Fallen wir noch oder sind wir schon unten? - Die Reihe "Design und Dasein" im Bayerischen Hof fragt nach der Zukunft des Lesens

von Michael Grill

[caption id="attachment_380" align="alignright" width="225" caption="Der Pool war nicht weit, doch sie diskutierten tapfer (v.l.): Dirk Ippen, Barbara Haase, Dominik Wichmann, Michael Latzer, Marco Mehrwald und Albert Ostermaier. Foto: Michael Grill"]Der Pool war nicht weit, doch sie diskutierten tapfer (v.l.): Dirk Ippen, Barbara Haase, Dominik Wichmann, Michael Latzer, Marco Mehrwald und Albert Ostermaier. Foto: Michael Grill[/caption]Ganz oben im Bayerischen Hof, wo der Pool nicht weit ist und der Blick über die ganze sommersatte Münchnerstadt geht, hat sich eine Veranstaltungsreihe etabliert, die man in diesem weißledern-saturierten Umfeld nicht unbedingt vermuten würde. Bei „Design und Dasein“ wird über Form und Gestalt, aber auch deren Sinn oder Unsinn querköpfig diskutiert, veranstaltet vom Hotel, der Küchenschmiede Bulthaup und Mini München (nicht die Spielstadt im Olympiapark, sondern eine Autofirma). Man will den klassischen Designbegriff erweitern und dabei möglichst progressiv sein.

Diesmal ging es um „die Zukunft des Lesens“. Moderator Dominik Wichmann konfrontierte den Münchner-Merkur- und tz-Verleger Dirk Ippen gleich mal mit dem schönen Zitat des US-Milliardärs Warren Buffett, dass die „Zeitungsleser längst alle auf dem Weg zum Friedhof sind“. Ippen ist als Verleger sehr viel erfolgreicher als andere Münchner Zeitungsherausgeber und eine publizistische Persönlichkeit. Allerdings leuchtet der Heiligenschein des weisen alten Mannes über ihm mittlerweile so hell, dass seine verlegerischen Untaten als Journalisten-Einsparer vor allem aus den 80er und 90er Jahren kaum noch gesehen werden. Ippen parierte wie erwartet: Das mit dem Friedhof müsse man doch etwas relativieren, schließlich gebe es weiterhin 1500 Zeitungs-Regionalausgaben in diesem Land, eine ungeheure, vom Leser geschätzte Vielfalt (http://meedia.de/nc/details-topstory/article/das-ranking-der-zeitungsstdte-deutschlands_100029130.html). Und dann kam der Klassiker aus dem Kommunikationswissenschafts-Seminar: „Es ist noch nie eine Kulturtechnik völlig verschwunden.“

Wichmann verleitete das zu dem schönen Joke, dass, wer aus dem 80. Stock springe, sich im Fallen 79. Stockwerke lang sehr gut fühlen könne. Michael Latzer, Publizistik-Professor aus Zürich, pflichtete bei: „Die Tageszeitung ist ganz klar der Verlierer, vor allem bei jungen Lesern.“ Es komme auf jeden Fall zu Verschiebungen im Leseverhalten, denn: „Drucken ist teuer, und digitale Werbeformen sind effizienter.“ Prompt schwärmte Barbara Haase, Leiterin der Markenkommunikation bei Mini, von den direkten Kundenkontakten, die sie im Netz aufbauen könne, und von der „Like-It-Kultur“.

Wieder gab Ippen den letzten Aufrechten der holzverarbeitenden Industrie: „Wer 30 Euro oder mehr pro Monat für eine Zeitung ausgibt, der lässt sie nicht in der Ecke liegen.“ Das Zeitungsmachen sei „lange Zeit eine Lizenz zum Gelddrucken“ gewesen, und wenn man sich dabei jetzt „mehr anstrengen muss, ist das ja auch kein so großer Verlust für die Menschheit“. Dann schwärmte er vom Internet als Recherchemöglichkeit für Journalisten und Info-Quelle für alle, bevor er ausrief: „If you can't beat them, join them.“

Der Kreativ-Werber Marco Mehrwald (Interone GmbH) warf ihm daraufhin vor, vor allem mit Reichweite zu argumentieren, die man aber auch künstlich erzeugen könne: „Letztlich geht es um Relevanz.“ Wer wie die Lufthansa nur von 9 bis 18 Uhr twittere, der habe bereits verloren. Ippen konterte wiederum klassisch: „Die Zeitung stellt immer noch eine Solidarbeziehung her. Die Leute sagen: ,Das ist meine Zeitung.' Aber niemand sagt: ,Das ist mein Internet.'“ Mehrwald obsiegte mit der Entgegnung: „Es hat aber auch noch nie jemand gesagt: ,Das ist mein Papier.'“

Latzer predigte wissenschaftlichen Realismus: „Die Geschichte der Medien ist eine Geschichte der Fehlprognosen.“ Das Geld, das derzeit noch zum Drucken verbraucht werde, könne in Zukunft auch in die journalistische Qualität fließen – und die emotionale Bindung ans Medium sei doch wohl problemlos über ein iPad herstellbar.

Der Schriftsteller Albert Ostermaier war der stillste in der Runde, hier fasste er sich ein Herz: „Ich sehe den Qualitätsjournalismus eher in Gefahr. Die Texte in der Zeitung werden fast alle nur noch im Internet recherchiert. Mich interessieren aber die Geschichten, wo ein Autor dorthin geht, wo es weh tut, und dann darüber schreibt.“ Schließlich fragte Wichmann, warum denn eigentlich kein einziger der Web-Riesen von heute, von Google über Ebay bis Facebook, von einem traditionellen Verlag gegründet worden sei. Da lachte Ippen nur kurz auf: Die Frage hatte er sich wahrscheinlich schon häufiger gestellt.

Veröffentlicht am: 16.07.2010

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