"Es lässt mich nicht los": Raimund Hoghes Lecture Performance bei Dance 2010 im i-camp

von Michael Grill

Er spielt im modernen Tanz eine absolute Sonderrolle: Raimund Hoghe, der erst lange Journalist bei der „Zeit“ war, dann Dramaturg bei Pina Bausch in Wuppertal, um schließlich selbst auf die Bühne zu finden, als Mensch mit Kyphose, einer Wirbelsäulenverkrümmung. Es ist ein Meister der Reduktion, ein Minimalist – in Frankreich ein Star, in Deutschland jedoch wegen seiner Unangepasstheit oft gemieden. Umso schöner ist, dass Dance 2010 ihm in München eine Bühne bietet. Seine Lecture Performance im i-camp, also eine Art Vortrag mit Lehrbeispielen, faszinierte, zeigte aber auch einige Probleme von Tanz als Kunstsparte auf.

Raimund Hoghe, Minimalist. Foto: Rosa Frank

Hoghe kniete erstmal neben einem Laptop und ließ Videos erzählen, man sah ihn segnend mit Blumen und tastend auf imaginären Linien. Er führte ein in seine Welt der Musik („Musik ist so wichtig für mich, sie verändert die Atmosphäre“), demonstrierte die Wirkung der Klänge von Gustav Mahler und Claude Debussy, und die der Stimmen von Peggy Lee oder Maria Callas.

Man sah ihn (ebenfalls im Video) eingewickelt in einem Umhang auf dem Boden liegen, während sein Bühnenpartner verschiedene Gegenstände und ihn selbst mit Pinselstrichen aus Wasser einkreiste. Das meditative Vorspiel sollte die Zuschauer erst mal „runterbringen“ und einstimmen, wie er später erklärte, dann begann der eigentlich Tanz: das Öffnen und Schließen des Umhangs – minimalistischer geht es kaum. Und Hoghe sagte: „Da war wieder der Kontrast, der mich sehr interessiert hat, von der schönen Musik zu mir, wie ich da liege.“

Grundsätzliches erfuhr man über Hoghes Sicht auf seinen Körper („Als ich anfing,wollte ich mit dem Körper sagen, was ich mit Worten nicht sagen konnte“), dann gab er zwei Kostproben live auf der Bühne: Eine Übung mit zwei Gläsern Milch, die er nach einem strengen Muster im Raum zueinander anordnete, und eine kleine Performance mit Augenbinde, die erst seinem Träger vom Gesicht fallen musste, damit er in verschiedene engelartige Haltungen verfallen konnte. Insbesondere das „Öffnen“ und „Schließen“ des Raumes durch die Positionen der Milchgläser war faszinierend.

Hoghe leistet sich in der Selbstreflexion Selbstironie, das ist angenehm. Es zeigte sich aber auch, dass insbesondere für den Teil des Publikums, der offenkundig neu im Metier ist, das Sprechen über modernen Tanz mit zu vielen Plattitüden bemäntelt wird: „Das interessiert mich sehr“, ist eine künstlerische Aussage, aber insbesondere in der permanenten Wiederholung noch lange keine ausreichende Begründung für ein künstlerisches Tun. „Das Stück handelt vom Tod, aber auch vom Leben“, ist ein Satz, der geeignet ist so ziemlich alle Vorurteile von der rituellen Überinterpretation ästhetischer Bewegungen zu bestätigen. „Mich interessiert, wie die Dinge sich verändern“ - ja gut, wen interessiert das nicht?

Raimund Hoghe (links, hier bei einer anderen Performance). Foto: Rosa Frank

Das Publikum, insgesamt sehr jung und sehr weiblich, reduzierte sich in der Pause zwischen Lecture und Künstlergespräch, also nach gut der Hälfte von insgesamt drei Stunden, von gut gefüllt auf spärlich. Das Talkrunde war teils erhellend, teils irritierend. Letzteres lag vor allem an Moderator Thomas Betz, der sofort die Gesprächsführung aus der Hand gab. Von angekündigten drei Fragen schaffte er nur die erste, dann wart er nur noch gesehen, aber nicht mehr gehört: „Wie kam es zur Entscheidung für das Primat der Einfachheit, Langsamkeit, Wiederholung?“ Hoghe mit einer herrlich klaren Antwort: „Es ist wie beim Schreiben: Es kommt nicht drauf an, gut zu schreiben, sondern es geht darum, die schlechten Stellen wegzustreichen. Und wenn ich nicht mehr als zwei Gläser Milch brauche, warum sollte ich dann mehr hinstellen?“

Infolge des Ausfalls des Moderators nahm die im Publikum sitzende Dance-2010-Chefin Bettina Wagner-Bergelt die Sache an sich und fragte nach Widersprüchen in Hoghes Äußerungen, die dieser aber aufzulösen vermochte. Leider kippte das Gespräch dann in eine Insiderdebatte, in der viel von „der Pina“ die Rede war und Fragen gestellt wurden wie „Wird die Gedächtnisarbeit vom Publikum wahrgenommen als Tanzgedächtnis?“ Das war schon ein hartes Brot für die eigentlich Neugierigen auf den weichen Tribünenkissen des i-camp. Im Gedächtnis bleibt aber eine Hammer-Antwort von Hoghe, die das Transzendentale im Tanz auf den Punkt brachte: „Es geht in den Körper. Und selbst, wenn man nichts damit anfangen kann, fragen sich viele: Wenn es schon so schlecht war, warum lässt es mich nicht los?“

Am 26. Oktober 2010 zeigt Raimund Hoghe im Rahmen von Dance 2010 um 20.30 Uhr in der Muffathalle eines seiner bekanntesten Stücke, die „Bolero Variationen“.

Veröffentlicht am: 24.10.2010

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Ulrich Stefan Knoll
24.10.2010 16:37 Uhr

Meine Wahrnehmung der Moderation war eine ganz andere; das finde ich sehr interessant. Für mich war die bewusste und zudem angekündigte Zurücknahme des Moderators im Sinne des Publikums und sehr angenehm.

Man kann m.E. sehr wohl drei Fragen vorbereiten, diese aber hinter die Fragen und Wünsche des Publikums zurückstellen, sofern erwünscht.

Ich fand es sehr sensibel von Thomas Betz derart situationsbedingt zu entscheiden und sich nicht um jeden Preis "in den Vordergrund zu drängen".

Die Lecture-Performance vorab, obwohl überlang, hat bei mir sehr viel Neugierde geweckt und ich bedauere sehr die Bolero Variationen am Dienstag nicht sehen zu können.

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