Pilot in Neubiberg

von kulturvollzug

Eine Überraschung im ehemaligen Flieger-Hangar der Bundeswehr-Universität, wo Kunst durch die Kollision zweier Studenten-Welten entstanden ist.

Bundesadler an Stinkefinger, Hammer & Sichel neben der lachenden Anti-Atomkraft-Sonne: Ein riesiges Patchwork nationaler Befindlichkeiten setzt sich zum Schwarz-Rot-Gold der Bundesfahne zusammen und schwingt frei im gewaltigen Raum. „Semper Fidelis“ heißt die aus 81 Bannern bestehende Textilfahne, die jetzt mitten in Hangar 150 hängt und so die frühere Wartungshalle für Kampfmaschinen dominiert. Eine Guerilla-Aktion auf einst verbotenem, jetzt immer noch nur begrenzt zugänglichem Gelände? Ein subversiver Anschlag auf die Ästhetik der republikanischen Sicherheit? Oder eine neue Art der Öffnung militärischer Welten für eine ebenso fröhliche wie nachdenkliche Selbstbefragung?

Subversiver Anschlag? – Im Hangar hängt „Semper Fidelis“. Foto: Karl-Ludwig Mühlhaus

Es ist von alledem ein bisschen etwas. Durch eine erstmalige Kooperation der Universität der Bundeswehr in Neubiberg mit der Akademie der Bildenden Künste München ist die spannende Ausstellung „Unmittelbarer Zwang und besondere Befugnisse“ entstanden, die Kunst und Bund als ungewöhnliches Pärchen zeigt. (Im Neubiberger Hangar leider nur noch für kurze Zeit; einige der Projekte sollen aber in den nächsten Monaten noch in München zu sehen sein, etwa bei der Jahresausstellung der Akademie oder der Langen Nacht der Wissenschaft.) Die Frauenbeauftragten der jeweiligen Hochschulen ließen die völlig unterschiedlichen Welten ihrer Studenten aufeinander prallen, was, wie zu hören ist, auch zu entsprechenden Reibungen führte: Das eher kreative Chaos der Kunstschüler und die ordentliche Strukturiertheit der Bundeswehr-Studenten mussten erst zusammenfinden – was in kleinen Teams dann auch gelang.

"Bund, Bunt": Heimschläferspinde in Neubiberg. Foto: Karl-Ludwig Mühlhaus

Groß sollten sie denken – denn ein Militärgelände duldet nicht die kleine Form. „Semper Fidelis“ war ursprünglich für einen Turm an anderer Stelle des Campus gedacht, im Hangar rückt das Tuch erst recht in die richtige Dimension. Direkt aus dem Vorleben der Halle heraus entstand dagegen „Bund, Bunt“, eine Installation aus übereinander gestapelten sogenannten Heimschläferspinden. Privatheit, Heimlichkeit, Kontrolle, Uniformität, Reihung – das Möbel des Soldaten lädt sich auf mit den Themen seines Alltags. Bislang lediglich als Computersimulation zu sehen ist das „Kinetische Flugobjekt“, ein bewegliches Wesen, das nach seiner Fertigstellung mit gut sechs Meter breiten Schwingen den Ort und seine mythische Überhöhung perfekt symbolisieren würde. Ironisch gebrochen ist dagegen der Film „CISM 2010“, der in einer kleinen Seitennische der Halle wie in einer schützenden Höhle gezeigt wird: ein nachgestellter militärischer Fünfkampf auf dem campuseigenen Wettkampfparcours. Das schwarz-rot-goldene Dekor der Sportgeräte kann man für künstlerische Satire halten – bis klar wird, das diese Art von Fankurven-Patriotismus tatsächlich national-folkloristischer Ernst ist. Unterlegt werden die Bilder von im einsamen Rudel um die Runde schnaufenden Männern von gesprochenen Sätzen aus Interviews und Fragebögen. Es sind unzensierte Originalfragmente mit Privatphilosophie über Haltung, Lebenswelt, Grenzen. Bei so viel unmittelbarem Zwang muss man vor Schreck auch schon mal Schmunzeln.

Die Kooperation der beiden Hochschulen ist ein Experiment, ein Pilot, sagen die Verantwortlichen. Wäre schön, wenn er noch ein bisschen weiter flöge.

Karl-Ludwig Mühlhaus

(Der Autor ist freier Mitarbeiter des Kulturvollzug)

Hinweis: Die Ausstellung „Unmittelbarer Zwang und besondere Befugnisse“ endet mit dem Tag der offenen Tür auf dem Gelände der Bundeswehr-Universität am Samstag, 26. Juni 2010. An diesem Tag ist sie von 10 bis 18 Uhr zu sehen; ansonsten nur nach Vereinbarung unter unmittelbarerzwang@gmail.com. Adresse: Universität der Bundeswehr, Werner-Heisenberg-Weg 39, Hangar Halle 150, Eingang und Zufahrt Westtor, 85577 Neubiberg.

Veröffentlicht am: 25.06.2010

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Florian Haamann
25.06.2010 16:18 Uhr

Ich muss ja zugeben, ich bin ein wenig überrascht, wie offen sich die Bundeswehr da zeigt.

Hätte ihr ihr garnicht zugetraut.

Bin gespannt, ob die Zusammenarbeit weitergeht.

Jay
01.07.2010 21:26 Uhr

schade, ich habs zu spät mitbekommen...

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