Vor 50 Jahren erfanden die Samy-Brüder ein „Swinging Schwabing“

Ära der Goldhände

von Karl Stankiewitz

Das Drugstore am Wedekindplatz. Foto: Nader Saffari

In jenen späten Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als die selbsternannte „Weltstadt mit Herz“ zur Bühne juveniler Revoluzzer wurde und obendrein zur deutschen Lieblingsstadt der Blumenkinder, da standen sie plötzlich auf der Matte: zwei junge Migranten aus dem Morgenland. Die Brüder Anusch und Temur Samy waren die Kings, die selbstgekrönten Könige von Schwabing. Mit Phantasie, Fleiß, Geschäftssinn und schnell verdientem Geld setzten sie nach und nach außergewöhnliche Projekte um. Doch alles zerrann wieder - ein modernes  Hans-im-Glück-Märchen. Von all dem ist nur das Drugstore übrig geblieben, das vor kurzem unter neuer Geschäftsführung wiedereröffnet wurde.

Es war einmal ein reicher Mann in Teheran, der aus dem Kaukasus stammte und mit einer Frau aus Oldenburg verheiratet war. Der wollte seine Söhne in München studieren lassen. Doch Anusch machte dort lieber in der Maxburg ein Teppichgeschäft auf und erfand das System der Mini-Cars, das er bald in 34 deutschen Städten betrieb. Während der vier Jahre jüngere Temur  -  ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her -  das erste russische Restaurant in Bayern aufmachte; als Empfangschef für die „Datscha“ heuerte er mit 60.000 Mark Jahresgage einen notgelandeten sowjetischen Düsenpiloten an.

Doch keineswegs wollten die Samy-Brothers sich auf dem west-östlichen Diwan ausruhen. Sie verkündeten „Schwabing gehört allen!“ und verkauften Anteilscheine, die Gratis-Mahlzeiten im Wert von 13 Mark garantierten. Ein tolles Geschäft. Nachdem hinreichend Gewinn erzielt war, stieß man das Schlemmerlokal ab, um den „Drugstore“ am Wedekindplatz einzurichten, ein Drei-Sterne-Design-Restaurant im Spiegelglanz, wo man nicht nur essen und trinken, sondern auch shoppen und hopsen konnte. Es war die erste – und letzte - Münchner Station der Flower-Power-Welle.

Am 3. Juni 1967 wurde das originelle Ecklokal anstelle des Hacklwirts mit einem Straßenfest samt „Gammlerwaschung“ eröffnet. Gammler hießen damals die sehr nachlässig gekleideten jungen Leute, Hippies, die sich nach kalifornischem Vorbild fröhlich bunt kleideten und nur herumlungerten. Vom PR-König Max Zeitler vermarktet wurde der Laden bald zur Schwabinger Top-Adresse, nicht nur für die Pop-Generation. Täglich drängten bis zu 2000 Leute hinein, die Mädchen in den kürzesten Miniröcken der Stadt, die Boys meist mit knallbunten Jeans und gefärbtem Langhaar. Eltern warnten  ihre Sprösslinge, erinnerte sie der Name „Drugstore“ doch stark an Drogen. Auch rote Kommunarden samt Maskottchen Uschi Obermaier sowie der spätere Bandenchef Andreas Baader wurden hier heimisch, und bald stellte sich internationale Prominenz ein: Adamo, Mick Jagger, Liza Minnelli, Romy Schneider, Udo Jürgens.

Beinahe wie auf der Kingsroad im „Swinging London“ ging's nun zu im Herzen von Altschwabing, genau dort, wo fünf Jahre zuvor wegen „lärmender“ Gitarren und prügelnder Polizisten die Krawall-Nächte ausgebrochen waren. Der neue Stil gefiel: glänzendes Messing, spiegelndes Glas, edles Holz, rotes Sitzleder, goldene Leuchter, bisserl Jugendstil-Schnörkel. Viel Pop, viele der neuartigen Poster vom nebenan eingezogenen Wolfgang Roucka. Eine Kombination von jüngst modisch gewordener Disco, American Bar und orientalischem Basar. An der Wendeltreppe war ein Kiosk bis zum frühen Morgen geöffnet. In der ersten Etage wurde getanzt.

Blow up – Europas 1, Action Center

Zeitdokumente vom Juni 1967 vom "Happening Drugstore". Fotos: Hubertus Hierl

Der Erlös reichte, um im selben Jahr das Großkino am Elisabethplatz, das nach 60 Jahren Kinobetrieb in Konkurs ging, in den größten Beatschuppen der Bundesrepublik zu verwandeln. Eröffnet wurde „Europas erstes Action Center“ im Oktober mit einem Happening, wobei jeder Besucher die Wände bemalen durfte, und der 33jährige Anusch verkündete fröhlich: „Jetzt ist das ganze Jahr Oktoberfest.“ Benannt wurde die verrückte Location nach dem Antonioni-Kultfilm „Blow up“, der soeben in Italien als obszön verboten worden war. Es gab keine Tische und Stühle, dafür gleichzeitig mehrere Superbands, wie Pink Floyd und Amon Düül, sowie zwei Wände, wo ab vormittags Filme liefen.

Allabendlich drängten bis zu 3500 junge Leute rein, schlenderten durch die Etagen, schmusten auf den Treppen, tanzten bis zur Ekstase. Der Bekanntheitsgrad war grenzenlos. Daher konnten auch Vertreter der Upperclass – beispielsweise Gunther Sachs und Johannes Prinz von Thurn und Taxis –  nicht ausbleiben. Das Blow up sollte aber nicht nur Gaudi en masse bieten, sondern auch Streitgespräche zu aktuellen Fragen mit Jugendlichen, abgestimmt mit den Jugendbehörden. Schon träumten die Brüder von einer ganzen „Town“ für Blumenkinder und sonstiges Happy People.

Citta 2000 – Gaudi und Geschäft

Unbeeindruckt von aufkommender Kritik an der Kommerzialisierung des alten Künstlerquartiers erweiterten Anusch und Temur ihr kleines Reich. „Citta 2000“ nannten sie ihr nächstes konkretes Projekt, in das sie zunächst zwei Millionen Mark investierten. Am 1. Oktober 1968 wurde das vierstöckige, marmorweiße Atriumhaus an der Leopoldstraße 28 bezogen. Da präsentierte sich ein kombinierter Ballungsraum des Vergnügens und der „kreativen Arbeit“, ein Supermarkt modernster Dienstleistungen. Das Interieur reichte von der Ladenstraße unten bis zur „Denkfabrik“ oben.

Vor den Eingang stellten die kaukasischen Könige eine dreieinhalb Meter hohe Hand aus Gips mit Goldüberzug – ein unverkennbares Symbol. Schon planten die „Goldhände“ ähnliche Anlagen in acht weiteren deutschen Städten sowie einen Buspendeldienst zwischen ihren Münchner Amüsierbetrieben. Da passierte es: Anusch Samy, 35 Jahre alt, stürzte im Sommer 1970 bei einem Privatflug in St. Moritz ab. Der Bruder stand vor einem Berg von Schulden; allzu viele Kreditgeber und Kleinanleger verlangten ihr Geld zurück. Temur verkaufte alles, was noch greifbar war.

Und so blieb Utopie, was Anusch im November 1967 angekündigt hatte: „Ich werde zunächst in dieser Stadt 20 Restaurants verschiedenen Stils und zur Abrundung ein Luxushotel eröffnen.“ Auf der Isar wollte er ein Restaurant-Schiff verankern, das nur Meerestiere wie Hummer und Austern servieren sollte; ein abgewracktes Showboat hatte er schon in Paris gekauft. Im Englischen Garten wollte er auf eigene Kosten den Chinesischen Turm abreißen, um ihn originalgetreu als größtes China-Restaurant Europas wiederaufzubauen. In einem Japanischen Bad sollten echte Geishas massieren und Tee servieren. Und schließlich dachte Anusch noch an eine Art TÜV für Menschen.

Von einer so schönen neuen Welt konnte sein so plötzlich verarmter Bruder Temur nicht mehr träumen. Ihm blieben nur der Offenbarungseid und der Rückzug in eine Kommune nahe der Tivolibrücke, wo er und seine letzten Anhänger sich in weiße Gewänder hüllten, den Weltfrieden predigten, selbstgebraute Drinks und Drogen genossen. Die Mutter überwies 300 Mark im Monat an den verlorenen Sohn. Ein Reporter spürte ihn 1997 in Südspanien auf, allein in Gemeinschaft mit 50 Katzen und einer dürren Mähre, gekleidet wie ein alter Revoluzzer. Wie der Ritter von der traurigen Gestalt beklagte der ins Tiefe gestürzte Vizekönig von Schwabing sein Leid: „Ich habe alles verloren, Geschäftsglück, die große Liebe und meine Ideale.“ 2004 ist auch Temur Samy gestorben.

Schwabylon – Schöne neue Welt

Noch einmal aber wurde versucht, Schwabings längst verwelkten Ruhm als „Vergnügungszentrum“ aufzupolieren, bis zum Gehtnichtmehr zu kommerzialisieren und der übrigen Welt ganz neu zu präsentieren. Wieder kamen Ideen und Kapital von auswärts. Wieder währte der Rausch nur ein paar Jahre, olympische Jahre.

Der Augsburger Landmaschinenhändler Otto Schnitzenbaumer, angeblich ein 50facher Millionär, ließ es sich 135 Millionen Mark kosten, der großen Nachbarstadt ein einzigartiges Einkaufs- und Vergnügungszentrum hinzustellen, nachdem er seiner Fugger-Stadt schon das erste Rundhotel erbaut hatte. Dafür verpflichtete er den einschlägig erfahrenen Schweizer Architekten Justus Dahinden. Der Professor entwarf einen "hügelartigen Großcontainer", welcher den modernen Menschen – so seine Verheißungen - einen „künstlichen Lebensraum“ bieten sowie Freizeit als „ungebundene Gesamtaktivität und schöpferisches Tun“ ermöglichen sollte. „Schwabylon“ nannte man das Projekt – ein Kunstwort aus der Literatur der ortsansässigen Bohème.

In rascher Folge wuchsen in der nördlichen Leopoldstraße drei Türme empor, jeder acht Stockwerke hoch. Bauteil 1 des künftigen Freizeit- und Tourismusviertels war das erste deutsche Holyday In. Zu Beginn des Olympiajahres 1972 wurde das 40 Millionen Mark teure Hotel mit einer Superparty eröffnet. Es besaß 600 Betten, fast 1000 Kongress- und 1200 Parkplätze, große Ballsäle, Bühne, Leinwand, Laufsteg, Simultanübersetzungsanlage und Ausstellungsräume, wo sogar neue Automobile präsentiert werden sollten. Der Präsident der größten amerikanischen Hotelkette trug einen Schlips mit der Aufschrift „It's a wonderful world“.

Zugleich wurde nebenan Bauteil 2 eingeweiht. Der bestand tatsächlich aus einem Container, aus blankem Blelch abstrakt geformt, rot, gelb und orange bemalt. Darin befand sich zunächst ein Lokal, das nach einem Beatle-Song benannt wurde: „Yellow Submarine“. Und in diesem wiederum befand sich ein Aquarium in Form einer neun Meter hohen, dreistöckig von Stuhlreihen umringten Stahlkugel, worin 40 Haie sowie kleine Fische und Schildkröten hinter Panzerglas schwammen. Drei Millionen Mark hatte Schnitzenbaumer allein in dieses "gelbe U-Boot" gesteckt. Die tägliche Ernährung der bis zu 1,80 Meter langen Meerestiere, in Scheiben geschnittener Kabeljau aus der Nordsee, verschlang an die 500 Mark. Gäste, die es nicht gruselte, konnten hier Haiflossensuppe schlürfen oder gegrillten Hai speisen.

Und die „wundervolle Welt“ wuchs weiter. Als Endziel verfügte Schwabylon über hundert Boutiquen und 15 Restaurants mit 2000 Sitzplätzen, einen Flohmarkt unter knorrigen Bäumen, Galerien, einen Biergarten, mehrere Boulevardcafes sowie eine Schwimmhalle mit Planschbecken, Kinderspielplätze, einen Marktplatz mit Tribünen für Modeschauen, Boxkämpfe, Jazzkonzerte und Experimentiertheater, eine Spielhalle, Turn- und Gymnastikhallen, eine Sauna mit römischem Dampfbad und künstlich temperierte Tropengärten. Eine Kunsteisbahn, die Olympiasieger Manfred Schnelldorfer leitete, konnte für Beat- und andere Festivals umgewandelt werden. Für die Konzerthalle und das Spielcasino, wie geplant, reichte es nicht mehr. Wohl aber für einen ganzen Riegel von Appartement- und Bürohäusern, wo gleich mal einige Verbrechen geschahen.

Ohnedies geriet das doch wohl allzu futuristische Amüsierviertel allmählich in Verruf. Es hatte, nicht zuletzt wegen seiner ungünstigen Lage im Schwabinger Norden, einfach zu wenig zahlende Gäste. Die ganze Anlage vergammelte. 1974 wurde den letzten Mietern gekündigt. 1979 folgte der Abriss. Eine Versicherungsgesellschaft ersetzte das bunte Schwabylon durch einen großen, nüchternen Neubau. Als im Jahr 2011 auch die Reste des „Yellow Submarine“ beseitigt werden sollten, weil es ein großes Neubauprojekt behinderte, wurde Bürgerprotest laut.

Legenden und letzte Spuren

Drugstore, innen. Foto: Nader Saffari

Heute existiert die schöne neue Welt von Schwabylon nur noch als Legende. Ebenso das Blow up. Ausgerechnet im Olympiajahr 1972 musste dieser Supertanzpalast schließen. Eine Supermarktkette wollte zugreifen. Aber schnell bildete sich eine Bürgerinitiative, die um den somit gefährdeten Elisabethmarkt mit seinen Standln kämpfte. Im Verlauf öffentlichen Debatten kaufte die Stadt das Gebäude, um es fortan als kommunales Kinder- und Jugendtheater zu nutzen. Mit einem anspruchsvollen, manchmal auch provozierenden Spielplan hat  die  neue „Schauburg“ - so hieß schon das seit 1926 betriebene Kino – immer wieder Aufsehen erregt. In Erfüllung des Bildungsauftrags organisiert das Theater zudem Workshops für Jugendliche und fünf Mal im Jahr einen U-20-Poetry Slam für junge Dichter.

Von dem ganzen, glanzvollen Samy-Land ist nun allein der Drugstore übrig geblieben. Ende vorigen Jahres war sein Weiterbestehen gefährdet , als der 78jährige Pächter, ein entfernter Verwandter der Brüder, an Krebs starb. Die Maierbrauerei in Altomünster setzte dann aber doch dessen gastronomisch unerfahrenen Sohn, den Fotografen Nader Saffari, als Betreiber ein und ließ das Lokal grundlegend sanieren, ohne seine Konzeption zu ändern. Die Wiedereröffnung war Anfang Juni 2017 - 50 Jahre nach dem damaligen Start.

Über die Samy-Brüder und ihre Zeit berichtet Karl Stankiewitz auch in seinen Büchern "München - Stadt der Träume" (Schiermeier Verlag) und "München '68" (Volk Verlag).

Über den Drugstore berichtete der Kulturvollzug zuletzt im Dezember 2015.

Der Künstler Hubertus Hierl fotografierte einst am 3. Juni 1967 das Happening zur damaligen Eröffnung. Seit der Wiederöffnung sind seine Bilder in der Oase des Restaurants Drugstore ausgestellt.

Veröffentlicht am: 24.06.2017

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