Freitagsgedanken (Folge 10): Gehen zwei Blechbläser an einer Kneipe vorbei...

von Clara Fiedler

Message with a bottle (Foto: Achim Manthey)

Was wäre zu Wiesn-Zeiten treffender, als über Blasmusik zu schreiben. Nicht nur die Posaunisten sind am Zug, wenn es heißt „O’zapft is’“ Und da sind wir schon beim gängigen Vorurteil über Blechbläser: Laut, Unsensibel, Versoffen. Den ein oder anderen mag das kränken, aber ein Großteil der in diese Richtung aufnahmegewillten Bevölkerung glaubt immer noch an den kürzesten Musikerwitz aller Zeiten: Gehen zwei Blechbläser an einer Kneipe vorbei.

Aber woher kommt das? Trompete, Posaune, Horn, das sind alles Instrumente, die eine unheimliche Präzision verlangen. Ein ungenannter Trompeter ließ auf einer Jamsession einmal verlauten, die Saxophon-Kollegen seien doch „alle Blockflöter“. „Die müssen nur blasen und drücken, was soll das überhaupt“, war seine Meinung. Nimmt man den denunzierenden Unterton heraus, bleibt die Tatsache, dass es wahrscheinlich Instrumente gibt, auf denen man schneller Erfolge feiert, als auf einer Trompete. Gerade deswegen ist es schon verwunderlich, wie diese Vorurteile sich so festigen konnten.

Ein anderer Münchner Trompeter wurde einmal gefragt, wie er noch so perfekt spielen könne, wenn er betrunken ist. Seine Antwort: „Ich bin auch betrunken, wenn ich übe.“ Woraus man schließen konnte, dass das bei ihm ein Dauerzustand war.

Wie sieht es eigentlich mit dem Rest an Musikern aus? Na ja. Da sind die Gitarristen, die man dadurch verwirrt, dass man ihnen Noten vorlegt. Die Schlagzeuger, das sind die Typen, die immer mit Musikern rumhängen. Die Bassisten, die sich schon nach der ersten Unterrichtsstunde vor Gigs kaum retten können, weil sie außer A uns E sowieso nichts spielen müssen. Und natürlich der Bratscher, der das Konzept „Schöner Wohnen“ realisiert, indem er sein Instrument aus dem Fenster wirft. Die Tatsache, dass diese Witze immer pauschalisieren und gegen Eigenschaften gehen, die die Person am Instrument charakterisieren, wirft die Frage auf, warum man sich für ein bestimmtes Instrument entscheidet.

Dusko Gojkovic – seines Zeichens humorvoll, sensibel, Blechbläser – erzählt auf diese Frage hin, dass sie damals an der Musikschule sein Gehör testeten und beschlossen, der Junge solle Geige oder Cello lernen. Dusko aber hatte zuvor im Radio zu viel Roy Eldridge erwischt und schon bevor irgendjemand Saiten aufziehen konnte beschlossen, Trompeter zu werden.

Vielleicht ist das ein bisschen wie bei Harry Potter: Der Zauberstab sucht sich den Zauberer. Würde David Garrett zur Trompete greifen, bräuchte man aus Schock über den Blechschaden vielleicht ein Guinness, während er auf der Geige mit einem Guinnessrekord schockt. Es gibt wirklich Geschichten von Musikern, die sich jahrelang auf dem Klavier dahinquälen, plötzlich ein Saxophon in die Hand bekommen und dann Weltklassespieler werden.

Aus welchem früheren Leben die Affinität zu einer Trompete oder Geige stammt, sei dahingestellt. Aus welchem Leben die Affinität zur Buchhaltung, zum Journalismus, zum Putzen stammt auch. Eine Scheibe abschneiden kann man sich von den Blechbläsern, die die Wiesn beschallen, nüchtern und sensibel sind, und trotz Vorurteilen Spaß dran haben.

Veröffentlicht am: 23.09.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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