Freitagsgedanken (Folge 9): Das Bild macht die Musik...oder umgekehrt?

von Clara Fiedler

Beeinflussen uns Bilder beim Musikhören - oder umgekehrt? Foto: fie

Wann waren Sie zum letzten Mal zum Schmökern in einem CD-Geschäft? Im Zeitalter der mp3s klingt das, wie die Frage nach dem letzten Museumsbesuch. Ist auch so gemeint, denn so durch die Reihen zu spazieren und den Blick mal nach links, mal nach rechts schweifen zu lassen, ist manchmal wirklich, wie wenn man sich durch eine Ausstellung bewegt. Das Portrait einer hübschen Französin, wie sie einen über den Tisch hinweg spitzbübisch angrinst, ein paar Schritte weiter die Fotographie einer unendlich zarten Blume. Nächste Reihe: Ein Leichenberg und eine bleiche Frau im roten Kleid, die obenauf thront. Ein Sensenmann, der scheinbar die Knochenhand aus dem Bild streckt.

Nebenbei bemerkt: Ist es nicht schön, sich vorzustellen, was da alles passieren könnte, wenn diese ganzen CD-Cover des nachts lebendig würden. Beethoven flirtet mit Hélène Grimaud, während die Frau im roten Kleid naserümpfend von ihrem Leichenberg steigt, und die sich auf einem Sofa räkelnden Mariah Carey bittet, ein bisschen Platz für sie zu machen. Und so weiter. Die Frage, die sich hinter all dem stellt: Sind wir immer durch Bilder vorbelastet, wenn wir Musik hören?

Was bestimmt noch nicht ganz so lange her ist, ist der letzte Kinobesuch. Im Film treffen Bild und Musik in einer sehr interessanten Weise aufeinander. Ich kenne wenig junge Leute, die sich ein Symphonieorchester anhören, ohne dass „nebenher“ noch ein Harry Potter oder ein Herr der Ringe über die Leinwand flimmert. Sie hören sich das auch separat vom Film an, aber nur, um diese Phantasiewelten nachempfinden zu können. Eben, weil man Musik mit Bild verknüpft.

Ein CD-Cover ist in erster Linie ein Hinweis, aber nicht nur. Wird die Filmmusik zur Intensivierung der Bilder verwendet, passiert hier eine Art „Vorprägung“. Hören wir Elgars Cellokonzert von einer bestimmten CD, haben wir Sol Gabetta im Kopf. Ein anderes Mal vielleicht Jaqueline Du Pré. Möglicherweise kann man sich sogar so weit aus dem Fenster lehnen, zu sagen, so mancher Interpretationsunterschied sei aufgrund dessen interpretiert.

Ein Bild zu verwenden, das mit dem Interpreten erst einmal nichts zu tun hat, prägt vielleicht sogar in einer noch stärkeren Weise. Denn mit einem Portraitfoto kann man erst einmal nicht viel Verknüpfen. Mit einem Bild assoziiert man eine Stimmung und daraufhin persönliche Erlebnisse, auf die diese Stimmung passt. Es wird also das Prinzip Filmmusik umgekehrt und ein Bild verwendet, um die Musik zu intensivieren. Beides nimmt immer einen Umweg über die Persönlichkeit des Konsumenten.

Appelliert das alles an einen Fluchtimpuls? An den Wunsch, sich in eine Erinnerung oder Phantasie zu begeben? Und was passiert, wenn wir uns davon verabschieden? Wahrscheinlich das Gleiche, was passiert, wenn wir es schaffen, uns während eines Konflikts von unseren Erinnerungen, Prägungen und Meinungen zu verabschieden: Wir fangen an, das Gegenüber wahrzunehmen. In dem Fall den Interpreten. Weiter Weg bis dahin.

Was den CD-Laden betrifft, hat man hier sogar die Wahl, mit wem man in Kontakt tritt. Zumindest ich habe nach dem wunderschönen Bild mit der Fliege auf einer Tablettenkapsel nicht mehr ganz so das Bedürfnis, in das frisch erschienene „Red Hot Chili Peppers“-Album hineinzuhören. Aber wieso nicht? Setzen wir uns doch zwischen Mariah Carey und die Dame im roten Kleid aufs Sofa, entspannen uns und hören eine Runde „Red Hot Chili Peppers“. Mal sehen, was passiert.

Veröffentlicht am: 16.09.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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