"Wenn der Vorhang fällt" von Michael Münch auf dem DOK.fest

Über Deutschrap der letzten drei Dekaden

von Olga Levina

Die Dokumentation beleuchtet das derzeitige Revival der Hip-Hop-Kultur. Foto: Yves Krier

Im Rahmen des internationalen Dokumentarfilmfestivals zeigt der Regisseur Michael Münch seinen Film "Wenn der Vorhang fällt". Mit dem gleichnamigen Song der Stuttgarter Hip-Hop-Band Freundeskreis eröffnet er auch seine Retrospektive aus der Sicht der wichtigsten Protagonisten der deutschsprachigen Rapmusik. Es geht nicht nur darum, das eigenartig anmutende Thema zu klären, wie Hip Hop wohl als Mensch wäre, sondern auch um dessen Entstehung, den Boom in den 90ern und die Neuausrichtung dieses Genres in den 00er Jahren.

Ob Hip Hop jemand ist, der Spaß daran hat, Dinge mit Worten auf den Punkt zu bringen? Oder ist es vielleicht doch kein Mensch, sondern ein Lebensgefühl? Künstler wie Max Herre, Sido und Smudo gehen diesen Fragen auf humorvolle Weise nach und versuchen so, diese gesellschaftlich relevante Bewegung zu erfassen.

Sie berichten von ihren ersten Kontakten zur deutschen Hip-Hop-Szene in der so Münch, "ersten Epoche" der Rapmusik, den 80ern. Es fallen wichtige Namen wie Advanced Chemistry und Stieber Twins. Interessant ist die hier geschilderte Imitation und Transformation des amerikanischen Hip Hops im deutschsprachigen Raum. Gekennzeichnet sind die Anfänge aber vor allem durch Spaß und Rebellion. "Ideen zählten und nicht die Goldkette", so einer der Künstler.

Schnell wurden aus kleinen Jamsessions gefüllte Hallen. Auf Happenings mit Breakdance und Graffiti experimentierten zunehmend mehr Rapper mit deutschsprachigen Texten. Kennzeichnend für die "zweite Epoche" des Rap ist dann der hohe Anspruch. Hier kommen Namen wie Massive Töne, Fettes Brot oder Dynamite Deluxe ins Spiel. Spannend ist auch die Auswirkung der Musikfernsehsender MTV und VIVA, durch die der Deutschrap ein breiteres Publikum erreichte. Nach und nach wurde die Subkultur von der etablierten Kulturszene der 90er akzeptiert. "Samy redete ganz normal und es reimte sich zufällig zehnsilbig", so Chefket über das künstlerische Können von Dynamite Deluxe.

Seit seiner frühen Jugend ist Münch von Musik fasziniert. Foto: Yves Krier

Die "dritte Epoche" stellt einen großen Umschwung dar. Battlerapper wie Kool Savas wollen in den 00er Jahren provozieren und schockieren. Es ist ein neues Level des Entertainments bei dem Negativität eine wichtige Rolle spielt. Nun lässt sich mit Rap auch Geld verdienen, was ihn zunehmend oberflächlicher macht. Viele wichtige Werte gehen verloren und manche behaupten sogar, der Hip Hop sei tot.

Und wie ist es jetzt? Konnten die alten Werte wiederbelebt werden? "Im Kern war Hip Hop niemals tot", so einer der Musiker. Die "Neuzeit" ist primär durch die Koexistenz vieler Subgenres geprägt, wie etwa beim Trap. Künstler wie Marteria, auch bekannt als Marsimoto, Cro oder Genetikk sind wichtig für die 10er Jahre. Viele Musiker vereinen das Alte mit dem Neuen und zeigen, dass Hip Hop nicht nur eine Jugendkultur, sondern eine ernstzunehmende und handwerklich anspruchsvolle Musikrichtung ist.

Münch gelingt ein spannender Überblick über die wichtigen Entwicklungen in der Szene. Die Kamera von Heiko Knauer gibt dieser Dokumentation einen besonderen Flair. Schön ist auch das alte Fotomaterial der Künstler, das neue Einblicke in ihr Leben bietet. Schade nur, dass die "Neuzeit" etwas zu kurz kam.

Ein insgesamt empfehlenswerter Film für die, die etwas über Hip Hop erfahren oder sich einfach an alte Zeiten erinnern wollen.

"Wenn der Vorhang fällt", dritte Vorstellung am 12. Mai 2016 im Atelier Kino, Sonnenstraße 12, 21 Uhr, Dokumentarfilm, Deutschland 2016, 75 Minuten, Regie und Schnitt: Michael Münch, Kamera: Heiko Knauer.

Veröffentlicht am: 12.05.2016

Über den Autor

Olga Levina

Redakteurin

Olga Levina ist seit 2012 beim Kulturvollzug.

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