100 Jahre nach den letzten Schüssen an der Maximiliansbrücke

Mit der Netz-Zeitung auf roter Spur

von Karl Stankiewitz

Abb.: Privat

Resümee einer Revolution. Nach letzten Schüssen begann in Bayern die parlamentarische Demokratie. Am frühen Morgen des 10. Mai 1919 fielen an der Maximiliansbrücke noch einmal 15 bis 20 Gewehrschüsse und in der Martinschule wurden Soldaten der dort stationierten Regierungstruppen, die München in den ersten Maitagen von der "roten" Armee „gesäubert“ hatten, noch drei Mal angegriffen. Dies waren die letzten Widerstandshandlungen der insgesamt misslungenen Revolution, die damit faktisch ihr Ende fand.

Es begann eine neue Zeit für den gerade mal sechs Monate alten Freistaat Bayern: die parlamentarische Demokratie. Sie begann mit einer traurigen Erklärung des aus Bamberg heimgekehrten Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, SPD; „Schrecklich ist der Krieg, am schrecklichsten der Bürgerkrieg, entsetzliche Bluttaten sind in München geschehen, Verbrechen auf beiden Seiten.“ Seit dem Einmarsch von „weißen Truppen“ waren nach offiziellen Angaben 145 Menschen im Großraum München bei militärischen Auseinandersetzungen gefallen, 186 wurden standrechtlich erschossen und 226 noch nach der Einnahme der Landeshauptstadt ermordet. Neueste Schätzungen kommen  jedoch auf bis zu 1200 Todesopfer.

Eine der ersten Amtshandlungen der Regierung Hoffmann war das Verbot der Herstellung und Verbreitung „kommunistischer,   spartakistischer und bolschewistischer Zeitungen und Zeitschriften“. Ausdrücklich verboten wurden außerdem alle „Skandal- und Revolverblätter“.

Die Presse war schon zuvor einer der Leidtragenden der Revolution. Von der ersten Räteregierung waren zeitweise die „bürgerlichen“ Zeitungen verboten worden. Seit 25. März 1919 durften sie zwar wieder erscheinen, allerdings nur unter Vorzensur. Die wichtigsten Blätter erklärten sich denn auch mit Maßnahmen und Zielen des roten Zentralrats weitgehend einverstanden. Unter der zweiten kommunistischen Räteregierung wehte schließlich nur noch die „Rote Fahne.

Genau hundert Jahre nach dem Ende der Revolution wurde jetzt die „Revolutionszeitung“ unserer Tage eingestellt. Über 22 Monate lange hatte der StadtführerRudolf Hartbrunner das damalige Geschehen tagesgenau in dramatischen, zum Teil noch unbekannten Details per E-Mail verbreitet. Über viele Veröffentlichungen in den Medien hinausgehend, Führungen, Ausstellungen und Vorträge ergänzend, hat diese Netz-Zeitung die historischen Fakten aufgrund von seinerzeit aktuellen Berichten und Tagebuch-Zitaten gespiegelt. So konnten manche Ungenauigkeiten geklärt, größere Zusammenhänge verknüpft und immer noch bestehende Legenden zurecht gerückt werden.

Beim Rückblick auf all die Reaktionen hundert Jahre nach der Revolution sind dennoch Lücken geblieben. So findet es Hartbrunner ärgerlich, dass beim Staatsakt vom 7. November 2018 der Freistaat-Gründer Kurt Eisner von dessen Nach-Nachfolger Markus Söder mit keinem einzigen Wort genannt, geschweige denn gewürdigt wurde. Dabei hätte (der damalige) Kultusminister Ludwig Spaenle eben dies am 25. April 2017 in Aussicht gestellt. Auch die Jubiläumsschrift des Sozialministeriums verschweige seinen ersten Minister, Hans Unterleitner (USPD). Und die im April 1919 erfolgten Gründungen des Landwirtschaftsministeriums und des Wirtschaftsministeriums durch die Räteregierung seien der Staatsregierung ebenfalls keine Erwähnung wert, kritisiert Hartbrunner, dem Bürgermeister Manuel Pretzl (CSU) mit Hinweis auf dessen idealistische Initiative kürzlich die Medaille „München leuchtet“ verliehen hat.

Die öffentlichen Veranstaltungen zum Geschehen vor genau einem Jahrhundert sind aber noch nicht beendet. So wollte das Archiv der Arbeiterbewegung am 20 Mai 2019 im Gewerkschaftshaus eine Bilanz ziehen über die jüngste Geschichtsschreibung zur Revolution. Und der Leiter des Stadtarchivs, Michael Stephan, berichtet am 26. Juni über den demokratischen Neuanfang: Genau 100 Jahre zuvor hatte der Stadtrat den Sozialdemokraten Eduard Schmid zum 1. Bürgermeister gewählt.

Man darf jetzt gespannt sein, wie die ereignisreiche Zeit von den Januarstreiks 1918 bis zur Rückeroberung Münchens im Mai 1919 sowie deren Repräsentanten im Haus der bayerischen Geschichte, das am 4. Juni 2019 im Neubau in Regensburg bei einem Festakt vom Ministerpräsidenten eröffnet wird, historisch eingeordnet und kommentiert sind.

 

Veröffentlicht am: 21.05.2019

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