Zwei Ausstellungen in der Pasinger Fabrik

Jenseits der Ansichtskarten - Fotografen auf Stadtstreife

von Achim Manthey

Uschi + Dieter: Mein München (c) Eberhard Franke

Tänzerinnen, Erinnerungen und Details. In der Ausstellung "21 X Expedition München" präsentieren 20 Profifotografen ihre Sicht auf die Stadt. Und ein Amateur entdeckt ungewohnte Perspektiven.

Es ist der jungen Frau mit der gepiercten Unterlippe auf den ersten Blick nicht anzusehen, dass sie sich abends in "Diva DeSaster" verwandelt. Sorgfältig geschminkt, fantasievoll kostümiert und mit Strass behängt tritt sie vor überwiegend weiblichem Publikum auf. Erotischer Tanz, Humor, auch politische Satiren kommen vor. Figur und Alter spielen keine Rolle, solange die Tänzerinnen - vereinzelt auch mal der Tänzer - charmant sind und Ausstrahlung besitzen. In ihrer Fotoserie "New Bourlesque" nimmt sich Verena Gremmer der kleinen Münchner Szene an, die diese schon im 17. Jahrhundert begründete Kleinkunst pflegt.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts kam die Bourlesque als  Unterhaltungsform mit Tanz, Gesang und nie vollständigem Striptease in den USA auf, verschwand mit der Ganzkörperentkleidung und wurde in der 1990er Jahren bedeutend freizügiger neu belebt. Die Fotografin stellt eine Reihe von Tänzerinnen und einen Tänzer vor und zeigt in einer Gegenüberstellung deren bürgerliche Lebensumstände. Herausgekommen sind humorvolle, farbenfrohe Vorher-/Nachher-Portraits.

Die Expedition der Zwanzig

München Panorama (c) Jürgen Schrader

 

Die Fotografen, alle  Mitglieder der Vereinigung Freelens, zerlegen die Stadt jenseits (fast) aller Postkartenromantik in ihre Bestandteile. Tobias Hohenacker hat Gedächtnisorte aufgespürt, neben Bekanntem auch die eher verborgenen Stätten wie das Mahnmal für das Israelitische Krankenhaus in der Ludwigsvorstadt, das jüdische Sammellager in Berg am Laim oder die Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Volker Schmitt dokumentiert in der Reihe "ichPhone" die isolatorische, fast schon asozial anmutende Telefonitis allerorten.

Christian Scherr ist Herr über das Glockenspiel im Neuen Münchner Rathaus (c) Stephan Görlich

Im Retro-Stil der 1970er Jahre kommt die liebevolle Reihe "Uschi und Dieter" daher. Eberhard Franke hat das Paar durch die Stadt begleitet, in der es 30 Jahre zuvor einmal jung war. Und Barbara Stenzel zeigt in der Serie "Sie war ganz schlimm schön" von 2011 Portraits lesbischer Frauen aller Altersklassen in ihren Lebenssituationen. Farbgewaltig, plakativ und dann doch schon wieder klischeehaft sind "München leuchtet" von Martin Siepman oder die auf der Wiesn und dem Sommer-Tollwood entstandenen Lichtbilder von Lothar Fischer. Die abstrakten Collagen Münchner U-Bahn-Stationen von Rita Modl und die surreal verfremdeten Ansichten von Christiane Kappes heben sich deutlich davon ab.

Das ist vielfältig, interessant und zuweilen auch schlicht daneben wie die Reihe mit dem eigenwilligen Titel "Zuàgroàste" - die schreiben das tatsächlich so - von Andi Schmid, in der Zugewanderte portraitiert und mit ihrer Wohn- und Arbeitswelt konfrontiert werden. Warum da dann auch gebürtige Münchner auftauchen bleibt unklar. Die möglicherweise beabsichtigte Darstellung einer Assimilierung oder gar des "wahren Münchners" jedenfalls misslingt. Auch die "Wiesnleut" von Andreas Neubauer, oft gesehen und besungen, müssen bei aller Originalität in der Wiederholung nicht zwingend sein.

Ungewohnte Perspektiven

Richard Berndt, dessen in einer Einzelausstellung gezeigte Arbeiten sich nahtlos einfügen würden in die Serien der Profis, lenkt den Blick auf Details bekannter Münchner Bauwerke. Die Schwarzweiß-Aufnahmen laden zu einer betrachterischen Schnitzeljagd  durch die Stadt ein.

Hackerbrücke/ZOB (c) Richard Berndt

 

Wie Wegweiser scheinen die als Pfeile ausgebildeten Streben des Zaunes, der zur Leopold- und Türkenstraße hin den Garten der Kunstakademie umgibt, auf deren futuristisch anmutenden Neubau hinzuweisen. Die Keramikfassade der Sammlung Brandhorst wirkt monochrom wie eine irrlichternde Stehle im Raum. Und die Aufnahmen von Hackerbrücke und Zentralem Omnibusbahnhof vereint alte und neue Arbeiten mit Metall im Bau.

Berndt, 1953 geboren, ist seit 1981 Gymnasiallehrer in München. Schon während des Studiums führten den ambitionierten Hobbyfotografen ausgedehnte Reportagereisen durch Europa, den Orient, nach Brasilien, China und die USA.

Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten entwickeln in Komposition, dem Spiel mit Licht und Schatten, zuweilen aber auch in ihrer entwaffnenden Schlichtheit einen ganz besonderen Reiz.

"21  X Expedition München" bis zum 24. Juni 2012 in der Galerie 1-3, Lichthof und Bar der Pasinger Fabrik, Di bis So 16-20 Uhr, Eintritt 2 Euro, ermäßigt 1 Euro

Richard Berndt "München - ungewohnte Perspektiven" ebenfalls bis zum 24. Juni 2012 in der Werkstattgalerie dort. Eintritt frei.

 

Veröffentlicht am: 23.05.2012

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