"Kurze Interviews" am Münchner Volkstheater

Das fiese Geschlecht

von Jan Stöpel

Wortreich ratlos: Jonathan Müller, Jakob Immervoll und Silas Breiding in "Kurze Interviews mit fiesen Männern". Foto: Gabriela Neeb

Das starke Geschlecht auf dem Prüftstand. Oder dem Schaffott: Mit "Kurze Interviews mit fiesen Männern" rechnete David Foster Wallace mit dem Mann ab. Abdullah Kenan Karaca hat die Collage nun auf die Bühne des Münchner Volkstheaters gebracht.

Der Mann an sich ist in der Krise, derlei wird jüngst verstärkt festgestellt. Dabei ist der Mann schon sehr lange in der Krise, eigentlich vermutlich schon seit seiner Erfindung. Seit dem Tag also, da die eine Hälfte der Menschheit dank größerer Körperkraft und der Fähigkeit zum Jagen die Angelegenheit in ihrem Sinne klärte: Das Sagen haben die Männer. Kein Wunder daher, dass die Geschichte der Menschheit einigermaßen gewälttätig und chaotisch verläuft. Denn so richtig fertiggeworden sind die Männer mit dieser Rolle nie.

Das ist alles schon mal gesagt worden, doch selten so gnadenlos wie von David Foster Wallace, der vor gut 15 Jahren in "Kurze Interviews mit fiesen Männern" die Revue des Männlichkeitswahns mit größtmöglichem Ätzpotenzial abgeliefert hat. Daraus hat Abdullah Kenan Karaca jetzt zusammen mit Dramaturgin Rose Reiter am Münchner Volkstheater ein Stück gemacht. Genauer: eine Rechtfertigungscollage, ein Manifest der Unaufrichtigkeit, rational begründete Triebabfuhr.

Vincent Mesnaritsch zwängt das Ganze in einen Schlauch von Bühne, der im Nachtkasterl des Volkstheaters von beiden Seiten aus betrachtet werden kann. Eine Unterführung könnte das sein, ein Wartungsgang in einem Kraftwerk. Oder eine Laboranordnung, absichtsvoll unverortbar ist dieses lange Rechteck, das mittlere Drittel wie ein Podium erhöht. Wir können uns das Ganze als Siegertreppchen vorstellen.

Darauf treiben Silas Breiding, Jakob Immervoll und Jonathan Müller, was Buben so treiben, wenn sie miteinander spielen, Mut- und Schmerzproben, so was wie Brustwarzenzwirbeln und Tritt in den Schritt; Szenen von hohem Wiedererkennungswert sind das (Schulzeit, Sportverein!), und die Drei sind offenbar mit unendlichem Spaß dabei. So fängt es an, so harmlos albern bleibt es natürlich nicht, nicht im Leben, nicht auf der Bühne. Flugs mutieren Breiding, Immervoll und Müller immer wieder zu einem Ungeheuer mit drei und noch viel mehr Köpfen.

Im Chor sprechen sie die Suada von der Liebe zu den Frauen, was ihnen alles fehlen würde, wenn es die nicht gäbe, was alles so toll ist an denen und überhaupt. Und wie sie sich so mit ihren Taschenlampen von unten anleuchten, haben sie etwas Dämonisches und gleichzeitig Klägliches, so wie Gollum, den auch nicht wahre Liebe an seinen Schatz bindet. Der Mann: nicht, dass er nicht lieben könnte. Aber öfter noch begehrt er, will haben. Und wenn er's nicht bekommt, will er's womöglich kaputt machen. Die Frau als Objekt und Verfügungsmensch. Aufschlussreich ist, was die Drei da nicht sagen. So wie der Nazis, der seine Unvoreingenommenheit betont: Ich hab ja nix gegen Ausländer, aber... Auf die Art und Weise reden sich die Mannsbilder auf der Bühne immer wieder um Kopf und Kragen.

Der Abend hat eine Schwäche. Und die liegt nicht darin, dass Wallace nichts über gute Männer zu erzählen hat, sondern darin, dass Karaca und Reiter diese Facetten noch entschlossener hätten schleifen können. So aber haben die "kurzen Interviews" Längen.

Wenn man die ohne Schwund der Aufmerksamkeit durchsteht, dann erlebt man die faszinierende, ätzende und tieftraurige Bestandsaufnahme einer verunsicherten Spezies. Breiding, Immervoll und Müller wechseln mit bewundernswerter Leichtigkeit Stimmen und Register. Nur verabscheuen - das geht nicht. Noch in den fiesesten Fieslingen steckt ein Bub.

Ein Parcoreritt auf der Kippe, mal albern, im nächsten Moment brutal. Etwa, als Immervoll den andern Buddies und überhaupt allen im Raum die Leviten liest: Sicher grauenvoll, was diese Frau da bei ihrer Vergewaltigung erlebt hat, andererseits - andererseits ein Pfad zur Erkenntnis, den sie sonst nie beschritten hätte. Wer dieser Argumentation auch nur ein Stück weit folgt, ist schon auf den Leim gegangen.

Volkstheaters Beitrag zur #MeToo-Debatte: Brutal und doch gnädig. Man kann, man muss sich aber nicht zu den Fieslingen zählen.

Nächste Termine am 2., 3. und 9., 12.  und 30. Januar sowie am 23., 25. und 27. Februar 2019.

 

Veröffentlicht am: 25.12.2018

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