Neonazis und Comics: Wenn Bart Simpson in Skin-Kluft marschiert

von Jan Stöpel

Ein neuer Kampf um Wien: Der österreichische Rechtsausleger Heinz-Christian Strache beim Türken-Bashing. Grafik: FPÖ

Mit ihrem zynischen Paulchen-Panther-Video, in dem sie ihre Opfer verhöhnen, schockten Neonazi-Mörder aus Thüringen Deutschland. Der Münchner  Comic-Experte Ralf Palandt spricht im Kulturvollzug-Interview über Rechtsextreme, Comics und Propaganda – und über Superman, der Hitler und Stalin festsetzt.

Schon bei Wilhelm Busch erhalten die bösen Franzosen eine Abreibung. Sehen Sie im Lieblingszeichner der Deutschen einen fernen Vorfahr des Propaganda-Comics?

Nein, es gibt keine direkte Verbindung. Es stimmt, dass Wilhelm Busch Comics gezeichnet hat. In einem Medium, das mit einer solchen Bandbreite kommuniziert wie Comics, sind politische Aussagen völlig normal. Und national bedeutet noch lange nicht rechtsextrem. Einen Zusammenhang sehe ich da nicht.

Kann man so eine Figur wie Pink Panther ernst nehmen? Comics verbindet man eher mit Spaß.

Das ist ein Irrtum. Comics stehen nicht per se für Witz und Spaß. Comics können ernsthaft, traurig und erschütternd sein. Das beste Beispiel ist „Maus“ von Art Spiegelman, ein Comic mit dem Holocaust als Thema. Der ist alles andere als lustig. Das Vorurteil von Lustigkeit des Genres ist ein Vorurteil, gegen das auch Comicexperten zu kämpfen haben.

 

Comicforscher Ralf Palandt. Foto: privat

Wird das Thema unterschätzt?

Rechtsextreme nützen Comics zur Auflockerung, als Sympathieträger, und das nicht erst seit der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund, Anmerkung der Red.). Wir hatten bereits vor einem Jahr eine Tagung, in der wir darauf hingewiesen haben, wie NPD und rechtsextreme Gruppen Comics verwenden, in Fanzines, Flyern und Do-it-yourself-Medien. Der NSU-Pink-Panther ist weder ein Einzelfall noch ein neues Phänomen. Dennoch nehmen Politik und Medien das Thema nicht ernst: Comics verbindet man einfach nicht mit Rechtsextremen. Es wird immer so getan, als kämen Rechtsextreme von außerhalb. Aber sie kommen aus der Gesellschaft, sie rekrutieren sich aus allen Schichten, und sie bedienen sich auch der Sprache der Gesellschaft – inklusive Comicfiguren. Die Welt der Rechtsextremen ist keine comicfreie Welt.

Sind Machwerke wie der rassistische Paulchen Panther ein Indiz dafür, dass die Rechtsextremen sich der Alltagskultur bemächtigen wollen?

Nein. Die Rechtsextremen, das betone ich, kommen nicht von außen auf die Gesellschaft zu, sie befinden sich im Inneren der Gesellschaft. Und sie verwenden Pink Panther, weil sie ihn selber gut finden. Sie halten ihn für einen Sympathieträger und finden ihn gut zur Auflockerung ihrer Botschaften. Sie imitieren Normalität nicht, sie sind ein Stück weit Normalität, auch wenn uns das erschreckt. Der nächste konsequente Schritt ist dann, wenn Figuren auf einmal im rechtsextremen Gewand auftauchen. Donald Duck, Bart Simpson und die Panzerknacker etwa: Auch die Rechtsextremen erkennen sich in diesen Figuren ein Stück weit wieder.

Ist eine derartige Vereinnahmung ein rechtsextremes Phänomen allein?

Comics findet man auf allen Ebenen, in jeder Richtung. Auch die im Bundestag vertretenen Parteien arbeiten mit Comics, aber auch die Linksextremen, ebenso wie die neuen sozialen Bewegungen in den 80er Jahren. „Asterix und das Atomkraftwerk“ ist vielleicht eines der bekanntesten Beispiele.

Wie viel konnten die Nazis mit Comics anfangen? Die waren offiziell strikt gegen amerikanische Kultur eingestellt.

Wir haben Artikel über Comics gefunden, etwa in „Das schwarze Korps“, der SS-Zeitung, mit übelster antisemitischer Hetze gegen Jerry Siegel, den Erfinder von „Superman“. Das hatte seinen Hintergrund darin, dass in einer Geschichte zuvor Superman nach Europa geflogen war und sich sowohl Hitler als auch Stalin gegriffen hatte, um beide in Genf vor den Völkerrat zu bringen. Comics werden in Nazi-Medien als blühender Blödsinn kritisiert, wenn Comicfiguren gegen Nazis antraten. Auf der anderen Seite gab es auch Sprechblasencomics zur Zeit der Nazis, auch wenn oft anderes behauptet wurde. Es hat da ausgesprochen politische, rassistische und antisemitische Comiczeichnungen gegeben.

Sollten Comics auch an der Schule gelesen werden?

Sie sollten als Unterrichtsmaterial verwendet werden, auf jeden Fall. Sie werden ja teilweise auch schon eingesetzt. Comics gehören zum Medienunterricht, ebenso wie die Zeitung.

Gibt es auch islamistische Propaganda-Comics?

Es gibt islamische Superhelden, ebenso wie es jüdische und christliche Superhelden gibt. Aber das geht nicht von den Extremisten aus.

Ralf Palandt ist Kommunikationswissenschaftler und Comicforscher. Er ist Herausgeber des Aufsatzbandes: „Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics“, 450 Seiten, 36 Euro, durchgängig farbig illustriert, Hardcover. ISBN 978-3-940213-62-4.

Veröffentlicht am: 02.12.2011

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