. Und gleich dahinter geht die Erotik-Welt in eine bunte Orient-Welt über.

Weit in die superlange Dachauer Straße hinein reihen sich: Spielsalons und Automatenhallen, Handy-Händler und andere Schnäppchen-Lädchen, Sozialstationen, Internet-Cafés, Wettbüros und andere Dienstleister (ein Dolmetscher für 55 Sprachen), Reiseagenturen speziell für die Golfstaaten, Geldwechsler und Goldkäufer, Döner- und Asian-Food-Shops sowie ein höchst seriöses Hochhaus, während die letzten Nachkriegsbaracken und die schon vom Dichter Wolfgang Koeppen beschriebenen „Stehausschänke“ erst vor Kurzem verschwunden sind. Dieser merkwürdige Mikro-Kosmos zwängt sich zwischen neue, durchaus ansehnliche Hotels (etliche in türkischer Hand) und Spezialitäten-Restaurants. Ein ziemlich ungeplantes Planquadrat, ein urbanes Tohuwabohu.

Umringt von eher schäbigen Kunstwerken. Foto: Michael Wüst

Doch so neu ist das alles nicht. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts galt diese Gegend zwischen Hauptbahnhof und Stiglmairplatz, zwischen der Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz und dem Augustiner-Bierkeller als ein einziges, wenn auch nicht das einzige Amüsierviertel, wo „München leuchtete“ - auch im Rotlicht. Letzteres ist zwar längst erloschen, die polizei-amtlich „Laufhäuser“ genannten Etablissements der Lustbarkeit dürfen nur noch am Stadtrand betrieben werden. Von den höchst volkstümlichen Vergnügungsstätten in der Dachauer und der Augustenstraße ist auch nichts geblieben.

Nichts mehr erinnert zum Beispiel an das „Apollo“. Dort hatten einst die arbeitsscheuen Bauarbeiter Kare und Lucki und andere g'spassige Typen den kleinen Leuten vom Leben in der Vorstadt erzählt, dort hatten Karl Valentin und Liesl Karlstadt die meisten ihrer Triumphe gefeiert, ihr „Photoatelier“ war im März 1939 das Finale dieser Volksbühne. Sie wich einem Warenhaus. Heute gehört der lukrative Häuserblock an der Dachauer Straße einem Schlossbesitzer und Brauer, der seine 16  Biere weltweit vermarktet. In seinem Münchner Domizil werden unter anderem preiswerte Betten und in einem Keller persische Leckerbissen mit Namen wie Hlimbadendjan angeboten. Ringsum haben sich nämlich Migranten-Familien angesiedelt, die als nicht geduldete Feueranbeter vor der islamischen Revolution geflohen waren.

Das nördliche Bahnhofsviertel ist vielleicht noch multikultureller als das südliche, das schon seit den 1970er-Jahren geradezu dominiert wird von Türken und Kurden, die allmählich durch Zuwanderer aus arabischen Ländern „überlagert“ werden, wie der Orientologe Stefan Wimmer diese ethnische Metamorphose nennt. Seit sechs Jahren bereits bemüht sich ein "Verein Südliches Bahnhofsviertel", das dortige Durcheinander ein wenig zu ordnen, die schlimmsten Auswüchse (etwa das Überhandnehmen von Casinos in der Schillerstraße) allmählich einzudämmen, das verbliebene Schmuddel-Image zu beseitigen und neue urbane Wertmaßstäbe anzulegen.

Der Vereinsvorsitzende Fritz Wickenhäuser, der in der Ludwigsvorstadt mehrere Hotels betreibt und auch im Verein Münchner Forum für eine schönere Stadt kämpft, hat dem Parallel-Verein in der südlichen Maxvorstadt denn auch von vornherein aktiven Beistand zugesichert. „Wir haben ja die gleichen oder ganz ähnliche Probleme, uns trennen nur die Schienen,“ begrüßte der Tourismus-Professor die jungen Newcomer beim Weißwurst-Frühstück auf fremdem Terrain. Freilich habe jeder der beiden Stadtteile auch seine „Besonderheiten“, und die wolle man jedenfalls pflegen.

Zu den Besonderheiten – nördlich des Bahnhofs heißen sie „Potenziale des Stadtquartiers unter Berücksichtigung von Viertelidentität und Image“ - gehört natürlich auch das Gabriel-Filmtheater, wo der recht lockere Gründungsakt stattfand. Eröffnet 1907 vom Schaustellerkönig Carl Gabriel als erstes Lichtspielhaus, das den Münchnern richtige Spielfilme zeigte, hat es alle Kino-Krisen (unter anderem durch Sex-Filmchen) überlebt, so dass es sich heute als „ältestes durchgehend bespieltes Kino der Welt“ rühmen kann. Für Logen, Vorhänge und Masskrugkörbe wie anno dazumal hat es bei der jüngsten Großrenovierung aber nicht mehr gereicht.

Der neue Verein Südliche Maxvorstadt hofft auf die Beteiligung von - laut Satzung in dieser Reihenfolge - Anwohnern, Studenten, Einzelhändlern, Immobilieneigentümern, Dienstleistern, Hoteliers, Kulturschaffenden, Vertretern sozialer, kultureller, schulischer Einrichtungen und weiteren am Stadtviertel interessierten Dritten, womit vor allem eventuelle Partner von der Stadt gemeint sind. Die ersten Vorhaben erscheinen durchaus preiswert und daher relativ bald realisierbar: „Mehr Grün, mehr Sicherheit, mehr Sauberkeit.“ Auf den konkret geplanten Umbau des Hauptbahnhofs und auch seines nördlichen Vorplatzes sollte man mit der Imagepflege nicht erst warten.

Von Karl Stankiewitz ist erschienen: „Das Bahnhofsviertel. Wo München wirklich Weltstadt ist“, Sutton Verlag, mit einem Vorwort von Stadtarchiv-Direktor Michael Stephan und 50 teils historische Abbildungen, 19,99 Euro.

Veröffentlicht am: 14.12.2015

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