Stadtteil-Tour zu neuen Projekten eines sozial-ökologischen Münchens

Vom Holler beim Fräulein bis zur Insel am Marienplatz

von Karl Stankiewitz

Der Imbiss von Fräulein Grüneis im Englischen Garten. Foto: Karl Stankiewitz

Wir stehen am Südeingang des Englischen Gartens. Nebenan bieten die Eisbachsurfer ihr ganzjährig gut besuchtes Spektakel. Ringsum vier Ausstellungshäuser. Doch nichts davon interessiert unseren Stadtführer. Vielmehr geleitet Max Zeidler die kleine Gruppe zu einem unscheinbaren Holundergewächs am Wegrand. Fragende Augen. Da zieht der Max aus seiner roten „Stattreisen“-Tasche einen bunten Internet-Ausdruck, auf dem unser Bäumchen mit einem roten Icon auftaucht. Die Karte stammt von „mundraub“.

Diese Initiative ist eines von zehn Leuchtturm-Projekten eines Google-Ablegers. Sie hat sich zusammengetan unter dem Motto „Die Stadt ist dein Garten“. Über die sozialen Medien spüren 30.000 junge Leute – so riesig ist die Community gewachsen – verborgene, aber nicht verbotene Früchte ihrer deutschen Heimat auf, um sie in ihrem Wert für die Kulturlandschaft zu schätzen und zu schützen. Sie dürfen - Eigentumsrechte vorbehalten - auch gegessen werden. Die „essbare Stadt“ ist denn auch das erklärte Ziel.

„München wird besser“ - so der etwas vollmundige Titel der gewiss neuartigen Tour. PR-Manager Zeidler, Aktivist mehrerer Bürgerinitiativen, hat in diesem Sinne im Bezirk Altstadt-Lehel eine Reihe von ziemlich verborgenen Bezugspunkten gefunden, getestet und daraus einen „öko-sozialen Spaziergang“ mit allerlei Tipps entwickelt. Nach zwei Stunden wird jeder Teilnehmer eine Liste mit 34 Internet-Adressen bekommen, die – um es so kurz wie banal zusammenzufassen – beispielhaft versuchen, Gutes für die Gesellschaft zu tun.

Schon ein paar Meter neben dem „essbaren“ Strauch die nächste Station: „Fräulein Grüneis“. Das frühere Klohäusl haben der Kulissenbauer Henning Dürr und seine Frau Sandra 2011 vom Parkvater Staat gepachtet und in einen Imbiss verwandelt. Ihr komplettes Angebot, vom Bier bis zum Zucchini-Auflauf, schmeckt stark nach Bio. Gegessen und getrunken wird an Stehtischchen, auf Parkbänken oder Biertragerln. „Rassisten, Sexisten, Homophobe und andere Arschlöcher bleiben draußen“, wird auf Englisch gewarnt. Einen Radlverleih betreibt das Wirts-Pärchen nebenher. „Fräulein Grüneis“ nennt sich ihr alternatives Gastro-Unternehmen übrigens nach dem Grün des Englischen Gartens und dem rauschenden Eisbach.

Max Zeidler vor dem Hollerbaum. Foto: Karl Stankiewitz

Es grünt so grün sogar in Münchens Banken-Landschaft. Jenseits der Prinzregentenstraße stößt unser Grüppchen auf die GLS Bank, eine von bisher sieben Locations in Deutschland. Was GLS heißt, verraten weder die schönen Image-Papers noch die Geschäftsberichte, man muss schon nachfragen: „Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken“. Dabei vollziehen sich ganz normale Bankgeschäfte hinter den durch grüne Quadrate gebrochenen Glasfassaden. Im Großraumbüro ersetzen ein plätscherndes Brünnlein und viel Holz den in Geldhäusern üblichen Protz. „Geld ist für den Menschen da“ - so das Motto der Geschäftspolitik.

Einen wesentlichen Unterschied gibt es aber schon: Kredite werden grundsätzlich nur für ökologisch anspruchsvolle, gemeinnützige Unternehmen oder Vorhaben bereitgestellt. Derzeit hat die GLS-Community weltweit rund zwei Milliarden Euro in Projekte für Soziales, Wohnen, Energie, Bildung, Ernährung und nachhaltige Wirtschaft investiert, das Förderprogramm spannt sich vom Öko-Dorf in Brandenburg bis zur Gründung eines Fairtrade-Modelabels in Aschau.

Auf ein kleines Öko-Dorf mitten im Lehel stoßen wir sogleich: Jeden Donnerstag ist Bauernmarkt vor der St. Anna-Kirche. Frische Lebensmittel direkt vom stadtnahen Erzeugerbetrieb werden in einem Dutzend Standln angeboten. Vor einigen bilden sich Schlangen, vor allem um die Mittagszeit. Da bekommt man beispielsweise ein warmes Gemüsegericht, das man gleich aus dem Weckglas löffeln kann. Sehr begehrt sind auch die Kuchen vom Bauernhof in Oberbachern. Mit dem Konzept dieser Märkte erhoffte das Kommunalreferat 1968 eine „Belebung der Stadtbezirke durch Bildung kleiner, abwechslungsreicher Lebenszentren“. Inzwischen sind über 40 Wochen- und Bauernmärkte mit etwa 120 Händlern über das gesamte Stadtgebiet verteilt, elf haben sich zusammengeschlossen.

Grün schmeckt's auch im „Blauen Haus“. Der Gast dieser früheren Kantine der Münchner Kammerspiele kann sicher sein, dass seine Peperoni-Polenta-Suppe und seine Kalbsterrine auf Berglinsen nachweisbar biologischer Herkunft sind. Das „etwas andere  Restaurant“ (Eigenwerbung) in der Hildegardstraße  ist der gastronomische Ableger des Vereins „Cooperative Beschützende Arbeitsstätten“, den die Pädagogin Renata Neukirchen zusammen mit Kolleginnen der Montessori-Schule und Eltern 1985 gegründet hat. Inzwischen beschäftigt er 180 Menschen mit Handicap, davon 33 im Blauen Haus, andere in drei weiteren  Lokalen sowie bei der Gebäudereinigung oder der Entsorgung. Möglich ist das durch Spenden und den Einsatz ehrenamtlicher Helfer, die Gründerin und Chefin hat dafür das Bundesverdienstkreuz bekommen.

In der Hochbrückenstraße hält Max Zeitler die Gruppe an. Zu sehen ist nur ein unscheinbarer Kasten, ein Stromverteiler. Doch der gibt immerhin Anlass für allerlei Erklärungen zur komplizierten städtischen Energiepolitik, zum immer noch fraglichen Ausstieg aus der Kohleverstromung und aus dem Atomzeitalter. Spätestens 2035  wollen die Stadtwerke im Heizkraftwerk Nord den Kohlemeiler abschalten. Entsprechende Mengen von regenerativer Energie, möglichst aus der Geothermie und aus österreichischer Wasserkraft, sollen dann in den Elektro-Kreislauf eingespeist werden. Und das KKW 2 in Ohu, das zu einem Viertel der Landeshauptstadt gehört, soll nur noch bis 2022 laufen - falls die verantwortlichen Politiker nicht doch noch eine Verlängerung durchsetzen.

Auch vor einem kleinen Reisebüro am Viktualienmarkt gibt der „Stattreiseführer“ einige Zusammenhänge zum besten. Auf einem Ausdruck weist er den Schadstoff-Ausstoß einer einzigen Flugreise nach. Immerhin bieten einige Touristik-Unternehmen ihren Kunden die Möglichkeit, solche Belastungen durch Zahlung eines kleinen Beitrags abzugelten. In einem 1988 gegründeten Verband „anders reisen“ haben sich 130 Veranstalter zu klar definierten Grundsätzen für umwelt- und sozial-verträgliches Reisen verpflichtet. Das reicht vom „nachhaltigen“ Bürobetrieb bis zur strengen Überprüfung bestimmter Kriterien im Urlaubsland und beim Transport dorthin.

Der öko-soziale Spaziergang endet bei der „Münchner Insel“. Kürzlich hat diese ökumenische Beratungsstelle im Marienplatz-Untergeschoss wieder Platz gefunden. Jeder, der konkrete Hilfe oder auch nur ein gutes Wort sucht in einer Lebenskrise oder in einem akuten Konflikt, kann sich dort melden, ohne Anmeldung, ohne Namensnennung, kostenlos. Die Insel ist gut vernetzt mit den christlichen Kirchen, mit einschlägigen Fachstellen sowie mit dem Netzwerk Offene Tür, das von Mönchen gegründet wurde. Die Gesprächspartner sind Psychologen, Theologen, Sozialpädagogen, Paar-, Familien-, Psychotherapeuten und Seelsorger.

So scheint ein Slogan, der sich eigentlich längst überlebt hat, durch alle diese Initiativen neuen Wert zu  gewinnen: „München – Weltstadt mit Herz“.

Die nächsten Termine: 14.7., 21.7. und 16.9.2016. Anmeldung über 089/54404230 oder mz<at>intervox-pr.de.

 

Veröffentlicht am: 24.06.2016

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Wolfgang Z. Keller
25.06.2016 10:08 Uhr

Karl Stankiewitz - wie immer gut!

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