Urbanale besetzen die Oper: Wie beim Sturm auf die Destille die Flashmob-Idee lächerlich wird

von Michael Wüst

Das Volk! Es regiert! Foto: Michael Wüst

Der obstinaten gesellschaftlichen Event-Einfalt plakativ zu wehren, eröffneten die Opernfestspiele nach den Festakten der Uni Credit in den Fünf Höfen in zusätzlichen Akten, ach schillernden Akzenten mit einem weiteren notorischen Reflex behaupteter Vielfalt. Am Dienstag (28.Juni 2011) führten die Urbanauten das Volk, bei einem Besetzungs-Trashmob der Oper mit der BMW-Fahne in der Hand. Die Oper gehört uns, wurde skandiert. Echt? Man glaubt es kaum.

Das Revolutionsbild von Delacroix auf der Website der Urbanauten hielt geduldig her für die schicken Flashmobber, Twitterer und Gefacebookten Münchens, die im industriellen Auftrage die lustige Besetzung inszenierten. Das war leider absolut Mini.

Die neue soziale Plastik: „Jetzt links herum Walzern.“ Foto: Michael Wüst

Die Urbanauten, nach Selbstauskunft, sind interdisziplinäre Debattierer und Erkunder von Schnittstellen des virtuellen und öffentlichen Raums. Haben sie gar eine soziale Plastik vor? Eine skulpturale Handlung? Wow! In solchen Fugen zwischen virtuell und real scheint anscheinend immer noch genügend Platz für den Zwischenmenschen der modernen Art, ein Event zu feiern. Denn das ist immer das Ende von allem.

Man erdreistet sich tatsächlich auf der Website, sich in Beziehung zu setzen zu den Vorgängen in Nordafrika. Na wunderbar, München hatte ein Algerien light.

Nun aber zur lustigen Seite des Urbanauten-Flashmobs. Einkaufen tat man sich für die Besetzung der Oper mit einer Handy-Abbuchung. Stichwort (Losung) „Hausbesetzung“. Tipp für die Smartphone-Elite: „Lasse Push-Benachrichtigungen zu“. Und: „Das Kollektiv des urbanen Schwarms kommuniziert während des Happenings live und in Echtzeit per SMS, Facebook oder Twitter. In 140 Zeichen.“

Ok, 140 Zeichen, da war man dabei. Das klang seriös.

Das ist fast Algerien. Foto: Michael Wüst

Es ging also los. Erste Richtlinie per SMS:„Unauffälliges Lustwandeln“ im Park am Maximiliansplatz. Vereinzelte Parkbesucher fingerten am Handy. Parkbesucher? Ui-Ui. Ein einsamer übergewichtiger Azubi lief herum mit einer Kamera HDTV + Radio-Logo, eine schweigende Gruppe trug eine zusammen gerollte Flagge. Ein Johannes mümmelte in ein winziges Mikro, das sich irgendwo aus seinen Ohren herausfädelte: „Ich bin jetzt beim Pettenkover, die Flagge ist da“. Ui-Ui. Dann die nächsten Anordnungen per SMS: - Die Frauen bleiben beim Pettenkofer-Denkmal, die Männer gehen rüber zum Justus von Liebig-Denkmal -. Aufstellung. Geschlechtergetrennt. Beim Justus von Liebig standen viele Typen mit pechschwarzen Sonnenbrillen. Eigentlich ernst, muss man sagen. Dann: Die Männer müssen jetzt wieder zurück zu den Frauen, zum Pettenkover. Ok, aber warum diese Selektion. Egal, Befehl ist Befehl.

Irgendwie bekommt die SMS-Relais-Hauptwache es hin, dass am Wittelsbacher Brunnen dann Walzer getanzt wird, zu den Klängen eines völlig übermüdeten Blechbläserquartetts. Oben auf dem Brunnen wird die Fahne entrollt, die Fahne der Freiheit: „Die Oper gehört uns“. Dazwischen der Befehl: „Jetzt links herum Walzern“.

Revolution. Definitiv: Revolution! Foto: Michael Wüst

Es folgten bis zum glücklichen Ende der Opernbesetzung mehr als vierzig SMS-Befehle. Jetzt rennen! In den Schaufenstern der Fünf Höfe sich schminken und shoppen! Doch irgendwann wurde es ernst: „Folge den schwarzen Männern in die Max-Joseph-Tiefgarage… RUHE VOR DEM STURM“ Flaggen wurden verteilt, seltsame heraldische Exponate, wohl aus der Requisite der Oper (Lohengrin?) und dann, nach dem Umkreisen des gleichmütigen Max-Joseph mit dem Kampfruf „Oper für alle!“, entspann sich der Sturm auf die Bastille der Urbanalen. Keine hundert ratlose Exilanten der Spaßwelt liefen auf die Oper zu und stürmten und winkten an den Fenstern im ersten Stock wie die Überlebenden einer Loveparade. Auf dem Dach des Nationaltheaters wurde noch die Flagge gehisst, „Die Oper gehört uns“. Indoor, wie wir Operngänger sagen, gab´s dann noch eine Dreiminuten-Disco und dann war´s vorbei. Herrje!

Erschöpft und fröhlich gab man sich auf den Stufen der Oper den ersten 100 Freibieren hin. Der Sturm auf die Destille war eröffnet. Die Oper gehört uns? Ja, klar! Dann geht halt einmal hin!

 

Veröffentlicht am: 29.06.2011

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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bettybienenstich
29.06.2011 19:10 Uhr

juppi Iea - das war ja noch ein liebenswürdige beschreibung dessen, was sich dann auch auf der treppe der oper in den würstchentellern und biertropfen spiegelte: die ifonierende münchenratlsoigkeit nach erfolgtem styling: ein prosit!

lG

99steps & betty Bienenstich( entenhausen)

Dorfkramer
12.07.2011 16:09 Uhr

Hm. die Urbanauten erinnern mich immer mehr an die Piqueteros, die bezahlten Lobbyisten und Aktivisten in Südamerika.

BMW musste ja erscheinen, weil ein bisschen was wollen die ja auch für ihr Sponsoring.

Über eine \"Freie Gruppe\" kommt man auch eher an Genehmigungen für den öffentlichen Raum.

In München gibt es eben nur Konzerndenken und Konzernkultur, alle anderen hauen hier frühzeitig ab, vor allem die mit Kohle und eigenem Hirn.

Einen BMW werde ich mir in meinem Leben nicht kaufen.

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