Am Anfang wars ein Zündholzschachterl - Giesinger Ausstellung dokumentiert 100 Jahre Grünwalder Stadion

von Achim Manthey

Stadion an der Grünwalder Straße, Westkurve, 1960er Jahre (Foto: Rudolf Ortner)

Giesinger Höhen, Sechzger Höhen und Tiefen: Eine kleine Ausstellung im Alten Giesinger Bahnhof in München zeigt die Bau- und Architekturgeschichte des Stadions an der Grünwalder Straße von 1911 bis heute.

55 : 45 ging es aus zwischen München und Berlin, damals an diesem 21. Mai 1911. Nein, nein, Fußball nicht, auch nicht Handball. Ein Leichtathletik-Städtekampf - so nannte man das damals noch - eröffnete dieses Feld, auf dem fürderhin Sport betrieben werden sollte. Vorläufer des Stadions, das von Einheimischen "Grünwalder Stadion", von Eingeweihten schlicht "Grünwalder" und von den Weiß-Blauen, was die meisten in Giesing sind, das "Sechzger-Stadion" genannt wird. Highlight des Platzes war die Sitztribüne, eine überdachte Holzkonstruktion, die im Volksmund sehr valentinesk schnell den Spitznamen "Zündholzschachterl" weg hatte. 1922 kaufte der TSV 1860 das Gelände, das nun zum "1860-Platz" wurde. Das Zündholzschachterl wich 1925/26 einer überdachten Sitztribüne mit 1400 Sitzplätzen und gegenüber, im Bereich der heutigen Gegengeraden, wurde die berühmten Stehhalle errichtet, in der bis zu 20000 Menschen Platz fanden. Der erfolgreiche Bau spiegelte sich in den ersten Spielergebnissen nicht wider: Bei der Wiedereröffnung des umgebauten Stadions am 10. Oktober 1926 kassierten die Sechzger im Spiel gegen den VfR Fürth eine 2 : 4-Klatsche und das erste Länderspiel dort verlor Deutschland am 12. Dezember 1926 gegen die Schweiz mit 2 : 3. Mit "weißen Brasilianern" hatte das alles offenbar nur wenig zu tun.

Viele neue Namen und Zerstörung

So hieß es dann schließlich (Foto: Achim Manthey)

Wechselvoll ging es weiter. 1927 wird das Stadion nach dem damaligen Sechzger-Präsidenten umbenannt in "Heinrich-Zisch-Stadion", eine frühe Form von Personenkult. Das hielt zehn Jahre. Finanzielle Probleme waren dem Verein auch damals schon nicht fremd. 1937 gab die Stadt München den Scheich und kaufte das Stadion für 357560 Reichsmark. Nazi-Zeit: vermeindlich verdiente Parteigänger mussten geehrt werden, und so erhielt das Stadion 1941 den martialischen Namen "Städt. Hanns-Braun-Kampfbahn". Aber auch das währte nicht lange. In den Bombennächten vom 7. September und 2. Oktober 1943 wurde das Stadion zerstört. Zwar wurde schon 1945 der Spielbetrieb in der notdürftig hergestellten Arena wieder aufgenommen, die nun den bis heute gültigen Namen "Städtisches Stadion an der Grünwalder Straße" trug. Aber es blieb trotz kosmetischer Wiederaufbauarbeiten, die nur notdürftig den Anforderungen des aufkeimenden Wirtschaftswunders folgen konnten, ein Provisorium. Es musste etwas geschehen.

Dann kam Rudolf Ortner

Und es wurde Licht (Foto: Achim Manthey)

Und es geschah etwas. Der Ausbau des Stadions ist geprägt vom Schaffen des Bauhaus-Schülers und Architekten Rudolf Ortner. Er wird 1912 in Nürnberg geboren, studiert 1932/33 am Bauhaus in Dessau und Berlin bei Ludwig Mies van der Rohe, anschließend Architektur an der Hochschule für Baukunst und bildende Kunst und Weimar. 1951 geht er nach München, wo er als freischaffender Architekt und Spezialist für Sportstättenbau tätig ist. Das Grünwalder Stadion wird in den Jahren von 1958 bis 1961 nach seinen Entwürfen und unter seiner Leitung um die Ost- und Westkurve sowie um die Flutlichtanlage erweitert. Ortner ist nach Schließung seines Architekturbüros 1977 bis zu seinem Tod 1997 als Maler und Fotograf unterwegs.

Viel tat sich im Sport in den folgenden Jahren. Die Roten spielten dort und es bleib die Heimat der Blauen, die sogar und heute kaum noch vorstellbar in der Spielzeit 1965/66 mal Meister wurden mit König Radi. Ein Brand 1971 und ein Sturmschaden 1972 machten weitere Arbeiten erforderlich. Nach 1972 geriet das Stadion in den Schatten des neu errichteten Olympiastadions. Der FC Bayern verlegte seine Spiele schon sehr bald in die neue Arena, die Löwen blieben noch bis 1974. 1978/79 wurde die Stehhalle abgerissen und die Gegengerade mit 4700 Sitzplätzen neu gebaut.

Großer Fußball findet im Grünwalder schon lange nicht mehr statt. Die Roten und die Blauen sind nach Fröttmaning abgewandert, das alte Stadion wird derzeit von den zweiten und dritten Mannschaften genutzt und ist mit etwa 80 Spielen pro Jahr immer noch das am meisten genutzte Stadion Deutschlands. Ein trauriges Dasein führt das Bauwerk, das einmal zu den modernsten und größten des Landes zählte, gleichwohl. Immerhin: 2009 beschloß der Stadtrat, umfassende Umbaumaßnahmen durchzuführen, die bis 2014 abgeschlossen  und den Bestand der Spielstätte bis 2025 sichern sollen.

Die Bräuche wurden strenger (Foto: Achim Manthey)

Die Ausstellung im Alten Giesinger Bahnhof zeigt mit Plänen, Texten, Fotos, alten Schildern und anderen Exponaten eine fröhliche Schau über die Geschichte dieser Münchner Institution. Dass ein Teil der Ausstellung dem späten malerischen und fotografischen Schaffens Rudolf Ortners gewidmet ist, mag gerade noch als Hommage an denjenigen, der das Stadion für die Neuzeit fit gemacht hat, durchgehen.

"Das Stadion an der Grünwalder Straße ist ... eine Antiquität, ein Relikt aus vollkommen anderen Zeiten. Und seine Existenz ist städteplanerischer Irrsinn und logischerweise eine ungeheure Provokation und Zumutung für wichtige Leute und soziale Entscheidungsträger, die darauf schauen müssen, dass der Kapitalismus munter weiterbrennt, weil sonst ... na ja, was auch immer", schreibt der Münchner Autor Michael Sailer in seinem Grußwort zur Ausstellung. Unrecht hat er nicht. Der Kulturvollzug bringt Sailers Eloge in einem gesonderten Beitrag.

Die Ausstellung ist bis zum 8. September 2011 im Alten Giesinger Bahnhof in München Di. und Do. 17-20 Uhr, Fr. 14-17 Uhr, Sa. u. So. 11-15 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Berichtigt am 23. August 2011, 11.45 Uhr: Bei Hanns Braun (1886 bis 1918), nach dem das Stadion 1941 benannt wurde, handelte es sich nicht um eine Nazi-Größe, sondern um den Münchner Leichtathleten, der 1908 und 1912 erfolgreich an Olympischen Spielen teilgenommen hatte. Nach ihm ist auch die Hanns-Braun-Brücke im Münchner Olympiapark benannt. Vielen Dank an Roman Beer für den Hinweis. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen (ama)

Veröffentlicht am: 19.08.2011

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Ortner-Bach
02.10.2011 13:14 Uhr

Sehr geehrter Herr Manthey,

ich komme erst jetzt dazu Ihren wegen des Artikels zum Sechzger Stadion zu schreiben. Mir gefällt er sehr gut - vielen Dank. Können Sie mir den Artikel digital schicken dann kann ich ihn, wenn Sie das erlauben, in meine Dokumentation hineinnehmen.

Mit freundlichen Grüßen

M. Ortner-Bach

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