Wasserbomben und Wahrheit: Lothar-Günther Buchheims Fotografien aus dem U-Boot-Krieg sind im Bernrieder Museum erstmals zu sehen

von Michael Grill

[caption id="attachment_304" align="alignright" width="225" caption="Foto: L.-G. Buchheim © Buchheim Stiftung"]Foto: L.-G. Buchheim © Buchheim Stiftung[/caption]Drei Jahre ist Lothar-Günther Buchheim nun tot, und wieder kommt eine Entdeckung aus dem unerschöpflichen Feldafinger Fundus des Autors, Malers, Verlegers und Sammlers ans Licht.

Nach der Fortsetzung der Erzählung „Tage und Nächte steigen aus dem Strom“ über eine jugendbewegte Balkanreise sind es nun Fotografien aus dem U-Boot-Krieg, die entdeckt werden sollen. Das sonst so heitere Haus am Starnberger See zeigt 250 Aufnahmen, die Buchheim in jenen Kriegsjahren machte, die er später zu dem 1973 erschienenen, gewaltigen Romanwerk „Das Boot“ verarbeitete. Auf diesem baut wiederum der gleichnamige Film von 1981 auf. Rund 5000 Aufnahmen sind – überwiegend in Form von undatierten, unbezeichneten Kontaktbögen – gefunden worden, entsprechend groß war die Aufgabe der Aufbereitung.

[caption id="attachment_294" align="alignleft" width="225" caption="Wasserbombenangriff auf U96. Buchheims Versuch, das Unsagbare mit Fotos zu festzuhalten. Foto: L.-G. Buchheim © Buchheim Stiftung"]Wasserbombenangriff auf U96. Buchheims Versuch, das Unsagbare mit Fotos zu festzuhalten. Foto: L.-G. Buchheim © Buchheim Stiftung[/caption]Buchheim nannte den Seekrieg einen „pervertierten Krieg“: Denn er sei ein „ganz und gar ,sauberer' Krieg: keine im Stacheldraht hängenden Verwundeten, keine Trümmer und Ruinen, kein aufgedunsenen Leichen. Die Seeschlacht hinterlässt keine Spuren.“ Offizielle Quellen wie Logbücher öffnen keinen Blick für die Dimension des Schreckens: Was heißt es denn wirklich, wenn von „Geleitzugschlachten“ oder „Offensive in amerikanischen Gewässern“ die Rede ist? In seinem Roman und weiteren Büchern hat Buchheim es geschildert – eine historische Pionierleistung. Nun erst kann man sehen, wie er es auch im Originalbild festgehalten hat. Die Fotos machte er quasi als Privatmann, denn einen Auftrag zur Dokumentation im Sinne der Kriegstreiber hatte er nur als Kriegsmaler und -zeichner.

Verdienstvoll war bei der Eröffnung der Ausstellung „Das Boot / Die Fotografien“ am Starnberger See, dass Dieter Hartwig, Fregattenkapitän a. D., daran erinnerte, welche Aufregung es bei Erscheinen des Romans in der Öffentlichkeit gab, welche Ablehnung Buchheim wegen seiner „Obszönitäten“ entgegenschlug. „So war es nicht!“ riefen Historiker und Veteranen. Im Grunde müssen sie Buchheim heute noch dankbar sein, weil er die Wahrheit ans Licht holte. Aus Sicht der nach 1970 Geborenen ist es ohnehin kaum noch vorstellbar, wie der U-Boot-Krieg einst jahrzehntelang verklärt werden konnte – erst Buchheims Buch und der Film brachten andere Bilder in die Köpfe.

Die Fotografien sind authentische Dokumente und sie sind auch überwiegend entstanden, um Zeugenschaft ablegen. Insbesondere im Bootsinnern hält Buchheim einfach nur fest, was er sieht, lediglich bei einigen Außenaufnahmen gibt er sich als Fotograf der unheimlichen Ästheik der wilden, grausamen See hin. Dabei fällt aber auch auf, dass diese Bilder, so einzigartig sie sein mögen, an Wucht und Eindringlichkeit nicht an Buchheims Sprachbilder im Roman heranreichen. Selbst die schlierigen Aufnahmen im zerhackten Licht, die er während des grellen Wahnsinns eines Wasserbombenangriffs machte, lassen den Betrachter nur ahnen, was da wirklich in den Menschen vorgegangen sein muss. Und die Bilder von der Rettung schiffbrüchiger Kameraden, die kurz zuvor in die See gebombt worden waren und dem Tod ins Auge geschaut hatten, sind so still, dass man sich den Schrecken erst hinzudenken muss.Das heißt nicht, dass die Bilder harmlos oder gar verharmlosend wären, aber sie schweben trotzdem in der Gefahr, die Dramatik von Buchheims übrigem Werk über die U-Boot-Geschichte unfreiwillig abzumildern. Buchheims Fotos sind absolut ungestellt und unverstellt, und doch sind es lediglich schwarz-graue Vergangenheitsfetzen aus einer heute nicht mehr vorstellbaren Zeit. Die umsichtige Kuratorin des Museums, Clelia Segieth, tut gut daran, mit Buchheim-Texten und dem stilisierten Nachbau eines Bugtorpedo-Raumes (zur Verdeutlichung der Raumverhältnisse) auch der Generation Playstation beim Museumsbesuch ein wenig emotionale Hilfestellung zu geben.

[caption id="attachment_292" align="alignleft" width="225" caption="Manchmal sucht die Kamera auch nach der Schönheit im Grausamen. Foto: L.-G. Buchheim © Buchheim Stiftung"]Manchmal sucht die Kamera auch nach der Schönheit im Grausamen. Foto: L.-G. Buchheim © Buchheim Stiftung[/caption]Bei der Eröffnung jedenfalls wurde der Moment unvergesslich, als Klaus Doldinger, der Schöpfer der Filmmusik zu „Das Boot“, am Saxophon und Wolfgang Schmid am Bass live die Titelmelodie anspielten. Denn beim Hören der elegischen Tonfolge flossen die Bilder zusammen: die von der filmischen Fiktion, die so gut wie jeder im Kopf hat, und jene von dem authentischen Zeugnis, das man in dem Moment direkt vor sich sah. Denn die Suche nach Wahrheit braucht beides, Erzählung und Dokument.

Bis zum 10. Oktober im Buchheim-Museum Bernried. Im Begleitprogramm spielt Klaus Doldingers Passport im Park ein Open-Air-Konzert (24.7., 18.15 Uhr), Hans A. Neunzig liest unter anderem aus dem Roman „Das Boot“ (5.9., 16 Uhr) und Mirko Wittwar referiert über „das Bild vom Krieg in Buchheims Romanen (19.9., 11 Uhr).

Veröffentlicht am: 06.07.2010

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