Es geht nicht um Kunst, aber um Kultur! Ein vorbildliches Projekt für Kinder bringt Schmetterlinge zum Lächeln

von Achim Manthey

Zeichnungen mit Tintenkiller auf Tintenhintergrund (Foto: Achim Manthey)

In der Ausstellung "Kreatives Klassenzimmer" zeigt die Little Art Galerie in München Arbeiten aus einem integrativen Kulturprojekt für Kinder mit besonderem Förderbedarf.

In München leben Kinder, die noch nie am Marienplatz waren oder am Stachus. Ihr Lebensraum beschränkt sich auf ihre Straße, die Wohnung der Eltern, die Schule. Häusliche Gewalt, Migrationshintergründe sind häufig Ursachen für Verhaltensstörungen. Sprachhemmungen, Hyperaktivität und Agressivität. Um diese  Kinder kümmert sich im Münchner Norden das Sozialpädagogische Zentrum München Nord-Ost.

Seit einem Jahr läuft dort das Projekt "Das kreative Klassenzimmer", an dem der Verein Little Art aktiv mitwirkt. Mit Pinseln und Malerrollen, mit Leinwand, Malpappen und Zeichenfolien für Blinde, vor allem aber mit vielen Farben gehen Elena Janker und ihre Helfer in die erste Klasse des Zentrums. Zwei Mal im Monat für jeweils drei Stunden arbeiten sie mit den Sechs- und Siebenjährigen, versuchen, im laufenden Schulbetrieb einen Freiraum für die Kinder zu schaffen, der Teil des Unterrichts bleibt und doch über ihn hinausgeht. Mit verblüffendem Erfolg.

Herivan "Schöne Blumen" (Foto: Achim Manthey)

Lisa (Name geändert) ist eine ganz Stille, schüchtern, fast sprachlos. Zuerst malt sie sich als winzigen Punkt auf das Papier. Zeichen ihres fehlenden Selbstvertrauens. Aber mit der Zeit, mit jedem Bild erzählt sie mehr, öffnet sich, beginnt zu reden und entwickelt Selbstvertrauen. Oder Karlchen (Name geändert), ein hyperaktiver Egoist, der nur "ich will, ich will, ich will..." kennt. Durch den Umgang mit Malerrolle und Farbe lernt er mit der Zeit, dass er nicht alles überrollen kann, anderen Menschen Raum lassen, ihnen zusehen und zuhören muss. "Der Prozess des Malens ist mehr als eine Abbildung - Verhaltensweisen werden verändert, Beziehungen zwischen den Kindern und mit sich selbst neu geformt. Es entsteht ein einfühlsames Miteinander", sagt Elene Janker, Initiatorin von Little Art. Es ist ein hartes Stück Arbeit und ein langer Weg, die Kinder aus ihren Verkrustungen herauszuholen.

Kulturelle Bildung ist das Stichwort. Erst kürzlich hat sich die Enquetekommission Kultur des Deutschen Bundestages einstimmig dazu bekannt. "Durch kulturelle Bildung werden grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, die für die Persönlichkeitsentwicklung des jungen Menschen, die emotionale Stabilität, Selbstverwirklichung und Identitätsfindung von zentraler Bedeutung sind", heißt es in dem Beschluss.

Elena Janker und Stadtrat Haimo Liebich bei der Ausstellungseröffnung (Foto: Achim Manthey)

Zu Recht wies der Münchner Stadtrat Haimo Liebich bei der Ausstellungseröffnung darauf hin auf die Kluft hin, die weiterhin zwischen Theorie und Praxis besteht. "Kulturelle Bildung ist zuerst Selbstbildung, Persönlichkeitsbildung und nicht Bildung zu anderen, übergeordneten Zwecken, so nützlich diese sein mögen", meint Liebich. Und weiter: "Zu den Erfolgsfaktoren kultureller Bildung gehört, dass diejenigen, die einmal wertgeschätzt, also gesehen worden sind, nicht mehr übersehen werden können." Das alles ist theoretisch anerkannt. Immer noch fehlt es an Reichweite, Ausgewogenheit, Zukunftssicherung und Abstimmung zwischen den Institutionen. Erforderliche Bildungspartnerschaften, die in anderen Bundesländern inzwischen Standard sind, fehlen in Bayern weiterhin, obwohl der bayerische Kultusminister Spänle als derzeit Vorsitzender der Kultusministerkonferenz die Bedeutung des Projekts "Kulturelle Bildung" kennt, erklärt Haimo Liebich. In einem Appell an den Stadtrat wies Elena Janker auf die bestehenden bürokratischen Hürden hin, um an die Mittel aus vorhandenen Fördertöpfen zu kommen. Da sei es einfacher, private Sponsoren zu finden.

Die Ausstellung in der Little Art Galerie zeigt Bilder, die im vergangenen Jahr von den Kinder im Rahmen des Projekts entstanden sind. Radija hat eine "Regenbogenwelt" gemalt, Heriva "Schöne Blumen". "Welche Farbe hat die Zukunft?", fragt Maria. Überhaupt: die Sprüche und Fragen der Kinder. "Wir können einen Engel malen", "Können Schmetterlinge lächeln?" oder "Frieden fühlt sich nach Mama an". Allein sie zeigen den Erfolg des Projekts. Es wird in den nächsten Klassen fortgesetzt.

Natürlich ist es keine Kunst, die in der Ausstellung gezeigt wird. Aber es ist Kultur. Lebenskultur durch das Engagement für die Kleinen, die es brauchen und verdient haben.

Bis 30. Juli in der Little Art Galerie, Amalienstraße 41/Rückgebäude in München, Mo-Fr 10-17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Die Galerie hat Bilder von Kindern aus dem Projekt zur Verfügung gestellt. Zu deren Schutz und zur Wahrung ihrer Persönlichkeitsrechte sehen wir von einer Veröffentlichung ab.

Veröffentlicht am: 12.07.2011

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Dorfkramer
26.07.2011 06:49 Uhr

Diese kleinen Aktionen sind es, die gesellschaftlich wertvoll sind.

Schade nur, dass es nur für angeblich benachteiligte Kinder gemacht wird.

Die Münchner "normalen" Ober- und Mittelschichtkinder wachsen ohne entsprechende kulturelle Begleitung auf und somit kommt es zu Ergebnissen wie Arnulfparksilos oder der unsäglichen Stadtkulturvernichtung durch Urbanauten und Co.

Die wichtigste Schulform ist die Grundschule.

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