Karl Stankiewitz in einem Artikel aus dem Jahre 1968 über eine heute vergessene Geschichte im action-Theater von R.W. Fassbinder

Eine "Gammler"-Tragödie

von Karl Stankiewitz

Damals in der Presse... Foto: Archiv Stankiewitz

Vor 50 Jahren endete in München ein Sensationsprozess, dessen Folgen erst jetzt in vollem Umfang bekannt wurden. Eine Tragödie in mehreren Akten. "Sie stammeln und stampfen, starren und sterben, wimmernde Körper winden sich durch den Zuschauerraum, grässliche Schreie durchstoßen die Schallmauer. Man ist anti alles." Soweit  die Kritik der Abendzeitung über ein seit März 1967 in der Müllerstraße spielendes Theater. Mitgründer war ein 21-jähriger Münchner Arztsohn, der bei der Prüfung für die Filmakademie Berlin durchgefallen war. Er hieß Rainer Werner Fassbinder.

Seine Startbühne nannte er „action-theater“. Aktion war alles, was auf dieser winzigen Bühne geschah, im Spiel und auch sonst. Jungregisseur Fassbinder griff Handlung und Schauspieler mitten aus dem wirklichen Leben. Als der Schreiber dieser Zeilen diesen Provokateur später, als er mit seinem „anti-theater“ noch mehr Aufsehen erregt hatte, nach seinem Konzept fragte, stellte er sich dumm und fragte einen Kameraden aus der Kommune ironisch: „Haben wir ein Konzept?“

Eines seiner ersten Action-Stücke war die griechischer Tragödie „Antigone“. Die Hauptrolle hatte die 27jährige Lettin Marite Greiselis. Den Kreon spielte der sogenannte „Gammlerpoet“ Heine Schoof – der 24-Jähringe schrieb selbst Dramen und Gedichte. Auf die Kulissen schrieb Fassbinder ein Sophokles-Wort: „Überall ist Verhängnis“. Am 7. September 1967 nahte das Verhängnis. Fünf Stunden nach der Aufführung feierten und diskutierten die Mitspieler, deren Gage aus einem Schlafplatz samt Kost bestand. Und Alkohol. Der floss reichlich. Und plötzlich floss auch Blut, als man auseinanderging.

Der Angeklagte schilderte es dem Schwurgericht im Stil der antiken Tragödie, die man hier aufführte: „Als das Taxi dastand, da war es für mich, als warte der Nachen, der über den Acheron führt. Ich träumte, man würde mich fesseln und irgendwo verschwinden lassen. Da sah ich den Griff eines Messers. Es erschien mir wie ein Anker, an dem ich mich klammern konnte. Marite tanzte herum. Ihr rotes Haar war wie Feuer. Und plötzlich lag sie vor mir, und ich hatte sie gestochen.“ Unmittelbar vor dieser unfassbaren Tat hatte man gemeinsam auch Marihuana geraucht.

In der Aufführung hatten sie – so Fassbinders Regie - Nahkämpfe nach Regeln der Bundeswehr lebensnah demonstriert. Dabei seien Stück und Leben irgendwie ineinander übergegangen und Aggressionen in ihm aktiviert worden, erklärte der Dostojewski-Typ mit dem wallenden Haar und den melancholischen Augen. Acht Stunden lang reflektierte Schoof sein Leben und das der Münchner Gammler. Seine Großeltern waren russische Großgrundbesitzer. Sein Vater war als SS-Mann am Blutbad im Warschauer Getto beteiligt und 1945 nach Südamerika entschwunden.

Das Gericht ging über den Antrag des Staatsanwalts hinaus und verurteilte Schoof am 12. Juli 1968 zu zehn Jahren Zuchthaus. „Es ist kein Zufall, dass das hier passiert ist,“ kommentierte Fassbinder in einem späteren Interview knapp. „Mit diesem Vorgang hatten wir halt wirklich unsere erste Unschuld verloren.“ Trotzdem und trotz der Proteste des Ensembles ließ er weiterspielen. Die Rolle der Antigone übernahm Hannah Schygulla, sie spielte noch in vielen Filmen des genialen Münchners, der am 10. Juni 1982 an einer Mischung von Alkohol und Drogen zu Grunde ging.

Marite Greiselis war seit der Messerattacke querschnittgelähmt. „Sie hat Schoof nie verziehen, hat sich nie mit ihrer Situation abgefunden, obwohl sie von der Pfennigparade versorgt wurde,“ berichtet ihre damalige Freundin Helga Richter. Einmal noch habe die immer kränklicher gewordene Marite einen Kurs in Schmuckgestaltung angefangen. Bei einem Ausflug aufs Land nahm sie förmlich Abschied, zwei Tage später machte sie ihrem Leben ein Ende. Fassbinder, sagt die Freundin, habe sich nie mehr um die Frau gekümmert, mit der er seine Karriere begonnen hatte.

Schoof schrieb in der Haft ein 227 Seiten starkes Buch über sein Leben, das noch unter dem Titel „Erklärung“ antiquarisch angeboten wird. Aufgrund dieser Selbstdarstellung machte der beim vorjährigen Filmfest München geehrte Reinhard Hauff, der sein gesellschaftspolitisches Engagement auch dem Räuber Kneissl und den Bader-Meinhof-Terroristen gewidmet hat, den 1971 vom ZDF gesendeten Film „Offener Hass gegen Unbekannt“. Er endet damit, dass der Verurteilte ein Zuchthaus in die Luft sprengt. Fazit: „Nicht der verwahrloste Jugendliche bedroht die Gesellschaft, die Gesellschaft selbst bedroht den Jugendlichen mit Verwahrlosung.“ Vom wirklichen weiteren Leben des Heine Schoof ist nichts bekannt.

Veröffentlicht am: 12.07.2018

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