"Komischerweise buhen wir nie" - ein Interview mit Münchens treuestem Tanz-Fan

von Michael Grill

"Der Kontrast zwischen den Bewegungen der Frau und denen der Männer war sehr schön." Gisela Johannsen verteidigt vorsichtig die Inszenierung von Sabine Glenz gegen Kritik. Foto: Franz Kimmel

Gisela Johannsen (69) lebt in München-Neuhausen und ist einer der größten Tanz-Fans Münchens. Seit Jahrzehnten verfolgt sie die Szene und besucht so gut wie alle Inszenierungen. Wir haben mit ihr bei Dance 2010 die Produktion „Layers“ von Sabine Glenz im Schwere Reiter besucht, ein Stück, das nicht einfach zu verstehen ist, weil es nicht viel im herkömmlichen Sinn zu verstehen gibt. Zum Abschluss des Festivals ein Gespräch über den ewigen Konflikt zwischen Tradition und Moderne, das Tanz-Angebot in München und nackte irische Tänzer.

KULTURVOLLZUG: Frau Johannsen, sie waren hochkonzentriert während der Aufführung. Was bedeutet Ihnen Tanz?

GISELA JOHANNSEN: Sehr viel! Ich habe ja selbst gerne getanzt. Auch das Zuschauen gibt mir heute noch sehr viel, gerade beim klassischen Ballett, wenn die Stücke eine Handlung haben. Aber auch bei Sabine Glenz, wo es ja Kritik gab, dieser Tanz sei nur Gymnastik und sonst nichts, kann ich mich an den Bewegungen erfreuen.

Was ist das genau, was der Tanz Ihnen gibt?

Ganz viele Emotionen. Und ich bewundere die Leistungen der Tänzer.

Tanzen Sie heute noch?

"Romantisch veranlagt": Tanz-Fan Gisela Johannsen. Foto: Michael Grill

Nein, nein, heute nicht mehr. Früher habe ich mal Ballett gemacht, in einem Studio hier in München. Aber ich war sehr spät dran und körperlich nicht unbedingt gemacht fürs Ballett. Und es ist sehr lange her, ich war etwa 20 und habe es ein paar Jahre lang versucht.

Und Sie sind immer noch ein ganz großer Fan!

Ja, ich bin in fast jeder Vorstellung. Im Nationaltheater eigentlich fast immer. Im Gärterplatztheater gelegentlich.

Was spricht denn gegen's Gärtnerplatz?

Nun, dort ist sehr viel modernes Ballett, mir manchmal zu viel. Ich sehe mir das auch an, aber eben nicht so oft. Grundsätzlich haben wir in der Stadt ja beides, klassisch und modern. Auch an der Oper ist das Angebot dank der Leitung von Frau Bergelt und Herrn Lischka wunderbar breit gestreut.

Viele klassische Fans mögen den zeitgenössischen Tanz nicht – er sei zu abstrakt, zu theoretisch. Kennen Sie das Problem?

Nein, das stört mich absolut nicht, ich kann damit schon was anfangen. Es sind halt oft ganz andere Bewegungsabläufe. Ich sehe das so, wie es auch viele von den Tänzern sehen: Man ist froh, wenn ein moderner Choreograf mal was anderes machen lässt. Der Lukáš Slavický, der erste Solist des Bayerischen Staatsballetts, sagte mir mal, er wolle gar nicht immer die Prinzenrollen tanzen, eine Abwechslung durch die Moderne schätzt er sehr.

Die „Layers“ von Sabine Glenz sind ja zudem ein recht abstraktes Stück, ohne Handlung, bezogen auf die reine Bewegung im Raum und zur Musik. Was haben Sie dabei empfunden?

Ich genieße die Bewegungen und die Musik! Es war eine große Harmonie in den Abläufen auf der Bühne. Andererseits stimmt die Kritik schon ein bisschen: Das Stück wirkt wie Übungen in einem Proberaum.

Hat Sie das auch gestört?

Nein, ich komme damit gut klar. Wenn ich eine Handlung auf der Bühne haben möchte, kann ich mir ja „Romeo und Julia“ oder „Schwanensee“ ansehen. Auch „Giselle“ finde ich wunderschön, denn ich bin sehr romantisch veranlagt...

Erinnern Sie sich an ihr erstes Tanzstück?

Nicht direkt. Aber ich weiß noch, wie ich Anfang der 60er Jahre Constanze Vernon tanzen gesehen habe. Das hat mich sehr für den Tanz begeistert, aber ich habe nur noch vage Erinnerungen daran. Es ist ja auch bald 50 Jahre her! Aber Constanze sehe ich noch vor mir, als wenn es gestern gewesen wäre. Und diese andere Star-Tänzerin, die so riesig groß war – Margot Werner! Constanze hatte aber die größte Ausstrahlung, auch wenn die Werner immer was anderes behauptet hat.

Wie war damals, wenn man ins Nationaltheater ging?

Das war schon sehr feierlich. Aber im Grunde doch wie heute: Unten sitzt die Haute volée. Und je weiter man rauf kommt, desto netter werden die Leute. Und umso interessierter an der Kunst!

Wie hat sich der Tanz verändert?

Es ist schon alles sehr viel experimenteller geworden. Zwar war auch damals Constanze Vernon nicht grundsätzlich gegen das Moderne. Sie wusste, dass ein Tänzer oder eine Tänzerin stilistisch alles ausprobieren sollte in der kurzen Zeit, die er oder sie für eine professionelle Karriere haben. Noch deutlich mehr Experimente hat es dann später mit Frau Bergelt und Herrn Lischka gegeben.

Und Ihnen war nie eine Inszenierung zu wild, zu verstörend?

Nun, vor einiger Zeit ist es vorgekommen, dass mir bei einem Stück die Musik viel zu laut war. Man gewöhnt sich ja fast an alles. Aber das war doch einigen Leuten zuviel und mir auch. Und im vergangenen August war ich in der Muffathalle bei der Tanzwoche, dort war ein irischer Tänzer, der hat sich ganz langsam ausgezogen. Plötzlich war er ganz nackt! Aber das Stück war sowas von interessant! Ich dachte zwar noch, was macht der denn jetzt? Es war gar nicht abstoßend, auch wenn er nackt war.

Bei Dance 2010 inszenierte in der Muffathalle unter anderem Richard Siegal. Sein Stück war wie eine große Party mit Technosound. Würde Sie das auch interessieren?

"Mir gibt das sehr viel" - Szene aus "Layers" von Sabine Glenz. Foto: Franz Kimmel

Warum nicht? Techno ist zwar nicht unbedingt mein Stil. Aber ich habe zuhause zum Beispiel ein Stück auf Videokassette, das ist unheimlich interessant. Da tanzt eine farbige Tänzerin während im Hintergrund Tierherden vorbeiziehen. Das ist afrikanischer Tanz, gemixt mit Modernem. Ich bin da schon aufgeschlossen.

Was war denn ihr schönster Tanz-Abend in den 50 Jahren?

Das ist schwer, ich habe ja soviele Tänzerinnen und Tänzer kommen und gehen gesehen. Und wir hatten ja viele große Namen hier in München... Das Kirov-Ballett mit Elena Pankowa – ich denke, das war die tollste Aufführung, die ich je gesehen habe.

Springen Sie dann vom Stuhl auf und rufen Bravo?

Ein Bravo gibt es von mir schon, wenn es toll war. Aber Buh habe ich noch nie gerufen. Das ist auch nicht üblich, kein Kult wie in der Oper. Beim Tanz wird komischerweise nie gebuht.

Und Ihr Fazit nach den „Layers“ von Sabine Glenz?

Die Beziehungen der Bewegungen zueinander, auch die Abschnitte, wo Frau Glenz diese ganz weichen Bewegungen zeigt, das war schon schön. Auch der Kontrast zwischen den Bewegungen der Frau und denen der Männer. Aber ein zweites Mal sehen müsste ich es trotzdem nicht.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten...

… mein Wunsch wird schon erfüllt. „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Shakespeare kommt wieder auf die Bühne! Da freue ich mich schon sehr drauf im neuen Jahr.

Veröffentlicht am: 07.11.2010

Über den Autor
Andere Artikel aus der Kategorie
sabine glenz
07.11.2010 18:16 Uhr

Es ist ja nicht nur so, dass wir nie buhen:„(…) Die Welt hat uns nichts mehr zu sagen, weil sie uns nicht mehr betrifft. Die Stimmung einer Landschaft vermag uns nicht zu ergreifen, ein Drama uns nicht zu erschüttern. Keine Verzweiflung zerreißt uns das Herz, die Sehnsucht ist uns keine Ergriffenheit, sondern ein Streben, die Liebe keine Passion, sondern ein Akt. Der zivilisierte Mensch weint nicht und er lacht nur aus Höflichkeit. Kälte ist ihm Gewohnheit, Mäßigkeit seine Natur. (…)“

Gernot Böhme „Ethik leiblicher Existenz“

Woher rührt eigentlich unser Anspruch auf eine Kunst, die sich nährt von Illusionen?

Artikel kommentieren...






Reload Image