Überraschung in Farbe - Die Fotografin Inge Morath in Schwabing

von Achim Manthey

Die Galerie (Foto: Achim Manthey)

Die Schwabinger Galerie °CLAIR zeigt in der Ausstellung "First Color" Farb-Fotografien der Magnum-Fotografin Inge Morath.

Sie bezeichnete sich selbst einmal als Schwarz-weiß-Fotografin. Dass das so nicht zutrifft, zeigte ein überraschender Fund in den Archiven der Agentur Magnum.

Inge Morath, 1923 in Graz geboren, wuchs in Berlin, München und in Frankreich auf. In Berlin absolvierte sie ein Sprachstudium. 1946 ging sie nach Wien, wo sie als Redakteurin arbeitete, sehr rasch auch Teil der Kultur- und Intellektuellenszene wurde und mit Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger befreundet war. Über die Zusammenarbeit mit dem österreichischen Fotografen Ernst Haas wurde Robert Capa, Mitbegründer der legendären Fotoagentur Magnum, auf sie aufmerksam und holte sie in das junge Magnum-Team in Paris, wo sie für die Agentur Texte schrieb.

Die Heirat mit dem Journalisten Lional Birch verschlug sie nach London, wo sie als Praktikantin für den Fotografen Simon Guttmann arbeitete. Danach wurde sie für zwei Jahre Rechereurin und Assistentin Henri Cartier-Bressons. 1955 wurde sie als erste Frau in den erlauchten Kreis der Magnum-Fotografen aufgenommen.

1960 lernte sie bei Dreharbeiten für den Film Misfits, bei denen sie Marilyn Monroe fotografierte, den Dramatiker Arthur Miller kennen, mit dem sie von 1962 bis zu ihrem Tod 2002 verheiratet war. Miller schreibt über die erste Begegnung in seinen Erinnerungen "Zeitkurven-Ein Leben":"Wir lernten uns in Reno kennen. Sie war mit Henri Cartier-Bresson gekommen, um zu fotografieren. Es gab kaum einen Film, der so große journalistische Beachtung fand wie Nicht gesellschaftsfähig. Sie waren die letzten einer großen Zahl von Magnum-Fotografen, die sich im Lauf der Monate abgelöst hatten. Marilyn mochte sie sofort. Sie schätzte ihre rücksichtsvolle Liebenswürdigkeit und - bei Fotografen sehr bemerkenswert - das Fehlen jeder Agression. Marilyn schwärmte sogar etwas von den Bildern, die Inge Morath von ihr gemacht hatte, denn sie spürte eine echte Zuneigung darin."

Inge Moraths fotografisches Werk ist geprägt vom Prinzip der humanistischen Fotografie. "Die Fotografie ist ein seltsames Phänomen", schreibt sie in ihren 1999 erschienenen Erinnerungen. "Es gibt nur dieses eine technische Instrument dafür, die Kamera. Und dennoch kommen keine zwei Fotografen, selbst wenn sie zur selben Zeit am selben Ort gewesen sind, mit demselben Bild zurück. Die persönliche Sicht ist von Anfang an da; das Ergebnis einer ganz speziellen Verbindung von Lebenshintergrund und Gefühlen, Tradition und Zurückweisung, Sensibilität und Voyeurismus. Man vertraut seinen Augen und entblößt doch zwangsläufig seine Seele. Die eigene Vision findet aus der Notwendigkeit, sich mitzuteilen, die geeignete Form des Ausdrucks."

London, England, 1953, Inge Morath (c) The Inge Morath Foundation/ Magnum Photo

Belichtet wird auf Schwarz-weiß-Film. Das Filmmaterial ist billiger und leichter zu handhaben als der Farbfilm. Und die großen Magazine bebilderten ihre Textbeiträge ohnehin mit Schwarz-weiß-Aufnahmen. Farbfotos fanden nur in der Werbung Verwendung. Das erklärt, warum Farbfotos von Inge Morath nahezu unbekannt bleiben. Sie waren in den Archiven der Agentur Magnum buchstäblich verschollen.

Erst 2007 wurden sie dort wieder entdeckt. Inzwischen wurden, so John Jacob, der Direktor der Inge Morath Foundation in New York, über 60.000 Farbaufnahmen von Inge Morath in den Archiven gesichert.

Ein Teil dieser Aufnahmen wird nun in der Münchner Ausstellung gezeigt. Der Fund beweist, dass Inge Morath bereits sehr früh damit begonnen hat, Farbfilm, überwiegend Kodachrome zu belichten. Das hier gezeigte Foto aus London entstand bereits 1953.

Die Ausstellung zeigt Aufnahmen, die geordnet sind nach der Reihenfolge der zahlreichen Reisen Moraths in viele Länder dieser Welt. England 1953, Irland 1954, Spanien 1955, Persien 1956, New York 1958, Tunesien und Gaza 1960, Deutschland und Österreich 1961.

Die Farbaufnahmen entstanden parallel zu den Schwarz-weiß-Bildern, was - heute gar nicht mehr vorstellbar - den umständlichen Wechsel der Filmpatronen in der Kamera erforderlich machte. Sehr klug zeigt die Ausstellung an ausgewählten Beispielen, wie das funktioniert haben muss. Da wird die zuerst entstandene Schwarz-weiß-Aufnahme neben dem kurz darauf entstandenen Farbfoto gezeigt, beispielsweise bei den 1955 entstandenen Bildern, die das Schmücken einer Braut in Spanien zeigen. Dass zwischen diesen Aufnahmen etwas passiert sein muss, erkennt auch der Betrachter. Während die Schwarz-weiß-Bilder häufig die sich unbeobachtet fühlenden Personen zeigt, schauen sie bei den Farbaufnahmen in die Kamera. In dem Moment des Filmwechsels konnte die Fotografin nicht unbemerkt bleiben. Der Intensität der Aufnahmen tut dies keinen Abbruch.

Café in Vienna, Austria, 1961, Inge Morath (c) The Inge Morath Foundation/ Magnum Photo

Es ist eine interessante, eine wichtige Ausstellung. Die gezeigten Bilder - die Negative sind überwiegend mehr als 50 Jahre alt - haben eine erstaunlich hohe technische Qualität. Sie wurden speziell für diese Ausstellung in den Studios von Magnum Photos geprintet (für den Feinschmecker: die Schwarz-weiß-Aufnahmen in Vintage Gelantine Silver Print, die Farbaufnahmen in Archived Pigment Print). Die Schärfe und Farbintensität der Fotos ist beeindruckend und zeigt wieder einmal, wie viel mehr der Film gegenüber der Digitalaufnahme leisten kann.

Viele der Aufnahmen sind erstmals in Deutschland zu sehen. Die kleine Reihe mit Bildern aus Deutschland und Österreich wurden exklusiv für die Ausstellung in München zur Verfügung gestellt.

Es ist ein Verdienst der Galerie °CLAIR und ihrer Macher Anna-Patricia Kahn und Markus Penth, dies für München gesichert zu haben.

Wünschenswert wäre es allerdings, wenn dem Besucher der Ausstellung etwas mehr Ruhe und Gelegenheit gegeben würde, das Gezeigte anzusehen und aufzunehmen. Sicher, den Galeristen geht bei der Anzahl und Qualität der gezeigten Exponate das Herz über. Das gut gemeinte Erläutern dessen, was man sieht oder sehen soll, ist zuweilen des Guten zu viel. Der interessierte Betrachter ist mündig und kundig genug, zu sehen.

Eine sehenswerte Ausstellung.

Die Ausstellung ist noch bis zum 30. Januar 2011 in der Galerie °CLAIR, Franz-Joseph-Str. 10 in München, Dienstag bis Samstag von 15 bis 19 Uhr oder nach vorheriger Anmeldung, Tel 089-3866743, www.clair.me, bei freiem Eintritt zu sehen (vom 20. Dezember 2010 bis 6. Januar 2011 ist die Galerie geschlossen). Als Ergänzung empfehlen wir das Buch Inge Morath, First Color, Magnum Steidl 2009, 40 Euro, in der Ausstellung erhältlich.

Veröffentlicht am: 19.12.2010

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