Mit Gold veredelt: OB Christian Ude versammelt beim Kulturempfang die Szene im Hof des Volkstheaters – und preist eine eher zweifelhafte Ehrung

von Michael Grill

Bei der kulturellen Regierungserklärung: Ude (am Pult) und ein sehr großer Teil des Münchner Kulturlebens. Foto: Michael Grill

Einmal im Jahr ist Vollversammlung für die Münchner Kulturszene, zumindest die etablierte. Dann nämlich, wenn Oberbürgermeister Christian Ude zum sogenannten Kulturempfang lädt. Heuer versammelte Ude seine Lieben im Hof des Münchner Volkstheaters, 600 kamen und aßen und tranken und genossen das gute Gefühl, ein mutmaßlich wichtiger Bestandteil des Kulturlebens zu sein.

 

Die Rede des OB bei diesem Event gilt als eine Art kulturelle Regierungserklärung. Im vergangenen Jahr war es eine düstere Warnung vor krisenbedingten Kulturzusammenbrüchen auf allen Ebenen – dieses Mal sah die Münchner Kulturwelt schon wieder deutlich freundlicher aus. Ude lästerte zunächst über einen Zeitungsartikel vom Tage, der ihm eine Verantwortung für die Unpünktlichkeit der (gar nicht unter die Hoheit der Stadt fallenden) S-Bahn zugeschoben hatte: „Ich darf mich erst mal vorstellen: Ich bin für die Stadt München zuständig, nicht für die S-Bahn.“

Dann lobte er die „grandiose Erfolgsstory“ des Volkstheaters unter Intendant Christian Stückl: Mehr als 100000 Besucher in der laufenden Spielzeit, eine Auslastung von 84,6 Prozent. Ude schwärmte von den inzwischen 30 Stadtteil-Kulturzentren, die „trotz Finanzkrise besser ausgestattet sind denn je“. Die Stadtteilkultur bekomme zwar „nicht immer die besten Noten im Feuilleton“, sei aber wichtig für den Zustand der Gemeinde. Und er versprach, die (von Kulturreferent Hans-Georg Küppers verfolgte) Idee eines Kreativzentrums an der Dachauer Straße voranzutreiben, freilich ohne die Problematik des dort trotzdem geplanten Abriss' des Atelierhauses anzuschneiden.

Ude blickte wohlwollend auf die laufende Entwicklung des künftigen NS-Dokumentationszentrums, mit dem München „bis 2013 vollenden wird, was mit dem Jüdischen Zentrum am Jakobsplatz an Aufarbeitung der Geschichte der Stadt begonnen wurde“. Und er stellte befriedigt fest, dass „sich das Thema Konzertsaal im Marstall erledigt hat“, weil Finanzierungsprobleme und ein Akustik-Gutachten das von der Stadt abgelehnte Projekt zu Fall gebracht haben.

Schließlich hatte sich Ude die Würdigung eines besonderen Münchner Kulturschaffenden für diesen Abend aufgehoben: Der Architekt Peter Lanz (80) bekommt die Medaille „München leuchtet“ in Gold. Udes Lobpreis hörte sich so an: Lanz „hat einen herausragenden prägenden Anteil am zeitgenössischen Erscheinungsbild der Stadt“. Das kann man wohl sagen. Kaum ein Architekt steht so sehr für die mutlose Münchner Architekturbeliebigkeit der 70er und 80er Jahre wie Lanz. Ob der behäbige Angerblock an der Sendlinger Straße, das LBS-Haus neben dem Augustiner-Biergarten, das historisierende Campari-Haus samt seinem kraftlosen Anhang am Altstadtring, der WWK-Versicherungs-Klotz an der Marsstraße, die Schörghuber-Zentrale an der Denninger Straße oder weitere Büroburgen an der Hackerbrücke – all das (und noch viel mehr) hat Münchens Ruf in Bezug auf modere Architektur maßgeblich geprägt. Aber eben doch sehr viel anders, als es in einer Laudatio erscheinen mag.

Ganz sicher ist es Peter Lanz mit den U-Bahnhöfen Dülferstraße und Feldmoching gelungen, sein Spätwerk in ein milderes Licht zu tauchen. Und womöglich hat er manches insofern gerettet, dass es ohne ihn noch viel schlimmer geworden wäre, zum Beispiel den Mathäser am Stachus. Doch dass dies alles nun mit einer Goldmedaille veredelt wird, wirkt schon einigermaßen seltsam. Ude: „Peter Lanz hat sich immer wieder als leidenschaftlicher, erforderlichenfalls auch als wortgewaltiger Kämpfer für Qualität hervorgetan“. Das hat er in seinem langen Berufsleben, in dem er auch vielen Gremien und Verbänden vorstand, möglicherweise tatsächlich getan, sicher aber nicht, wenn es um die Bauten aus seiner eigenen Architekturfabrik ging. Dass er beim Mercedes-Turm an der Donnersbergerbrücke mitgeholfen hat, mit dem gerichtlich durchgesetzten Stern an der Spitze der Stadt einen schweren Schlag bei ihrem Kampf gegen die Werbeflut im öffentlichen Raum zu versetzen, ließ Ude immerhin mit einem Sätzlein anklingen: Bei diesem Fall sei man „nicht immer einer Meinung“ gewesen. Hört, hört!

Peter Lanz schloss seine Dankesrede mit den Worten: „München ist der Standort meines Lebens.“ Da hatte er wortgewaltig die richtigen Worte erkämpft.

Anschließend wurde es ein sehr schöner Empfang bei wunderbarem Wetter und mit vielen interessanten Gesprächen.

Veröffentlicht am: 21.07.2010

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markus
22.07.2010 10:08 Uhr

Michael Grills Beiträge sind immer wieder ein Lesegenuss. Inhaltlich wie formal! Die Einschätzung der Leistungen des aktuellen Empfängers der Medaille "München leuchtet" muss leider voll und ganz bestätigt werden. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, dass Peter Lanz einer der liebenswürdigsten und freundlichsten Architektenkollegen ist, die ich kenne. Gibt es für menschlichen Umgang auch Auszeichnungen? Gönnen wir doch Peter Lanz das blinkende Edelmetall dafür.

Michael Grill
22.07.2010 11:40 Uhr

Besten Dank, errötend, für den ersten Teil des Kommentars. Und den zweiten Teil unterschreibe ich sofort, hoffend, dass fachliche Diskussion möglich ist ohne dass dabei Menschlichkeit in Frage gestellt wird. VG! gr.

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