Radikal Jung im Münchner Volkstheater - der zweite Teil

Über die Grenze

von Jan Stöpel

Schillernd und berührend: Ariah Lester in "WHITE Ariane". Foto: Bas de Brouwer

Radikal Jung 2019 ist Geschichte - und hat einen der ungewöhnlichsten Sieger der vergangenen Jahre: Ariah Lester holte mit einer so schrillen wie poetischen Performance am Volkstheater den Publikumspreis. Warum das so kam, was wir am Ende sonst noch gut fanden, und was nicht.

 

Radikal Jung beschert einem immer wieder auch das Erlebnis der Grenzüberschreitung. Theater ohne Menschen, Theater ohne Worte, Theater ohne Handlung: Derlei konnte man auf den Bühnen des Volkstheaters schon sehen.

Auch die Auflage 2019 ließ Unterscheidungen verschwimmen. Ariah Lester auf der Kleinen Bühne des Volkstheater: Kunstfigur oder ganz realer Mensch? Die Theater-Aficionados machten beim Finale des Festivals der jungen Regie ohnehin keine Unterschiede und applaudierten beidem, dem Menschen ebenso wie der Kunstfigur und ihrer Performance: „(White) Ariane“ räumte den Publikumspreis ab, eine phasenweise schrille, manchmal aufreizend, oft poetische, immer aber berührende Produktion. Ein schillernder Künstler, laut Reisepass geboren in Venezuela, aber vielleicht aus dem selben Universum stammend, aus dem auch Ziggy Stardust einst auf die Erde reiste. Er erzählt von seiner Mutter, die bis kurz vor der Niederkunft ein Mädchen erwartete – womit er ziemlich fröhlich sein Schwulsein erklärt.

Aus ihrem während der Schwangerschaft geführten Tagebuch liest er, ihr widmet er seine von geradezu monumentalem Zuckerguss überzogenen Lieder. Kitsch? Ganz sicher. Bei ihm aber hundertprozentig stimmig. Am Ende spült sich Ariah Lester minutenlang die Farbe aus den Haaren und rubbelt sich die Maske vom Gesicht. Und siehe: dahinter kommt ein ziemlich sympathischer Mensch mit schüchternem Lächeln zum Vorschein. Das Münchner Publikum verzauberte er auch mit seiner Botschaft: Um die Liebe gehe es, um die Liebe und sonst nichts. Am Sonntag sah man sehr viele Leute, die sich mit dem Sieger freuten.Viel Beifall auch für die beiden anderen preisgekrönten Produktionen: In „(50/50) old school animation“ kreisen Mo Fry Pasic und Julia Mounsey um das Böse in uns. Die eine erzählt im kühlen Ton, wie sie zu seinem abgrundtief bösen Menschen wurde. Die andere zerlegt sich vor unsern Augen in ihre emotionalen Bestandteile. Besonders stark scheint er nicht zu sein, der Kitt der Zivilisation.

Frauen spielen bei Radikal Jung schon traditionell eine starke Rolle, so auch 2019: Sapir Heller durfte sich mit „Amsterdam“, inszeniert am Münchner Volkstheater, über den Preis der Master Class freuen.

Radikal Jung“ 2019: Wie immer gab es am Ende die Diskussion, ob das ein starker Jahrgang gewesen sei. Ein Jahrgang mit ganz schönen Qualitätsschwankungen, das jedenfalls. Der Abschluss gehörte einer fast schon ärgerlich routiniert inszenierten Komödie: „Um die Wette“ vom Vaudeville-Meister Eugène Labiche, von Philipp Moschitz am Landestheater Niederösterreich St. Pölten auf der lustig kurbelnden Drehbühne in Szene gesetzt. Es stimmte da einiges, das Tempo beispielsweise; mit dem bei jeder Umdrehung der Kulisse wachsenden Sitzmöbel dokumentiert Moschitz treffsicher die Absturzangst der Bürger, die sich mit ihrer Prahlsucht in die Bredouille bringen. Begeistert beklatscht, gehörte „Um die Wette“ dennoch zu den schwächsten Produktionen dieses Festivals. Ein Schenkelklatscher reiht sich an den anderen, die Erwartungen eines zu größeren Anstrengungen nicht mehr fähigen Publikums sind perfekt bedient, in Erinnerung wird davon nicht viel bleiben: Ein Tischfeuerwerk von Gags eben, weder radikal noch jung.

Auch vom flotten Witz getrieben: Christina Tscharyiskis Doppel-Produktion mit „Revolt. She said. Ravolt again“ von Alice Birch und „Mar-a-Lago“ von Marlene Streeruwitz. Das Gastspiel des Berliner Ensemble startet stark, bleibt aber irgendwann in der Diskurs-Mousse stecken. Vor allem die erste Hälfte aber unterhält dann doch entfernt wie ein guter Pollesch. Ist aber auch ein Spaß, wenn gute Schauspieler wie beispielsweise Patrick Güldenberg und Astrid Meyerfeldt temporeich und präzis um ihr Selbstverständnis als Mann und Frau fechten und mit Klischee und Gegenklischee den angeblich althergebrachten Konsens über Geschlechterrollen in Stücke hauen. Die Jugend darf sich durch den sporadischen Einsatz von Rapperin Ebow angesprochen fühlen.

Es war nicht alles Gaudi beim Festival, es war einiges ziemlich gut. Zum Beispiel „dritte republik“ von Thomas Köck, inszeniert am Thalia von Elsa-Sophie Jach. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg, und dazwischen irrt Kafkas Landvermesser im Schneesturm durch eine verwüstete Landschaft. Wo sind da Orte, wo die Grenze? Man kennt sich nicht mehr aus, weiß aber, wo man ankommen wird: im nächsten Desaster. Auch dank der großartigen Barbara Nüsse ein sehenswerter Abend in alptraumhafter Atmosphäre.

Alptraum – das gilt auch für Florian Fischers „Operation Kamen“, einer Kooperation vom Staatsschauspiel Dresden und dem Archa Theater Prag. Hier spielt eine Diktatur Theater, um Abweichler in eine tödliche Falle zu locken: Kaum sind sie in Angst versetzt, lockt sie ein Schleuser mit dem sicheren Grenzübertritt in den freien Westen. Doch das vermeintlich bayerische Grenzhaus ist Kulisse, der amerikanische Verhörsoldat ein Agent des tschechischen Geheimdienstes, der seine Opfer zu fatalen Geständnissen verleitet. Das perfide Spiel lockte Hunderte ins Verderben. Wir Zuschauer setzen uns Kopfhörer auf – und erfahren dank des famosen Lukas Rüppel als Solisten auf der Bühne, wie sich eine Diktatur diabolisch in die Köpfe schleicht.

Alptraum – das ist das Stichwort auch für Roland Topors Drama „Der Mieter“, von Blanka Rádóczy fürs Resi am Marstall inszeniert. Ein Mann freut sich über seine neue Wohnung, sieht sich von seinen sinistren Mitbewohnern jedoch alsbald an die Wand gedrängt. Was geht ab in diesem Haus, das ein seltsames Eigenleben führt? Zu betulich ist die Inszenierung, als dass uns das bis zum Ende interessiert hätte.

Poesie gab es auch noch, doch! „Yung Faust“ (der Titel, an Jugendsprache angelehnt, lautet wirklich so), von Leonie Böhm an den Kammerspielen in Szene gesetzt, verzichtet auf Faust, Grete und Mephisto als Individuen. Böhm schickt vielmehr Annette Paulmann, Julia Riedler und Benjamin Radjaipour in ein Gefühlslabor, in dem die drei Akteure zur herrlich verschrobener Musik von Johannes Rieder ihre Gefühle spielerisch ausprobieren und Texte von Goethe auf ihren Zungen zergehen lassen. Aus der Strenge der Tragödie und ihrer Zeit befreit, gewinnen seine Zeilen den Raum zum Atmen. Mal ein „Faust“ fast ohne Handlung und schon gar nicht mit bösem Ende, sondern ganz bei sich – und damit bei uns.

Da fehlt was? Stimmt, die ersten fünf Stücke von „radikal jung“. Zum ersten Drittel geht es hier.

Veröffentlicht am: 09.05.2019

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