„Mit der Kirschblüte kommt die Hoffnung“ - Interview und Service zu den heute beginnenden Benefizaktionen der Münchner Kultur für Japan

von kulturvollzug

Am Freitag (1. April 2011) ist Japantag in München: Auf dem Odeonsplatz beginnt um 18 Uhr die große Benefizaktion „We R Japan – Schnelle Hilfe München“ für die Katastrophenopfer in Fernost. Der Kulturvollzug sprach mit dem in München lebenden japanischen Künstler Toshio Kusaba über den Sinn der Hilfe und das grundsätzlich andere Denken und Fühlen in seiner Heimat.

Mehr Informationen zu „We R Japan“ und zu weiteren Veranstaltungen finden Sie am Ende des Textes.

Herr Kusaba, warum soll man Japan helfen, obwohl es eine reiche Industrienation ist?

Weil die Menschen in Not sind und weil man ein so großes Unglück nur gemeinsam überwinden kann. Dafür steht auch das Symbol der Kirschblüte, um die es bei meiner Veranstaltung geht – ein Symbol Japans. In der von der Katastrophe direkt betroffenen Gegend kommen gerade jetzt wieder die Kirschblüten raus.

Das wirkt fast als wäre die Natur zynisch.

Nein, das ist es nicht, aber wir müssen uns darüber Gedanken machen, dass wir Menschen nicht immer da sind auf der Erde. Die Kirschblüte ist ein Symbol dafür, dass das Leben immer weiter geht. Wir debattieren jetzt hin und her, das ist auch ganz wichtig. Aber am Ende ist das entscheidend, wofür das Symbol der Kirschblüte steht.

Egal was der Mensch anrichtet?

Genau. Auch jetzt, wenn man die Ruinen in Japan sieht: Am Horizont sind die Berge, und dort sieht man sie schon, die Kirschblüte.

Sie leben seit langem in München. Finden Sie uns Deutsche beim Umgang mit solchen Katastrophen hysterisch?

Mit der Frage des Egos geht man in Japan anders um als im Westen. Jeder hat sein Ego, aber wie man es nach außen trägt, das ist anders.

Wie anders?

Da muss ich ausholen. Japan ist schon geografisch ganz anders. Ein Inselreich. Man spricht eine Sprache. Das ist anders als in vielen anderen Gegenden der Welt, wo immer Bewegung war. Wo es hin und herging mit der Herrschaft, mit der Politik. Japan hat eine Monokultur. Man redet nicht so viel und versteht sich trotzdem. In Europa muss sich jeder immerzu äußern, wenn er sich etwas gedacht hat. In Japan nicht. Man lebt enger miteinander, auch räumlich, aber ohne ständige Auseinandersetzung. Es braucht Disziplin, wenn so viele Menschen eng zusammen sind.

Sie sind Gastronom, Künstler und DJ. Ist diese Art von Langmut und Gelassenheit eine gute Voraussetzung für Kreativität?

Europäer nennen es Gelassenheit und meinen damit den ganzen Menschen. Aber wir in Japan gehen nicht davon aus, dass damit etwas über den inneren Zustand eines Menschen gesagt ist. Innen kann es ganz anders aussehen. Außen und Innen können grundverschieden sein. Deshalb kann ich die Frage auch nicht direkt beantworten. Jetzt, wo dieses Unglück passiert, ist das Allerwichtigste die Frage: Wie geht man damit um? Können wir etwas daraus lernen? Und wie sollte unsere Zukunft sein?

Das heißt zum Beispiel mit oder ohne Atomkraft?

Ich gebe keine radikale Antwort. Die eigentlich Frage ist: Brauchen wir wirklich immer noch so viel Energie? Wenn man sich darüber keinen Gedanken macht, kann man das Energieproblem nicht lösen. Klar ist, dass wir nicht ohne Energie leben können. Aber wie viel ist notwendig? Und woher kommt sie? Das sind für mich die ganz wichtigen Fragen. Auch wir Japaner müssen erkennen, dass bei uns die Energieverschwendung bislang immens gewesen ist. Das Unglück ist auch ein Zeichen, dass das so nicht länger sein darf. Aber ich komme zum Anfang zurück: Solange die Kirschblüte kommt, wissen wir, dass es weitergeht. Die Welt existiert weiter, mit oder ohne die Menschheit. Ich bin seit 30 Jahren in Deutschland. Und ich merke: Wir sind auf der ganzen Welt viel zu sehr menschenbezogen. Also viel zu sehr fixiert auf uns und unsere Sicht der Dinge. Menschenbezogen meint noch etwas mehr als bloße Ich-bezogenheit. Wir sollten nicht glauben, dass die Welt nur wegen uns existiert.

Und die Kunst kann hierbei Einsicht bringen?

Ich mag eigentlich das Wort Kunst nicht. Aber wahrscheinlich hatte Joseph Beuys recht, als er sagte: Jeder ist ein Künstler. Das heißt auch: Jeder muss selbst an der Einsicht arbeiten. Und die Kirschblüte steht dafür, dass immer Hoffnung bleibt.

Weitere Infos und Service:

Die Münchner Kunst- und Kulturszene will der Katastrophe nicht tatenlos zusehen – sondern helfen. Für die nächsten Tage sind drei große Veranstaltungen geplant.

Freitag, 1. April 2011

Den Odeonsplatz zur größten Spendenplattform der Stadt zu machen, das ist die Idee der Aktion „We-R-Japan“. Von 18 bis 21 Uhr wird dort kräftig musiziert, versteigert und gespendet. Im 15-Minuten-Takt treten verschiedene Münchner Musiker auf, unter ihnen die bayerisch-japanischen Soundkünstler Coconami und die Hip-Hop-Stars Blumentopf. Künstler wie Nana Dix, René Arbeithuber, Tibor Bozi oder Ayzit Bostan stellen Werke zur Verfügung, die während der Veranstaltung versteigert und verkauft werden. Die Einnahmen sollen zu 100 Prozent für die Japan-Einsätze der Aktion Deutschland hilft gespendet werden.

Sonntag, 2. April 2011

Um 15:30 Uhr beginnt ein Solidaritätskonzert der Bayerischen Staatsoper in der Frauenkirche. Geleitet von Kent Nagano wird das Bayerische Staatsorchester Brahms' Deutsches Requiem op. 45 spielen, zuvor singt die japanische Sopranistin Eri Nakamura zwei japanische Kinderlieder. Der Eintritt zum Konzert ist frei; im Dom wird es die Möglichkeit geben, für japanische Hilfsprojekte von Diakonie und Caritas zu spenden. Das Konzert wird außerdem live übertragen vom Bayerischen Fernsehen sowie im Radio auf BR Klassik.

Spendenkonto: Caritas international, Freiburg, Spendenkonto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe BLZ 660 205 00. Online unter www.caritas-international.de. Außerdem: Diakonie Katastrophenhilfe, Spendenkonto 502707 bei der Postbank Stuttgart BLZ 600 100 70 oder online www.diakonie-katastrophenhilfe.de/spenden.

Dienstag, 4. April 2011

Für 20:30 Uhr lädt das Cafe Luitpold zum Salon M'unique, diesmal mit dem Thema: Hanami – Kirschblütenfest unter Palmen.Neben einem Hanami Picknick, einer japanischen Teezeremonie und der Aufführung japanischer Märchen gibt es Musik von der Band Sasebo unter anderem mit Michael Acher und Toshi Kusaba. Auch hier ist der Eintritt frei, die Spenden gehen an das Projekt Nomadomura. Dabei handelt es sich um ein Künstlerhaus auf der Japanischen Insel Awaji-Shima, gegründet vom Münchner Filmemacher Werner Penzel und seiner Frau Ayako Mogi.

we r japan - Schnelle Hilfe Muenchen: Jetzt Spenden!

Texte und Interview: Florian Haamann und Michael Grill

Veröffentlicht am: 31.03.2011

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