„Wir infizieren selbst gestandene Mannsbilder“: Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin Bettina Wagner-Bergelt zum Auftakt von "Dance 2010" über Nacktfoto-Skandale, das Aushalten des Fremden und die neue Emotionalität im Tanz

von Michael Grill

Ein hoher weißer Raum im Ballettgebäude der Staatsoper am Platzl, fast direkt am Hofbräuhaus. Klassische Musik schwebt durch die Luft, eine Kindergruppe beendet ihre Übungsstunde. Zwei Stühle mit Blick aus dem riesigen Fenster auf Touristen und Geschäftsleute drunten auf dem Münchner Pflaster. Die Chefin wirkt entspannt und neugierig. Dance 2010 ist für Bettina Wagner-Bergelt, die die Veranstaltung 1987 aus der Taufe hob und auch 2008 kuratierte, das letzte Festival als künstlerische Leiterin.

Bettina Wagner-Bergelt im Gespräch mit dem Kulturvollzug. Foto: Michael Grill

Frau Wagner-Bergelt, Tanz sorgt für Aufregung, allerdings ungewollt: Die Tänzerin Karina Sarkissova wurde vom Wiener Staatsballett wegen Nacktfotos gefeuert. Ist es symptomatisch, dass der Tanz nur über das Thema Sex in die Schlagzeilen kommt?

Bettina Wagner-Bergelt: Das wäre mir neu. Der Vorgang in Wien ist ein ziemlich einmaliges Phänomen, ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals so ein Problem hatten. Ich finde die Reaktion mit dem Rauswurf etwas eigenartig, eine Überreaktion. Schlagzeilen dieser Art bringen uns aber natürlich keine wirkliche Diskussion über Inhalte.

Normalerweise wird ja der moderne Tanz aus konservativen Kreisen eher selbst angegriffen, weil dort zu viel nackte Haut zu sehen sei.

Ja, es ist ein merkwürdiges Phänomen, dass das auf der Bühne immer noch ein Skandalon sein kann. Das gibt es in keinem anderen Medium mehr, beim Film würde man gar nicht auf die Idee kommen. Auf der Bühne aber empört man sich immer noch über Nacktszenen. Das muss an der Unmittelbarkeit des Erlebnisses liegen. Offenbar greift es manchen in der eigenen Identität immer noch am stärksten an, was man physisch auf der Bühne direkt erlebt.

Es ist ja gerade eine Stärke der Bühne, dass ihre Unmittelbarkeit von keinem anderen Medium übertroffen wird.

Absolut. Von der Kraft dieser physischen Präsenz bin ich überzeugt. Tanz findet immer live und auf der Bühne statt. Dadurch kann er sich unmittelbarer als andere Medien ausdrücken. Sogar unmittelbarer als es die Sprache kann. Umgekehrt sollte man aber nicht davon ausgehen, dass eine Verständigung über Tanz leichter wäre, weil er meist ohne Sprache auskommt.

In Großbritannien hat die Regierung einen Tanz-Beauftragten installiert. Der wird zwar viel belächelt, soll aber Tanz auch im Sinne der Gesundheitsvorsorge befördern. Kann Tanz von so etwas auch als Kunstform profitieren?

Ich denke schon, auch das fördert das Verständnis. Das merken wir immer dann, wenn wir an Maßnahmen für mehr ästhetische Bildung ergreifen. Alle, die beim Tanz mal Feuer gefangen haben, kommen davon nicht mehr los. Wir sind da wie die Rattenfänger. Selbst gestandene Mannsbilder, die noch nie zuvor ein Ballett gesehen haben, sind nach zwei Stunden im Studio in der Regel infiziert. Und ein breites Verständnis ist wichtig, weil gerade der klassische Tanz lange eine hermetisch abgeschlossene Welt für Spezialisten gewesen ist. Da blieben viele nur außen vor und sagten: Davon verstehe ich einfach nichts.

Richard Siegal. Foto: Hillary Goidell

Auch beim Rattenfänger muss man ihn ja mindestens einmal gehört haben, den Klang der Flöte...

Genau! Erst wenn man sich drauf eingelassen hat, kann man verführt werden. England war auch ein Vorreiter bei der Koppelung staatlicher Unterstützung an breitere Aufgaben für die Theater, also etwa die Förderung ästhetischer Bildung oder Community-Dance. Inzwischen weiß man, wie wichtig das ist.

Das Privatfernsehen hat inzwischen Dance-Shows für sich entdeckt. Und der moderne Tanz selbst scheint wieder emotionaler, sinnlicher werden zu wollen und konzentriert sich weniger aufs Theoretische. Steht dahinter ein inhaltlicher Trend?

Es gibt hier in der Tat eine Art Wellenbewegung. Zwar gerät der Tanz als Kunstform in Gefahr, wenn man nur noch schöne Bewegungen sieht und kein Interesse mehr am Inhalt hat. Diese Tendenz gibt es stellenweise. In den letzten Jahren habe ich aber mit großer Genugtuung festgestellt, das der Tanz ebenso eine neue Wissenschaftlichkeit bekommen hat. Sehr viele Wissenschaftler, auch aus anderen Disziplinen, beschäftigen sich mit ihm. International entstand der sogenannte Konzept-Tanz, der zum ersten Mal in dieser Radikalität untersuchte, was wir da eigentlich tun auf der Bühne: Wo sind wir dort? Was machen wir mit dem Körper? Was reflektiert eine Bewegung auf der Bühne von der Außenwelt? Diese Experimente waren eine ein ganz wichtige Phase, aber fürs Publikum oft auch hartes Brot, wenn es wenig sinnlich und sehr theoretisch geriet. Zwar kann diese intellektuelle Ebene auch viel Spaß machen, aber das normale Publikum kam zu kurz. Inzwischen hat es hier eine Sättigung gegeben und die Dinge kommen wieder ins Lot. Befördert wird diese jüngste Entwicklung auch durch die immer stärker werdenden interkulturellen Aspekte im Tanz. Unser Festival hat mit diesem Thema sehr viel zu tun, da gibt es tolle Impulse. Wieder sehr viel sinnlicheren Tanz zu sehen, ist ein schöner, neuer Ansporn. Ich sehe es für mich so, dass letztlich keine Seite vernachlässigt werden darf. Ich habe am Tanz immer am meisten Spaß, wenn er mit Kopf und Bauch gemacht wird.

Halten Sie es für möglich, dass Tanz aus der Rolle des Spartenprogramms herauskommen kann?

Ich glaube schon. Es gab wunderbar Erfolge in den letzten Jahren, etwa mit der Initiative Tanzplan und dem Film „Rhythm Is It!“. Das lässt hoffen. Es gibt eine große Diskussion, was Tanz für Kinder und Jugendliche bedeuten kann. Und aktuell arbeite ich an einer Studie über Tanz und Demenz. Sie sehen, Tanz öffnet sich für eine neue Bedeutungen. Womöglich kann er wieder zu einer Art Volksbewegung werden, wie das in den 70er Jahren schon einmal der Fall war.

Ist Tanz für die Menschen in Krisenzeiten attraktiver?

Das könnte sein. Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht.Wie kommen Sie darauf?

Sie sprachen die Erfolge in den 70ern an. Auch die waren eine Zeit der Verunsicherung, der Umbrüche, der harten gesellschaftlichen Auseinandersetzung – wie heute.

Louise Lecavalier. Foto: André Cornellier

Die Faszination am Tanz kommt unter anderem daher, dass er eine Erweiterung des eigenen Körpers bedeutet – wenn man selbst tanzt, aber auch wenn man zuschaut. Man weiß inzwischen, dass das Gehirn eines Zuschauers die gesehenen Bewegungen so nachvollzieht wie das Gehirn des Tänzers, der die Bewegung tatsächlich ausführt. Diese Identifikation finde ich auch deshalb interessant, weil der Tanz uns auf diese Weise über unsere eigene physische Begrenztheit hinausträgt. Und das wie auch die emotionale Ebene könnten für Menschen in Krisenzeiten tatsächlich besonders spannend sein. Darüber hinaus ist Tanz aber auch ein menschliches Grundbedürfnis. Wir werden von Kindesbeinen an auf bestimmte choreografische Muster trainiert: Damit ich keinen anremple auf der Straße, dass ich bestimmte Gesten benutze und so weiter. Es gibt tausende Bewegungsmuster, die wir unser Leben lang verwenden. Tanz schärft das Bewusstsein dafür und zeigt Wege auf, darüber hinaus zu wachsen.

2008 war das Motto des Festivals „Gegenwelten“, heuer lautet es „Timecodes“. Gibt es eine Linie zwischen beiden?

Die gibt es. „Gegenwelten“ war fokussiert auf die Seite der künstlerischen Produktion. Ich wollte wissen: Gibt es Gegenwelten und wie sehen die aus? Sehen die Künstler ihr Schaffen in einer Gegenwelt? - Und dieses Mal geht es hinüber auf die Rezeptionsseite: Was sehen wir eigentlich, wenn wir Kunst sehen? Wie sehen wir sie, mit welchen Kriterien, was ist uns dabei wichtig? Und wie entsteht bei der Beurteilung des Gesehenen ein Konsens? Wie verständigen wir uns darüber? Das sind Fragestellungen mit ästhetischen Aspekten – aber auch mit politischen: Was darf im Tanz vorkommen? Was soll Thema sein? Das ist nicht zwingend wieder eine theoretische Sache, es geht immer um Gefühl und Gedanken. Erst beides zusammen haut einen um.

Der Münchner Kulturreferent Hans-Georg Küppers sieht das aktuellen Dance-Motto „Timecodes“ im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit anderen kulturellen Identitäten: Wie viel Fremdheit kann der Einzelne aushalten? Und wie viel Fremdheit ist überlebensnotwendig?

Ich finde, wir dürfen das Thema nicht mit einer romantischen Verklärung des Fremden abtun. Nach dem Motto: Das geht schon irgendwie. Es gibt viele Konfrontationen, an denen wir arbeiten müssen. Auf der anderen Seite ist Fremdheit auch eine riesige Chance: Wir werden mit so vielen neuen Welten konfrontiert... Wenn wir die Angst vor dem eigenen Identitätsverlust und vor der Grenzüberschreitung verlieren, dann eröffnen sich große Möglichkeiten zur Erweiterung des Horizonts. Es gibt viele Arten zu leben, unsere ist nicht die einzige. Ich kenne das von einem afrikanischen Freund aus dem Senegal. Der sagt immer: Mach Dir keine Sorgen, wir haben ganz viel afrikanische Zeit. Ein herrlich beruhigender Satz, und ein wunderbares Thema.

Es gibt sieben Uraufführungen – welche Rolle spielt Dance 2010 im internationalen Kontext?

Es gibt nun mal eine Festivaltradition seit 30 Jahren, die – als Insiderin muss man das sagen dürfen – zu einem Teil darin besteht, dass die Stars zwischen den einzelnen Veranstaltern hin- und hergeschoben werden. Das haben wir in München auch lange gemacht, das ist in Ordnung. Aber dieses Jahr habe ich versucht, uns da mal auszuklinken. Es ist schließlich mein letztes Festival als Leiterin. Ich will, dass wir als Festival auch mal bereit sind, Risiken einzugehen. Dazu gehören natürlich immer Uraufführungen. Richard Siegal wurde lange als Geheimtipp gehandelt – aber es ist nicht ohne Wagnis, mit einer Uraufführung von ihm das Festival zu eröffnen. Das kann toll werden, aber auch fürchterlich scheitern. Das Münchner Festival hat inzwischen einen solchen Stellenwert erreicht, dass es sich leisten kann, auch noch weniger bekannten Künstlern ein Forum zu bieten. Die Resonanz, die ich bislang für dieses Konzept auch überregional bekomme, ist sehr stark. Meine Hoffnung ist, dass es abfärbt auf die ganz jungen Teilnehmer, von denen viele aus München kommen.

Janez Jansa. Foto: Tone Stojko

Fühlten Sie sich dieses Mal freier bei der Konzeption des Festivals?

Auf jeden Fall fühlte ich mich freier als bei den ersten Malen, als es noch darum ging das Festival zu etablieren. Damals musste man erstmal Eindruck machen. Da war es mir wichtig, jemanden wie Forsythe tatsächlich herzubekommen. Heute, nach mehr als 20 Jahren, bin ich in der Hinsicht natürlich unabhängiger. Ich will ein Programm machen, zu dem ich wirklich stehen kann, auch mit der Gefahr des Scheiterns.

Der Künstler Raimund Hoghe stellt die Frage: „Wie politisch kann ein Körper sein?“ Auch mit Blick auf die neue Demonstrationslust der Deutschen – ist das für den Tanz ein Weg in die Zukunft?

Ganz bestimmt. In Frankreich ist Hoghe bereits ein richtiger Star. Mir ist er besonders wichtig, weil sein Thema – der Tanz mit einem behinderten, also nicht-konformen Körper – in Deutschland wegen unserer faschistischen Vergangenheit so schwer zu diskutieren ist. Deutschland ist ein Land, dass sich zwar sehr um Integrationsförderung bemüht, aber die tatsächliche Integration bleibt schwierig. Das geht auch über auf die Arbeit von Hoghe. Er sieht sich nicht als Behinderter, aber da sein Körper so anders ist und im Tanz eine absolute Ausnahme darstellt, beschäftigt er sich sehr stark mit diesen Phänomenen. Er will aber auf keinen Fall in die Ecke des Behindertentheaters gedrängt werden.

Das wäre eine andere Art von politischer Ästhetik.

Hoghe geht von der Identifikation des Zuschauers aus. Es gibt die Theorie, dass die Zuschauer beim Tanz sich deshalb so stark mit den normalerweise perfekten Körpern auf der Bühne identifizieren, weil sie sich selbst dann so sehen. Wenn plötzlich jemand auf der Bühne diesem Ideal nicht entspricht, entsteht da natürlich ein Bruch. Das setzt etwas in Gang, einen Wahrnehmungsprozess, über den wir nachdenken müssen. Darüber hinaus ist Hoghe auch ein unglaublich reflektierter Mensch, der nicht nur den Körper, sondern den ganzen Menschen im Blick hat.

Sehen Sie Tanz auch als Gegenwelt zur Virtualisierung?

Ja, da gibt es ein neues Spannungsfeld, das gerade in der Wissenschaft diskutiert wird. Aktuell auch ein Thema etwa bei Richard Siegal. Körper verschwinden in virtuellen Welten, damit aus unserem Bewusstsein und wohl auch aus der politischen Diskussion.

Déjà donné. Foto: Leonardo Fiorini

Die Tanztheater-Ikone Pina Bausch starb 2009. Schwebt ihr Geist weiterhin über der Szene?

Pina Bausch hat zu Recht jedermanns Bewunderung gehabt. Sie hat dem Tanz Dimensionen eröffnet wie niemand sonst, außer vielleicht noch William Forsythe, der aber in einer ganz anderen Richtung. Pina Bausch hat den Menschen auf eine Art und Weise in den Blick genommen wie noch nie jemand zuvor. Wie groß der Schock über ihren Tod immer noch ist, merkt man auch daran, wie ungesichert die Existenz ihres Ensembles vorerst bleibt. Es hängt jetzt davon ab, ob ihre Arbeit weitergeführt wird in die Zukunft, oder ob sie zu einem Museum wird, zu etwas Abgeschlossenem, das mit ihrem Tod zu Ende ging. Ich hoffe sehr, dass es nicht zu letzterem kommt.

Was empfehlen Sie allen Neugierigen, die erstmals zum Dance-Festival kommen wollen?

Wer zum ersten Mal kommt, sollte unbedingt Les Slovaks gesehen haben, eine tolle Männertruppe, die eigentlich aus dem Volkstanz kommt. Bei denen fühlt man sich wie eingeladen zu einem großen Fest. Sie haben eine unglaubliche Lässigkeit und Leichtigkeit. Sie machen sehr viel Spaß, das ist als Einstieg wunderbar. Und auch Richard Siegals Uraufführung wird sehr schön werden. Er nennt es eine philosophische Party, in der es darum geht, wie heute noch Gemeinschaft hergestellt werden kann. Auch das hat einen spielerischen Charakter, den viele Leute lieben werden.

Veröffentlicht am: 22.10.2010

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