Eine knappe Gala und ein Meister der Knappheit

von kulturvollzug

Das Buch lebt, wie in München gerade das Literaturfestival beweist. Mit der Hochglanzverpackung einer Corine-Buchpreis-Gala aber schien das ehrwürdige Medium heuer zu fremdeln. Ein Stimmungsbericht von der Corine 2010.

Die Corine-Gala zur Verleihung des Bayerischen Buchpreises: Sie fiel heuer magerer aus als sonst. Es gab weniger Worte, eben kürzere Reden, von Lobrednern ebenso wie von zu Lobenden. Die Veranstaltung war auch ärmer an Humor als manch andere Gala, was vielleicht auch daran lag, dass Katrin Bauerfeinds Humor im edel-verschnörkelten Cuvilliés-Theater nicht recht rüberkam. „Ich bin jetzt weise“, hatte sie vor geraumer Zeit mal gesagt, kurz vor ihrem Antritt als „Polylux“-Moderatorin. Mag  sein; bei „Ehrensenf“ war sie sicher spontaner und lustiger.

Richtig mager war’s aber noch in einer anderen Hinsicht, wie einige Besucher berichteten. Um ein Haar seien die Häppchen ausgegangen. Wenn man sich dann noch daran erinnerte, was Wolf Dieter Eggert kurz vor der Gala gesagt hatte... Die Corine werde durchaus nicht von der gesamten Branche geliebt und schon gar nicht aktiv unterstützt. „Wir haben so gut wie keine Verlage mehr als Sponsoren“, hatte Eggert als Landesverbandsvorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels festgestellt. Und: „Die zehnte Corine ist unterfinanziert, es war sehr knapp in diesem Jahr.“

Knapp, nämlich an Seiten, ist auch der durchaus bemerkenswerte Roman, der heuer die Belletristik-Corine des „Zeit“-Verlages erhielt; so knapp sogar, dass Fritz Pleitgen meinte: „Kein Wort ist in diesem Roman zuviel.“ „Kokoschkins Reise“ heißt dieses Meisterwerk mit viel Substanz in wenigen Sätzen. Eine Lebensgeschichte und die Geschichte eines wirren Jahrhun-derts, große Gefühle und skurrile Kreuzfahrtunterhaltungen auf 190 Seiten – das soll dem Großlakoniker Hans Joachim Schädlich erstmal einer nachmachen.

Reichhaltig wurde es erst gegen Ende. Herbert Rosendorfer ward auf die Bühne gerufen, vom bayerischen Ministerpräsidenten. Für den gebürtigen Südtiroler Rosendorfer gab es von Horst Seehofer viel Lob. Ein Botschafter Bayerns „mit Weltgeltung“ sei er, ein Meister des „hintergründigen Humors und der feinen Ironie“, der den Bayern aus der Seele spreche. Der „dichtende Richter und richtende Dichter“ (Rosendorfers Selbstbeschreibung) mit einem Gesamtwerk von dutzenden Romanen, Essays, Drehbüchern, Abhandlungen und Stücken bedankte sich artig und sagte in Anspielung auf diverse Fragebogen: „Wenn ich gefragt würde, was ich mit beiden Armen aus meiner brennenden Wohnung retten würde, dann wüsste ich jetzt die Antwort.“

Die Porzellan-Figur der Corine wäre also bei Rosendorfer gut aufgehoben. Fragt sich, ob die Corine-Gala an sich in diesem Glamour-Konzept gut aufgehoben ist. Klar, sie soll keine Konkurrenz für Leipziger Buch- und Darmstädter Büchnerpreis sein. Eher ist sie als unbeschwertes Klassentreffen der Buchbranche in der europäischen Verlagshauptstadt München konzipiert, verbunden mit ein paar netten Leseempfehlungen. Eine Gala auch für die Praxis und den Markt also, aber durchaus mit Anspruch. Den belegen Preisträger wie Jonathan Safran Foer, Per Olov Enquist, Wilhelm Genazino, Martin Walser, Amos Oz, Rüdiger Safranski und viele, viele andere. Dieses Ziel jedoch wird man künftig verfehlen, wenn man all den Bambis, Fernseh- und Filmpreisen immer ähnlicher wird und dann auch noch an der Substanz spart. Eine Gala darf ruhig mehr Glanz und mehr Unterhaltungswert verbreiten als die insgesamt etwas kurzatmige Geschichte im Cuvilliés-Theater. Und ob mehr Verlage künftig mitmachen oder weniger: Ausreichend Häppchen sollte es 2011 schon wieder geben. Vorausgesetzt, es gibt die Corine dann auch noch.

Jan Stöpel

Nähere Informationen zu allen Preisträgern gibt es unter folgendem Link: http://www.corine.de/preistraeger/index.php

Veröffentlicht am: 25.11.2010

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