Neue Begegnung zwischen Gedanke und Tanz: Zur Uraufführung von Richard Siegals "©oPirates" in der Muffathalle

von kulturvollzug

Das Komplizierte kann am Ende einfach oder aber auch banal sein. Auf diesem schmalen Grad wurde Dance 2010 in der Münchner Muffathalle mit einem Format eröffnet, das normalerweise zum Rahmenprogramm eines Festivals gehört: mit einer Party. Nicht etwa von einem Party-Designer, sondern von dem Choreographen Richard Siegal, der derzeit Artist in Residence des Muffatwerks ist. Zunächst war dies ein selten undidaktischer und gelungener Versuch, die vierte Wand zwischen Bühne und Publikum unsichtbar zu machen.

Richard Siegal macht Party (hier bei dem Projekt "Homo Ludens"). Foto: Hillary Goidell

Wo sich die Grenze zwischen gecasteten Performern und Gästen befand, war schwer festzustellen - sie mäanderte sozusagen durch die Menge. Plötzlich war Bettina Wagner-Bergelt, die künstlerische Leiterin von Dance 2010, in einen Electric Slide verwickelt. Nur wer sehr genau hinschaute, konnte überhaupt erkennen, dass sie die Schritte als Partygast improvisierte. Die Jungs von der Piratenpartei um sie herum hatten als engagierte Performer dagegen kräftig geübt. Obwohl sie eigentlich alle Hände voll mit der Gründung eines Kreisverbands zu tun haben. Der neue Wahlkampf heißt Tanz – keine schlechte Losung.

Der Partytitel „©oPirates“ ist inzwischen so etwas wie ein Label mit eigener Netzpräsenz geworden, mit dem Siegal in den drei Jahren seiner Residenz arbeiten möchte. Mit Blick auf Wissens- und Ideentransfer-Netzwerke fragt er nach der Teilbarkeit der Inhalte sowie nach der Rolle des Körpers in diesen Wissens- und Dienstleistungsgemeinschaften.

Für die erste Runde, die er auch eine „philosophische Party“ nennt, hat der US-amerikanische Immigrant mit schlingensiefschem Sammlerinstinkt die gesellschaftlichen Kuriositätenkabinette der bayrischen Metropole durchstreift. Neben den Parteipiraten konnten auch noch d’Schwuhplattler (die homosexuelle Variante), der Attac-Chor München, die Green-City-Initiative, einige Parcour-Sportler und die Damen der ungarischen Folkloregruppe Regös zum Mitfeiern gebracht werden.

Außerdem sind drei ivorische Tänzer dabei, die er bei der Zusammenarbeit mit dem (momentan vollkommen unkritisch gefeierten) Regie-Team Gintersdorfer/Klaßen kennen gelernt hat. Zwei von ihnen werden im Programmheft debattenlustig als „Kindertänzer“ vorgestellt. Für alle politisch Korrekten: Hier gibt es keine Kinderarbeit. Die Männer sind beide über 20 und werden so genannt, weil sie schon früh die Tanzschule auf den Straßen Abidjans besucht haben.

Siegals Konzept scheint erst mal simpel: Jeder zeigt, was er kann, macht oder denkt, und die anderen machen es nach, versuchen es aufzunehmen oder darauf zu reagieren. Das sieht in Partyform so aus: Eine große Gruppe von Menschen, manche im passenden Kostüm zu ihrem Darbietungsstil, tanzen miteinander oder sie sehen sich gegenseitig zu oder sie tanzen zum Tanz der anderen. Währenddessen wird an die bewegliche Rückwand projiziert, was die müde Twittercommunity so in die Tasten rockt: ein paar wenige, öde Worte. Party verschlafen? Über allem, auf einem Podest unter der Decke, thront die Live-Elektronik. Von dort oben röhrt ein Münchner mit Seltenheitswert, Alexeij Sagerer, seine Schmatz-, Schnalz- und Grunz-Lautpoesie herunter. Oder er schweigt zu Songs von den Fantastischen Vier oder den Tiger Lillies.

Wo ist die Grenze zwischen Gästen und Performern? Foto: Hillary Goidell

Bei alldem spielt nicht nur der Spaß eine Rolle, den die Performer zweifellos miteinander und mit den hälsereckenden Gästen haben, sondern eben auch der Umgang mit geistigem und körperlichen Eigentum. So werden bekannte Größen der Rockgeschichte playback gecovert – und zu ungarischem Folklore-Erntedanktanz schallt „Wir ernten, was wir säen“ aus den Boxen.

Choreographische Highlights wie aus Jan Fabres Orgie der Toleranz bekommen einen eklektischen Auftritt – und der schon erwähnte Electric Slide gleich mehrere. Dieser einfache Breakdance-Grundschritt wurde von seinem Erfinder Richard Silver einst patentiert, es gab daraufhin einen ausführlichen Rechtsstreit. Bewegung als Eigentum? Kann jemand in den Möglichkeiten seiner Bewegungen limitiert werden durch andere, die sie vor ihm schon ausprobiert haben? Das klingt stark nach Freiheitsberaubung. Andererseits: Warum nicht? In der Wissenschaft geht ohnehin nichts ohne Patente und auch in vielen Künsten gibt es den Schutz des geistigen Eigentums. Für kleinste Musikzitate ist eine Gema-Genehmigung einzuholen. Beim Tanz geht es ja unter Umständen nicht um eine natürliche Abfolge von Bewegungen, sondern um eine bewusst eingeübte, choreographierte. Trotzdem bleibt der Widerwillen, sich eine Copyrightpraxis für Tanz vorzustellen. Denn gerade da, wo sie fehlt, kommt es auf einen toleranten Dialog und eine würdige Arbeitspraxis an.

Solche Fragen wirft Richard Siegals Arbeit auf. Während der letzten Jahre hat der Choreograph konsequent in den engen Grenzen eines philosophisch-tänzerischen Referenzsystems gearbeitet, in dem es für jede Aktion einen Katalog an möglichen Antworten gibt. „Bei ©oPirates“ ist noch alles offen. Was Siegal aber damit erreichen könnte, ist eine neue Begegnung zwischen Gedanke und Tanz – anstelle der bei zeitgenössischen Choreographen oft nur noch gedachten Bewegung. Dann ist Logistik Choreographie und Club Dancing nicht nur professionell, sondern Kunst – und Kunst eine Qualität der Begegnung. Ohne diese müsste die Materialanhäufung als zu kompliziert oder zu banal abgetan werden. Glück gehabt? Nein, gut gearbeitet.

Astrid Kaminski

Veröffentlicht am: 24.10.2010

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Aleks A.
25.10.2010 07:03 Uhr

"Der neue Wahlkampf heißt Tanz – keine schlechte Losung."

Vielen Dank für ein Artikel, das sehr viel von dem verstanden hat, was die CoPirates sind.

Wir Piraten sahen von Anfang an in Richard Siegals Konzept die tänzerische Darstellung dessen, was wir politisch und gesellschaftlich bewegen wollen.

In dem Sinne passt natürlich Richards Wahl von Skunk Anansie's "Yes, it's fucking political".

Besonders freuen wir uns darauf, im März wieder CoPirates sein zu dürfen. Und wieder mit Piraten des Tanzes eine philosophische Party zu veranstalten.

Schönen Gruß

Aleks

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