Der Schauspieler Norman Hacker über Sesshaftigkeit, Veränderung und das Ankommen in München

von Gabriella Lorenz

Maren Eggert, Norman Hacker, Sophie von Kessel, Ulrich Matthes (Foto: Arno Declair)

Seine Antrittsrolle am Residenztheater hat er schon bravourös hingelegt: In "Zur Mittagsstunde" spielt Norman Hacker einen Durchschnittstypen, der als Überlebendern eines Amoklaufs zum Sektenguru wird. Nun ist er in Roland Schimmelpfennigs Vier-Personen-Stück "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" zu sehen. Die Uraufführungs-Inszenierung von Martin Kusej ist eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin. Norman Hackers Partner sind Sophie von Kessel als seine Frau, Ulrich Matthes und Maren Eggert als befreundetes Ehepaar. Gestern war die München-Premiere im Cuvilliéstheater. Der Kulturvollzug hat mit ihm gesprochen.

Herr Hacker, Sie spielen den Arzt Martin, der mit seiner Frau Carol sechs Jahre in Afrika gearbeitet hat. Nun sind beide zurückgekehrt. Sie sind zum Essen eingeladen beiFrank und Liz, Kollegen aus Studientagen.

Die vier treffen sich nach sechs Jahren wieder und sind sich völlig fremd geworden. Sie können gar nicht mehr miteinander und versuchen vergeblich, wieder herzustellen, was sie früher mal verbunden hat. Diese Grundsituation interessiert Schimmelpfennig. Er will nicht das große Fass aufmachen über den Hunger in der Welt, Ärzte ohne Grenzen oder Krisenhelfer, die sich aus dem Staub machen. Das sollen die Zuschauer ausdiskutieren, wenn sie das Stück gesehen haben. Dazu gibt das Stück Anstöße, bietet aber keine Lösungen.

Sind Martin und Carol frustrierte Gutmenschen?

Das Wort "Gutmensch" hat einen negativen Beigeschmack - in dem Sinne wollen alle vier Gutmenschen sein. Es gibt im Stück keine positive Figur. Alle haben Dreck am Stecken und sind nicht ehrlich miteinander. Martin und Carol sind wohl mit ehrlichen Hilfsabsichten nach Afrika gegangen, aber sie haben ihre Beziehungsprobleme mitgenommen. Martin ist Alkoholiker geworden, beide sind in Afrika ungeschützt fremdgegangen, lassen aber keinen Aids-Test machen.

Frank und Liz haben sich mit Kind im Wohlstand eingerichtet. Auch da kriselt es.

Alle vier haben irreparable Beschädigungen erlitten. Wir betrachten unser Bühnenbild als einen Seelenscanner, der das Innerste beleuchtet, die Momentaufnahmen eines Abends zeigt und die Beschädigungen.

Peggy Pickit heißt die Lieblingspuppe der Tochter von Frank und Liz. Das Gegenstück ist eine afrikanische Puppe. Wofür steht die?

Sicherlich für den Konflikt zwischen den Welten: Die eine ist künstlich, aus Plastik, die andere von Hand holzgeschnitzt. Aber im Spiel mit beiden ergeben sich auch interessante Assoziationen in Bezug auf Kinder.

Sie haben Martin Kusej vor 25 Jahren am Schauspielhaus Graz kennengelernt. Dort waren Sie 14 Jahre engagiert - für einen Schauspieler erstaunlich sesshaft.

Norman Hacker, Maren Eggert, Sophie von Kessel (Foto: Arno Declair)

Die Sesshaftigkeit hat den Vorteil, dass man für das Publikum zu einem Begriff werden kann. Und den Nachteil, dass man unbeweglich werden kann. Für mich war es nach 14 Jahren definitiv an der Zeit, an ein anderes Haus zu gehen.

Danach waren Sie immerhin auch neun Jahre am Hamburger Thalia Theater.

Als der Intendant Ulrich Khuon 2009 ans Deutsche Theater Berlin wechselte, bot er mir an, dort als Gast zu arbeiten. Ich wusste damals schon, dass ich 2011 nach München gehen würde. Da war diese Freiberuflichkeit für zwei Jahre eine Luxussituation. Ich hatte tolle Rollen, konnte mehr drehen und hatte die Sicherheit, auch 2011 meine Miete bezahlen zu können.

Sie spielen in Berlin noch "Die Weber" und "Puntila". Sind Sie schon richtig nach München umgezogen?

Schon im April. So konnten meine Frau Katharina Pichler, die auch hier engagiert ist, und ich uns gleich ganz auf die Arbeit konzentrieren. Ein Neustart mit einer Ensemblebildung ist aufregend. Der Film zu "Eyjafjalla-Tam-Tam", wo alle beteiligt sind, wurde schon vor der Sommerpause gedreht. So hatte man bereits mit allen zu tun und das Eis war gebrochen. Das hat eine tolle Basis geschaffen. Und das Münchner Publikum hat uns sehr offenherzig und warm aufgenommen. Die Berliner sagen eher: 'Beweist erstmal, was ihr drauf habt, bevor wir klatschen'.

In Berlin spielen Sie Kusejs Inszenierung schon seit einem Jahr. Die Kritiken waren nicht hymnisch.

In Berlin muss man einiges wegstecken, was Kritiken anbelangt. Schimmelpfennings Themenkreise sind schwergewichtig: Afrika-Krise, Wohlstandsgesellschaft, Kinderwünsche, Aids, Beziehungsprobleme. Da entsteht vielleicht das Gefühl, dass diese Themen nicht zur Genüge behandelt werden. Was allerdings den Rahmen sprengen würde. Und sicher kann man das Stück leichter, humoriger, beißender inszenieren. Aber das war nicht Kusejs Interesse.

Nächste Vorstellungen im Cuvilliésthater am 6., 22.November und 1. Dezember 2011, jeweils um 20 Uhr. Karten unter 089-2185 1940

Veröffentlicht am: 06.11.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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