Sommertheater (Folge zwei): Impro im Theater …und so fort – Haare, Haare Krishna

von Barbara Teichelmann

Impro-Sitcom live aus Schwabing: „Naschen, fegen, tönen“ mit Roland Trescher, Birgit Linner, Tina Schmiedel, Andreas Brönner und Stefanie Mendoni. Foto: Vreni Oleksyn

Ihre Laune hängt lustlos an ihnen herunter, die Tage sind gespalten und dünn, die Nächte glanzlos und am Ansatz schon leicht grau? Ein guter Zeitpunkt sich ein paar Lockenwickler ins Leben drehen zu lassen: „Naschen, fegen, tönen“ ist die mittlerweile zweite Live-Sitcom von „Isar 148“, der alteingesessenen und mehrfach ausgezeichneten Münchner Impro-Truppe. Schauplatz ist ein Frisörsalon irgendwo im schönen Schwabing, mittendrin im Schickimicki, wo der Prosecco schäumt und der Wahnsinn tobt.

Anfang August hatte die Sitcom Premiere, die Handlung ist also schon fortgeschritten, was aber egal ist, weil es sich nicht um eine Daily Soap handelt, was wiederum bedeutet, dass es nicht weiter tragisch ist, wenn man nicht genau weiß, ob der Willi früher mal was mit der Uschi gehabt hat. Jede Folge ist eine neue, für sich funktionierende Geschichte, Quereinsteigen jederzeit möglich und erwünscht. Also auf ins Theater, ein bisschen frische Farbe am Ansatz schadet nie.

Und weil es plötzlich doch noch Sommer geworden ist, setzt man sich aufs Radl, der warme Fahrtwind streicht die Beine entlang und greift in die Frisur. Im Vorübersausen hört man Prosecco und Gelächter gen Himmel perlen, aus den Straßencafes summt und brummt es verheißungsvoll. Und wenn man nicht aufpasst an so einem Abend, wird man leicht selbst ein bisschen brummig und sumst beleidigt vor sich hin, warum man ausgerechnet heute in ein Theater hinein muss. Aber es hilft ja nix, und außerdem kann man auch im Theater gekühlte und kohlensäurehaltige Getränke zu sich nehmen – im Theater …und so fort zum Beispiel darf man das nicht nur in der Pause, sondern auch während der Vorstellung. Das heißt, während auf der Bühne die Proseccokorken ploppen, und das tun sie ziemlich häufig, sitzt das Publikum nicht auf dem Trockenen. Das ist fair und wahrscheinlich auch ein Grund, warum so viele gekommen sind: unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Frisuren, im Durchschnitt aber noch deutlich vor der Midlife- und Frisurencrisis. Im Hintergrund läuft tatsächlich „Sommer in der Stadt“ und wer mag, kann sich jetzt ziemlich münchnerisch fühlen mit seinem Bier- oder Proseccoglas  in der Hand. Wem das zu blöd ist, der hört halt weg.

„Die Gescheitelten sind gescheiter…Haare, Haare Krishna…der Monopterus ist schuld… der Frisörsalon ist Kult“, der musikalische Auftakt, die Erkennungsmelodie der Sitcom ist frech, funky und macht Lust auf alles, was da kommen wird, und es kommt knüppeldick: Als die Rita, die Besitzerin des Frisörsalons, sich am Morgen über die vergessenen Haargummis der Kundinnen aufregt, ahnt noch keiner, am wenigsten der Paketfahrer Willi, dass am Ende des Tages heiße Tränen in ihren Prosecco tropfen werden. Jaja. Und alles nur weil die blonde Maxi, also die, der die schicke Boutique nebenan gehört, ihren Mann gesucht hat und vor lauter Aufregung mit dem Boxter in den Starnbergersee hineingefahren ist, und alle haben gelacht, nur die Rita nicht, die hat einen schlimmen Schluckauf gehabt, und deshalb haben alle gedacht, dass die Rita auch lacht, und das, obwohl sie doch mit der Maxi  schon so lange befreundet ist und das wär dann ja mal echt hundsgemein gewesen, und deshalb hat die Uschi, also die Hippie-Tante, der des Haus gehört, wo der Salon und die Boutique drin sind, gesagt, dass sie eh findet, dass die Rita ziemlich hintenrum ist und es nicht anders verdient, wenn man ihr das mal, und zwar mit aller Härte, zu verstehen gibt, daraufhin hat dann der Michi, der ist Frisör, erst so richtig gemerkt, wie ihn die Rita schon seit langem ausnutzt, und der Willi hat keine Lust mehr gehabt, jemandem Päckchen zu liefern, der so hinterfotzig ist und die beste Freundin auslacht, bloß weil die mit dem Boxter in den Starnberger… Und auf einmal hat keiner mehr mit der Rita geredet und die sich gar nicht mehr ausgekannt und davon nur noch mehr Schluckauf bekommen. Schwabinger Hinterhoftragik vom Feinsten.

Natürlich geht am Ende alles gut raus, und es gibt Versöhnungsbussis und -prosecco, aber wie das alles so kommt, wie sich der Abend langsam entwickelt, und sich dann mit zunehmendem Tempo verwickelt und verknotet, wie eine echt fiese Haarfilze, das ist sehr, sehr lustig. Natürlich rumpelt die Handlung ab und an ein bisschen, und die Charaktere sind eher grob geschnitzt als fein gezeichnet – aber wie die Story nonchalant vom albernen Murks ins absurd Wahnhafte kippt, um schließlich auf dem Rücken liegen zu bleiben und vergnügt mit den Beinen zu strampeln, das ist wunderbar. Was vor allem daran liegt, dass die Schauspieler – Tina Schmiedel ist Rita, die Salonchefin; Andres Brönner ist Michi, der Frisör; Roland Trescher ist Willi, der Paketmann; Stefanie Mendoni ist Maxi, die Boutiquenchefin – Impro-Profis sind und einfach alles richtig machen: Sie wissen wann die Handlung eine neue Farbe vertragen kann, wann gelacht, geweint, oder geschwiegen werden muss, wann ein dummes Gesicht mehr sagt als tausend Worte oder wann mal wieder eine neue Flasche Prosecco fällig ist.

Man kann Impro-Theater grundsätzlich ablehnen, supertoll finden, oder irgendwas dazwischen, und für jede dieser Positionen wird es gute Gründe geben, aber „Naschen, fegen, tönen“ muss man lieben. Es sei denn, man hat seinen Kopf nur zum Haaretragen. Was schade wäre, denn wohin soll dann der Prosecco steigen?

Die nächste Folge der Live-Sitcom "Naschen, fegen, tönen" läuft am 11. September im Theater…und so fort.

Veröffentlicht am: 24.08.2011

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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