Was kann der Bürger tun? Ein Interview mit Claus Biegert über die Folgen von Fukushima

von Roberta De Righi

 

Claus Biegert. Foto: nuclear-free.com

Im Kampf gegen die Auswirkungen der Kerntechnologie und die Macht der Atomlobby ist er seit Jahren unermüdlich: Claus Biegert begründete 1992 das „World Uranium Hearing“, im Zuge dessen der seit 1998 jährlich vergebene „Nuclear Free Future Award“ entstand. Am Mittwoch (23. März, 20 Uhr) diskutiert der Münchner Journalist und Publizist im Haus der Architektur unter dem Motto „Schluss mit Basta“ über wiedererstarkende Protestkultur und ehrenamtliches Engagement. Am Samstag  (26. März,  10 Uhr) spricht er über Uranabbau auf der Tagung „Bombenrisiko Atomkraft - 25 Jahre Tschernobyl“ im EineWeltHaus. Ein Gespräch über Japan und die Folgen.

Die Veranstaltung mit Biegert im Haus der Architektur (Waisenhausstraße 4) gehört zu einer von der Bayerischen Architektenkammer veranstalteten Reihe mit dem Titel "Dabei sein ist alles".  Dabei wird "Die neue Lust an gesellschaftlicher Partizpation" diskutiert.

Am Mittwoch (23. März) sind auf dem Podium neben Biegert unter anderem der Kammer-Vizepräsident Rudolf Scherzer und der Architekt Peter Conradi. Die letzte Folge der Reihe findet am 30. März (20 Uhr) statt zum Thema "Tu Gutes statt drüber zu reden - Ehrenamt um Selbstausbeutung", unter anderem mit der Münchner Ärztin Dorit Maoz und dem Green-City-Geschäftsführer Jens Mühlhaus. Es moderiert jeweils Johano Strasser, Präsident des P.E.N.-Zentrums.

Claus Biegert empfängt den Gast mit einer Frage:

Kennen Sie die Hopi-Prophezeiung? Darin heißt es, Kürbisse voll heißer Asche fallen vom Himmel, und wenn die Kürbisse fallen, sind die Hopi verpflichtet, diese Prophezeiung weiterzutragen. Es heißt weiter, dass sie in ein „Glashaus im Osten“ gehen müssen - das ist die UNO in New York -, was sie auch getan haben. Sie haben vor der Vollversammlung gesprochen. Die Kürbisse mit heißer Asche waren die Atombomben von Hiroshima. Weiter heißt es in Koyaanisqatsi: Die neue Erschütterung, welche die Erde heimsuchen wird, ist nicht durch Kriege hervorgerufen. Der Mensch geht in den Weltraum, ein unsichtbares Netz umspannt die Erde, und die Erdachse ändert sich. Das ist (wie jüngste Messungen ergaben, Anm.d.Red.), durch das Erdbeben in Japan geschehen. Danach haben nur die Menschen eine Chance zu überleben, die sich daran erinnern, was unmittelbar notwendig ist zum Leben. Wer die geringste Abhängigkeit von der Technologie hat, hat eine Chance: Menschen, die in den Bergen ein karges Leben führen. Die Berge sind hier als Gegensatz zu den Metropolen gemeint sowie zu den Gegenden am Meer, das ebenfalls gefährlich wird.

Sie sprechen gefasst, fast heiter über diese beunruhigende Prophezeiung.

Wegschauen macht’s nicht besser. Nicht einmal erträglich.

Was war die Initialzündung für Ihr Engagement für eine atomfreie Zukunft?

1977 hat eine Indianerin, Winona LaDuke, in Genf zu mir gesagt, wenn ich weiter vorhätte, über Indianer zu schreiben, müsse ich auch über den Uranabbau schreiben. Sie war die erste, die darauf aufmerksam gemacht hat, dass das meiste Uran in den USA auf Indianerland liegt. Seitdem schreibe und spreche ich über Uranabbau. Erst gestern wurde ich von einem Journalistenschüler nach meinem Rezept im Umgang mit so einem schwierigen Thema gefragt. Meine Antwort war: Außer einem langen Atem habe ich keins. Aber inzwischen werden wir von „Nuclear Free Future“ tatsächlich gehört: 2010 wurden wir von den „Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs“ nach Basel eingeladen, auf ihrer Jahrestagung eine Vorkonferenz über die Themenkomplexe „Uranabbau, indigene Völker, Gesundheit“ zu organisieren. Ärzte sind ein konservatives Klientel, viele sind gegen Atomwaffen, aber nicht gegen Atomenergie. Das ist eine kleine Revolution: In diese Welt ist offenbar eingedrungen, es gibt Uranabbau und es gibt uns. In Basel wurde die Resolution angenommen, dass Uranabbau und die Herstellung von Uranoxid, das in den Reaktor kommt, geächtet werden soll. Sogar im Ärzteblatt gab es inzwischen eine ganze Seite über die Gefahren von Uranabbau.

Woher kommt Uran für deutsche Kernkraftwerke?

Bisher kam es hauptsächlich aus Australien und Kanada. Aber wenn man jetzt die Bundesregierung fragt, dann wissen sie es nicht mehr. Gleichzeitig behauptet sie zu wissen, dass es aus „politisch stabilen Ländern“ komme. Der Markt ist inzwischen so verschränkt und unübersichtlich, die großen uranproduzierenden Bergbaufirmen haben überall ihre Claims abgesteckt.

Die Bundeskanzlerin nennt die Reaktorkatastrophe in Japan ein „bisher scheinbar unmögliches, absolut unwahrscheinliches“ Ereignis, das eingetreten sei. Kritiker wie Sie warnen nicht erst seit Harrisburg und Tschernobyl vor dem unterschätzten Restrisiko.

Das zeigt, man kann den Verantwortlichen nicht die Verantwortung überlassen. Wie sie reagieren, ist ja hilflos. Und die Warner werden erst ernstgenommen, wenn das eingetreten ist, vor dem sie gewarnt haben. Nicht gerade ein guter Impuls.

Fühlen Sie sich wirklich ernstgenommen oder halten Sie das dreimonatige Atom-Moratorium in Deutschland für Wahlkampftaktik?

Glauben kann man nichts. Auf der Internetseite des Bundeswirtschaftsministeriums findet man unter dem Punkt „Energie“ Texte, basierend auf dem Werbematerial des Atomforums, der PR-Agentur für die Nuklearindustrie. Da steht unter anderem: „Da die Urananreicherung und Brennelementefertigung inländische Wertschöpfungsstufen sind, ist die Kernenergie praktisch eine heimische Energieform.“ Diejenigen, die über unser Wohl zu befinden haben, setzen auf einen Werbetext. Wir haben 1999 in Los Alamos den ehemaligen US-Innenminister Stewart Udall geehrt. Der hat gesagt, er sei nie so belogen worden wie von der Nuklearindustrie. Ich bin skeptisch, aber ich habe mich viel mit Konfliktlösung beschäftigt und der Frage: Wie gehe ich mit Feindbildern um? Ich muss also erst einmal annehmen, dass Frau Merkel es ernst meint. Es ist ja jeden Tag die Chance für einen Neuanfang gegeben. Ich habe viel von den Irokesen gelernt: Bei ihnen heißt es, man müsse mit dem Gegner eine neue Ebene betreten, wenn man das nicht versuche, spreche man dem anderen jede Menschlichkeit ab. Also: Vielleicht reicht Frau Merkel jetzt tatsächlich die Hand als Verbündete.

Letzte Woche erst noch dämmerte die allgemeine Erkenntnis zu E 10: Biosprit ist auch keine Lösung. Wenn Nahrungsmittel in großem Stil zur Energiegewinnung verbraucht werden, folgt daraus letztlich eine globale Ernährungskrise. Gibt es keine verträgliche Technik zum Stillen unseres immensen Energiebedarfs? Wo geht der Weg hin?

Ich denke, es kann tatsächlich nur den Weg der totalen Veränderung geben. Mein Freund, der Physiker Peter Kafka, sprach immer von der „Beschleunigungskrise“: Das heißt, die Dinge entwickeln sich heutzutage so schnell, dass wir keine Chance haben, hinterherzukommen. Er sagte: Ich verstehe, dass du dich dem Atomthema zuwendest, doch dahinter gibt es ein noch ein größeres Thema: Genmanipulation. Nun, mein Thema ist eben der Uranabbau. Aber wenn man beobachtet, was etwa eine deutsche Familie mit zwei Kindern 24 Stunden lang verbraucht, und den Weg all dieser Dinge zurückverfolgt, erkennt man, dass der ganze Planet beschäftigt wird, um diese Familie zufrieden zu stellen. Wenn man das fortsetzt, kann das ja nur ins Fiasko führen. Nachhaltigkeit bedeutet die Umwandlung unseres gesamten Wertesystems. Wir sind immer noch auf dem falschen Gleis.

Doch was folgt aus dieser Erkenntnis? Selbst wenn ich nur noch meine Juteasche durch die Gegend trage, hilft das vergleichsweise wenig.

Trotzdem muss man es tun. Und man muss darüber reden. In dem Moment, in dem ich mich engagiere, muss ich auch auf die öffentliche Bühne treten. Ich muss auch ein bisschen vorlaut werden. Heute gilt nicht mehr, wer die Welt verändern will, sollte in die Politik gehen, ganz im Gegenteil. Und die Probleme sind nicht monokausal, darum muss man sie auch interdisziplinär angehen. Und was die Nutzung der Kernenergie angeht, muss man sich einfach darüber im Klaren sein: Wer die Atomkraft befürwortet, sagt ja zum Menschenopfer.

Veröffentlicht am: 22.03.2011

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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