Strandgut hinterm Ostbahnhof: Dieter Noss und die „Artgenossen“ bespielen die Whitebox in der Kultfabrik

von Michael Grill

[caption id="attachment_525" align="alignright" width="225" caption="Riesenloft für die Kunst: Die White Box in der Kultfabrik, hier bei der aktuellen Ausstellung 'ArtgeNOSSen'. Foto: Michael Grill"]Riesenloft für die Kunst: Die White Box in der Kultfabrik, hier bei der aktuellen Ausstellung "ArtgeNOSSen". Foto: Michael Grill[/caption]Die seit 2004 bestehende Whitebox im Ateliergebäude der Kultfabrik hinter dem Ostbahnhof wird immer noch unterschätzt. Das dürfte am Ruf der leichtlebigen Spaßmeile drumherum liegen. Dabei hat die 800 Quadratmeter umfassende, zweistöckige Riesenhalle regelmäßig hochinteressante Ausstellungen zu bieten wie zum Beispiel die „all about...“-Reihe. Ein wiederkehrender Gast im riesenhaften Kunst-Loft ist auch Dieter Noss, der nun zum dritten Mal dort ausstellt. Diesmal zusammen mit einigen Freunden, die sich demütig unter dem Signet „ArtgeNOSSen“ versammeln.

Als Gast bei der Eröffnung wurde Klaus Lemke gesichtet. Der ist zwar derzeit fast überall, doch wenn der frischgekürte Münchner Filmpreis-Träger und hochprofessionelle Darsteller eigener Legenden zu einer Ausstellungs-Eröffnung außerhalb Schwabings erscheint, ist schon klar, wohin der Kunst-Hase läuft: Es geht um Gestrandetes, Wildes, Unfertiges, um kaputte Zustände und ihre absolute Schönheit. Dieter Noss, der als primus inter pares das komplette untere Geschoss bespielt, sammelt den Müll des Lebens und transformiert ihn ins Objekthafte. Das kann Strandgut sein wie der dünne Eisendraht, den er zu Tierbildern bis hin zur Darstellung der Bremer Stadtmusikanten biegt oder auch zu Kleidungsstücken wie Büstenhaltern und Slips. Das besondere ist, dass der Draht dabei nicht zerrissen, sondern am ganzen Stück zur Skulptur gebogen wird, wodurch sich die Form aus einer einzigen, durchgezogenen Linie bildet. Eine Technik, die in der Malerei bekannt ist und hier ins Dreidimensionale überführt wird.

Noss' konserviert mit seinem erfrischenden und kaum melancholischen Objektmüll abgelaufenes Kulturgut wie die Zarge einer Geige, er arrangiert Verloren-Absurdes wie Stoffblutwürste an Lavagranulat und Spielhasenköpfe auf rostigen Tellern. Und weil er diesmal auch das Thema Fotografie streift, schändet er gleich auch noch Plakate von Bernd und Hilla Becher – die Ikonen der modernen Fotografie laufen rostrot an.

[caption id="attachment_527" align="alignleft" width="225" caption="Besonders auffällig: Die radikal überzeichneten Fotografien von Hans Buttermilch (im Bild rechts). Foto: Michael Grill"]Besonders auffällig: Die radikal überzeichneten Fotografien von Hans Buttermilch (im Bild rechts). Foto: Michael Grill[/caption]Bei den vier im oberen Stockwerk verteilten „ArtgeNOSSen“ wiederum ist nicht ganz klar, ob ihre Arbeiten als Verbeugung gegenüber dem Hauptakteur gemeint sind, oder ob sie sich einfach zu ihm gesellen wie eine in die Jahre gekommene Jugendgang mit einer Kiste Rotwein am Strand von Lanzarote. (In der Tat versammelt sich die Clique, wie man hört, häufiger auf der wilden Atlantikinsel.) Michael Wüst tritt besonders bescheiden auf, es gibt nur ein bisschen was aus seinem spartenübergreifenden Werk zu sehen, und das hat er mit Büroklemmen an der Wand befestigt: Drei Fotoarbeiten, entstanden bei der Produktion „Schattenstimmen“ in der Halle7, nah an der Grenze zur Unterbelichtung, ein sehr selektives Spiel mit Raum, Oberfläche und Licht. Dazu gibt es Arbeiten von Traugott Maßmann, der mit der Kamera Natur und Geologie Lanzarotes umdeutet; und von Juscha und Hans Deumling, von denen vor allem ein Ensemble in lustig-praller Petersburger Hängung im Gedächtnis bleibt.

Auffällig aber sind die radial überzeichneten Fotografien von Hans Buttermilch: Wände einer alten Werkstatt in Neuhausen, ein überrealer, bedrohlicher und brutaler Surrealismus, erzeugt durch eine Aufnahmetechnik mit Lichteinsatz von mehreren 1000 Watt. Aus einer alten Wand werden so extrem harte Landschaften, albtraumhafte Szenerien von Gebrauch, Abnutzung und Verschleiß. Fotografie ist Realismus, aber etwas so sehr Anti-Abstraktes sieht man selten.

Noch bis 2. August, Do/Fr 17-21 Uhr, Sa/So 15-21 Uhr

Veröffentlicht am: 29.07.2010

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Reinhart Klaus
02.01.2011 12:56 Uhr

Es gab seitdem in der whiteBOX ein paar mindestens ebenso beachtenswerte Ausstellungen. Wie wäre es, wenn - überspitzt gesagt - der Kulturvollzug nicht so sehr auf B- und C-Promi-Nachrichten abstellen, sondern sich ein wenig mehr am künstlerischen Anspruch der Projekte orientieren würde: u. A. "Kein Abbild", "All about Beirut", "MUC DUS"

Michael Grill
04.01.2011 13:20 Uhr

Natürlich wollen wir nicht auf B- und C-Promi-Nachrichten abstellen. Aber manchmal sind ein paar bunte Einsprengsel nicht verkehrt.

Wir arbeiten daran, die Berichterstattung auszuweiten, müssen uns aber manchmal noch einschränken. Der Kulturvollzug ist ein noch junges Projekt und will weiter wachsen. Mit Ihrer Unterstützung und Aufmerksamkeit kann das gelingen. Beste Grüße M. Grill

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