Jessica Kallage-Götze in der Galerie Art Thiess: Von der unerträglichen Schwere des Seins

von Michael Grill

"Im Schatten der Bäume". Foto: Kallage-Götze/ Art Thiess

Man erwartet so etwas nicht unbedingt direkt gegenüber dem Viktualienmarkt: Ein abgedunkelter Kellerraum, ein stiller, fast sakraler Ort für die Kunst. In der Galerie Art Thiess stellt die in Oldenburg geborene, 34 Jahre alte Münchnerin Jessica Kallage-Götze aus. Im Zentrum der kleinen Schau stehen zwei meditative Installationen. Die eine rührt an, die andere will zu viel.

Jessica Kallage-Götze wurde von der Galeristin Regine Scharpff-Thies in der Jahresausstellung der Kunstakademie vor zwei Jahren entdeckt; es ist ihre erste Einzelausstellung. Als Glasschleiferin hat sie gearbeitet und sich auf ungewöhnliche Materialien spezialisiert. Die Objekte bestehen aus Glas, Wachs, Blei.

Im hinteren Teil des Raumes befindet sich die Installation „Himmelschwer“, sie besteht aus drei im Grunde auch separat begreifbaren Objekten: zwei Figuren, ein Bett. Die Figuren sind aus Wachs, hohl aufgebaut, abgeformt vom Modell und gegenüber der Lebensgröße etwas verkleinert. Die Skulpturen sind anatomisch nicht perfekt, was man ihnen ankreiden kann, aber nicht muss, denn es macht sie in ihrer wächsernen Reinheit und Weichheit verletzlich und lebensnah.

Die eine Figur ist eine stehende Frau, die je nach Perspektive zwischen Mädchen und Greisin changiert. Nackt seht sie da und streckt eine Hand nach vorne, während ihr von oben Seifenblasen entgegenfliegen, die fast alle zerplatzen, bevor sie die Figur erreichen: „Homo bulla“ ist ihr Titel.

"Himmelschwer". Foto: Kallage-Götze/ Art Thiess

Abseits davon, knapp gegenüber der Wand, sitzt die zweite Frauenfigur aus Wachs, wartend, grübelnd, wie auf dem Boden angeschmolzen. Zwischen den beiden vergeblichen Menschlein steht ein leeres Bett mit einer zurückgeschlagenen Decke – komplett aus Blei. Das schwere Metall wirft buchstäblich Falten zwischen unerträglicher Schwere und edel schimmernder Massivität. Sehnen und Vergehen, Streben und Scheitern, „Himmelschwer“ beeindruckt als modernes Memento mori, als eine Art „Zeige deine Wunde“, das ohne schamanischen Überbau auskommt.

Die zweite Hauptarbeit bei dieser Ausstellung erreicht nicht die gleiche Tiefe. Auch bei „Im Schatten der Bäume“ liegt ein Wachsmädchen auf dem Boden, hier aber auf weichem Moos neben einem Baumstumpf. Mehrere Pfeile bohren sich in die Wand hinter und den Grund neben ihr. Auf sie wird geschossen, absichtlich oder auch nicht, doch sie liegt da wie in einem Dornröschenschlaf. Die Inspiration dazu stamme von einem von Abholzung bedrohten Gartengrundstück, erfährt man auf der Vernissage. Das verstärkt die Wirkung des Kunstwerks nur insofern, als es das etwas zu Offensichtliches unterstreicht: Bedrohung und Unschuld, Pfeilspitze und Wachs, das birgt nicht viel Geheimnis.

Wem das zu viel des Wollens ist, der kann sich der Filigranität einiger kleinerer Arbeiten zuwenden: Kallage-Götzes „Glasbilder“, die den glühenden Fluss des Materials auf Gips festhalten, und noch viel mehr die in uralter Sandkerntechnik hergestellten „Glaskokons“ machen das eigentlich ja völlig tote Material auf eine Art und Weise lebendig, dass man nur staunen kann.

Jessica Kallage-Götze bei Art Thiess mit „Im Schatten der Bäume“ bis 10. November, Frauenstraße 12, München (Mo-Fr 9 bis 18 Uhr). Außerdem gibt es Werke von ihr in der Kunstausstellung Mühldorf zu sehen – bis 16. Oktober 2011 im Haberkasten (Mi-Fr 15 bis 19 Uhr und Sa/'So 13 bis 17 Uhr).

Veröffentlicht am: 28.09.2011

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