Enttarnte Anonymität: Fotografische Impressionen aus Tokio in der Maxvorstadt

von Achim Manthey

Kapitel Shibuja, Foto Kai-Uwe Gundlach, courtesy Micheko Galerie

Begegnungen auf der Straßenkreuzung und in der U-Bahn - und über allem Kabel: Die Micheko Galerie zeigt in der Ausstellung EDO beachtenswerte Fotografien von Kai-Uwe Gundlach in drei Kapiteln.

Bis zu 15000 Menschen queren die Shibuya täglich, diese weltbekannte Straßenkreuzung in Tokios gleichnamigem Stadtteil. Anonym, als Teil der Masse, in der das Individuum untergeht oder sich verbirgt, gehetzt, für sich allein streben sie ihren Zielen entgegen. Da ist der Mann mit Brille, den Kopf leicht nach vorn gebeugt, in sich gekehrt und mit sorgenvoller Miene. Zwei Mädchen, die Hände wie zum Gebet gefaltet, starren ins Nichts. Oder der Mann im Nadelstreifenanzug, dessen entschlossener Gesichtsausdruck maskenhaft wirkt. Starr wie eine Statue überragt eine junge Frau die sie umgebenden Schatten.

Dass dies alles auf den Fotografien des Kapitels "Shibuya" sichtbar wird, beruht auf starker Nachbearbeitung der Bilder. Gundlach individualisiert die Menschen, indem er ihr Umfeld in tiefes Schwarz taucht und ihre Gesichter, Oberkörper, Hände akzentuiert beleuchtet. Die Aufnahmen berauben die Menschen ihrer Anonymität, der Geborgenheit in der Masse und zeigen sie in ihrer Bedrückung und Einsamkeit. Die sehr grafisch aufgebauten Fotos zeigen überwiegend Profile und Halb-Profile. Fast scheint es, als habe der Fotograf die vollständige Enttarnung der gezeigten Personen gescheut.

Kapitel Metro, Foto: Kai-Uwe Gundlach, courtesy Micheko Galerie

Die Scheu fehlt bei den Bildern im zweiten Kapitel, das den Titel "Metro" trägt und in dem Gundlach Menschen in der U-Bahn portraitiert. Die Metro in Tokio transportiert täglich mehr als acht Millionen Passagiere. Viele Menschen sind täglich viele Stunden im Untergrund unterwegs. Auch hier erwischt der Fotograf seine Mitreisenden in Momenten, in denen sie sich unbeobachtet wähnen. Emotionslos scheinen sie jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren zu haben. Zwei schlafende Jugendliche, einträchtig nebeneinander und doch getrennt. Der lesende alte Mann mit weißem Mundschutz, ihm gegenüber ein mit weit geöffnetem Mund herzhaft Gähnender - sie sehen und bemerken sich nicht. Ein sprachlos vor sich hinstarrendes altes Paar. Die Menschen nehmen sich gegenseitig nicht mehr wahr, sie werden nur noch durch die Fotografien wahrgenommen. Durch die in der Nachbearbeitung erzeugte Überbelichtung werden die Bildhintergründe in grelles Weiß getaucht, was das Alleinsein, die Abkapselung der Individuen noch unterstreicht.

Menschenleer ist das dritte Kapitel mit dem Titel "Pylons". Klassische Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen das Gewirr von Telefon- und Stromkabeln, dass sich entlang der Wände und Masten in die Höhe schlängelt und sich über die Dächer der Stadt spannt. Sie symbolisieren den ungeheuren Energiebedarf einer der größten Metropolen der Welt. Zugleich zeigen sie aber, wie marode das Versorgungssystem ist. Gehalten wird das alles nur durch Pylons, die Strommasten. Es sind düstere, auf Endzeit hindeutende Aufnahmen. Nach Fukushima können sie als Warnung dienen.

Bei aller Vernetzung und Verkabelung, bei aller Einbindung in die Masse wird die "Universalität unserer ganz persönlichen Einsamkeit" aufgezeigt, meint der Galerist. Die Ausstellung bietet schwere, allerdings sehenswerte Kost. Die Fotos regen zum Nachdenken an. Vorsicht: Wir könnten uns selbst erkennen.

Bis zum 3. September in der Micheko Galerie, Theresienstraße 18 in München, Di-Fr. 14-19 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht am: 05.07.2011

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